Erfolgsverleger geht neue Wege

Foto: Christine Paxmann
Foto: Christine Paxmann

Interview mit Christian Strasser über eine neue Ethik

Der ehemalige Top-Manager und leidenschaftliche Büchermacher Christian Strasser ging für seine Überzeugung ungewöhnliche Wege. Sein Credo: „Nur mit Ethik können wir die Probleme der Welt lösen.“

Das Gespräch führte Michaela Doepke.

Frage: Herr Strasser, Sie wurden als Erfolgsverleger gefeiert und standen als Top-Manager auf der internationalen Bühne mit Wirtschaftsbossen und Politikern. Weil es dabei nur um Macht und Profitdenken ging, sind Sie ausgestiegen und für Ihre Überzeugungen eingetreten. Sie folgten plötzlich Ihrer inneren Stimme. Wie kam es zu diesem Wandel und was war der Auslöser?

Antwort: Ich habe, wenn ich so sagen darf, zwei große „Karrieren“ in der Medienindustrie oder Medienwelt hinter mir. Die eine war bei dem großen amerikanischen Verlag Time, Time Magazin, Time Life. Weit über ein Jahrzehnt lernte ich dabei nicht nur die Welt kennen, sondern auch, wie man auf richtig amerikanische Art und Weise Unternehmen führt.

Ich war da zum Schluss Herr über nahezu 30 Firmen in der ganzen Welt und hatte auch das aus heutiger Sicht zweifelhafte Vergnügen, auf die Harvard Business School zu gehen, um dort zu lernen, wie man wirklich Profit, Umsatz und Wachstum generiert. Das war die eine große Erfahrung. Ich wollte meine eigene größere Verlagsgruppe in Deutschland aufbauen, jedoch eine mit einer anderen Kultur, die auf Werten und Strukturen beruhen sollte, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht. Durch menschliche Fähigkeiten, also durch Kreativität, Intelligenz, Schnelligkeit und auch Mut wollte ich sozusagen die Kapitalbasis ausgleichen.

Beide Male bin ich gescheitert. Das erste Mal, weil irgendwann nicht nur ich, sondern auch meine gesamten Mitstreiter in Amerika völlig ausgebrannt waren. Viele sind im Alter von Anfang 50 gestorben, so enorm war der Druck, den diese angloamerikanische Art und Weise, Business zu machen, auf Menschen lasten lässt. Das letzte Mal, weil ich irgendwann einfach kein Geld mehr hatte und der Umsatz sich verzwanzigfachte, so dass ich die gesamte Gruppe verkaufen musste.

„Irgendwann bin ich aufgewacht und habe mich gefragt: Was ist hier eigentlich los in der Welt, und wer bin ich überhaupt?“

Irgendwann, um Ihre Frage zu beantworten, bin ich aufgewacht und habe mich gefragt: Was ist hier eigentlich los in der Welt, und wer bin ich überhaupt? Ich habe mich angeschaut, mein Umfeld und meine Familie. Und nachdem ich feststellte, dass ich abgehoben hatte in eine andere Welt und meine Seele nicht mehr atmen konnte, habe ich nach einer Pause – die Pause war ein sechsmonatiges Wandern durch Neuseeland – gemerkt: Ich hab damit nichts mehr zu tun. Ich brauche Nahrung für meinen Geist, für meine Seele und möchte mich völlig hingeben, mich für eine Sache, ein Ziel, eine Idee engagieren. Das brauche ich, sonst kann ich keine Kräfte mehr entwickeln. Und so kam es, dass ich in einem Alter, wo andere Leute sich längst zurückziehen, vor sechs, sieben Jahren, beschlossen habe noch einmal völlig neu anzufangen, und jetzt gerade mache ich im Januar meinen fünften Verlag auf.

Frage: In ihrem Buch „Das erwachende Bewusstsein“ fordern Sie einen Paradigmenwechsel, einen Bewusstseinswandel und einen Aufbruch in die neue Zeit. Könnten Sie Ihre Botschaft näher erläutern?

Antwort: Ich denke, jeder einigermaßen bewusst lebende Mensch spürt, dass irgendetwas nicht mehr stimmt auf diesem Planeten, dass es nicht ewig so weitergehen kann, dass das Wachstum nicht unendlich sein kann, sondern dass wir irgendwann an einen Punkt kommen, wo eben kein Wachstum mehr möglich ist. Wenn man bedenkt, dass für dieses Wachstum heutzutage eine unfassbare Summe an Schulden gemacht und das Geld in unvorstellbaren Mengen zu null Zinsen und ohne realen Gegenwert in den Kreislauf gepumpt wird, nur weil man sagt „Wir müssen wachsen, wachsen, wachsen“, dann spüren die Menschen einfach, dass das nicht sein kann. Und genauso ist es mit der Ökologie, mit dem Raubbau an der Natur, der dann im Klimawandel mündet. Genauso ist es bei dem ganzen Thema Energie – all das ist ja limitiert und nicht unerschöpflich.

„Ich denke, jeder einigermaßen bewusst lebende Mensch spürt, dass irgendetwas nicht mehr stimmt auf diesem Planeten.“

Es kann also gar nicht so weitergehen, sondern es muss ein anderes Bewusstsein entstehen, sich in den Menschen, in deren Seelen und Köpfen ausbreiten, indem sie innehalten – möglichst viele – und sich das Gleiche fragen, was ich mich gefragt habe: Was passiert hier eigentlich? Und gibt es auch eine andere Art und Weise zu leben, statt immer nur zu konsumieren und zu verbrauchen, um dadurch eine Maschinerie im Schwung zu halten, die von den Menschen im Grunde einen hohen Preis fordert, letztendlich auch die Gesundheit von Körper, Geist und Seele angreift?

„Gibt es auch eine andere Art und Weise zu leben, statt immer nur zu konsumieren?“

Und wenn Sie mich fragen nach der sogenannten Botschaft – die Botschaft ist: Schaut euch an, schaut euch erst einmal selber an, jeder Einzelne, seine Familiengeschichte, sich selbst, und versucht herauszufinden, wer man wirklich selber ist hinter der Fassade des Erfolgs, der Karriere und dessen, was nach außen sichtbar ist. Und auf dieser Basis entsteht dann von ganz alleine ein Weg, der wahrscheinlich bescheidener ist, der einfacher ist, aber, wie ich denke, sehr viel befriedigender und glücklicher.

Frage: Sie treten für eine neue Zeit ein. Wie soll diese aussehen? Sind Sie ein Visionär und wollen eine neue Welt schaffen? Oder würden Sie sich als Weltverbesserer bezeichnen?

Antwort: Ich würde sehr gerne eine neue Welt schaffen, aber ich habe eingesehen, dass ich das nicht kann. Ich kann sie auch nicht retten und nicht wesentlich verbessern. Das muss ich nüchtern sagen. Und trotzdem versuche ich, in meinem bescheidenen Rahmen einen Beitrag zu leisten, damit vielleicht doch noch rechtzeitig ein Umdenken erfolgen kann.

„Es muss ein Bewusstsein entstehen, das auf Ganzheit beruht. Nicht auf Trennung, sondern auf Einheit.“

Diese neue Welt kann nur eine sein, die den Menschen dahin zurückbringt, wo er eigentlich herkommt, nämlich in Einklang mit der Natur zu leben, in Einklang mit dem Universum, in Einklang mit seiner Seele und seiner inneren Stimme und dessen, was wir eigentlich als Menschen sind: weg von einer Welt, in der die Materie den Geist beherrscht, und zurück zu einer Welt, in der – wenn überhaupt – der Geist die Materie beherrscht. Es muss ein Bewusstsein entstehen, das auf Ganzheit beruht. Nicht auf Trennung, sondern auf Einheit. Auf der Erkenntnis, dass wir Menschen alle miteinander verbunden sind, dass alles, was wir tun, mit uns verbunden ist und auf uns zurückwirkt.

Frage: Welche Resonanz haben Sie bisher auf Ihr Buch und Ihre Botschaft erhalten? Kann ein Buch im digitalen Zeitalter heute noch den Lauf der Welt verändern?

Antwort: Das kann es zweifellos, auch wenn es mein Buch nicht sein wird, weil ich es schon vor fünf Jahren geschrieben habe. Und es ist erstaunlich, dass es jetzt an Aktualität und Popularität gewinnt. Es kommen jetzt immer mehr Menschen auf mich zu und sagen: „Ich habe Ihr Buch gelesen, mein Gott, was Sie darin sagen, das ist ja tatsächlich alles so.“ Nicht nur ein Buch kann die Welt verändern, sogar ein Wort oder ein Satz, daran glaube ich ganz fest. Kleinste Dinge können die Welt verändern.

„Ich setze auf die Frauen und die junge Generation.“

Natürlich prallt ein solcher Geist oder eine solche Haltung auf eine Wand der Materie und des Äußeren und, wenn Sie so wollen, eines Weltfinanzsystems, einer globalen Wirtschaft, die sich ausschließlich den äußeren sogenannten Werten verpflichtet fühlt. Das bedeutet aber nicht, dass ein anderes Bewusstsein oder der Geist diesen Kampf verlieren wird. Ich setze hier besonders auf die Frauen und auf die junge Generation. Denn die „großen Mächtigen und Reichen“ der Welt kommen auch nach Hause und treffen auf ihre Frauen und Kinder beim Abendbrot, und die stellen Fragen, und der Papa wird nicht immer eine richtige Antwort haben.

Frage: Mit dem 2009 gegründeten Scorpio Verlag stellen Sie sich bewusst gegen den kommerziellen Buchmarkt und verlegen ausschließlich Bücher, die sich mit ganzheitlichem Denken, Wertewandel, Spiritualität und gesellschaftskritischen Themen befassen. 2012 haben Sie den Europa-Verlag Wien gekauft, der eine Plattform für den europäischen Geist und humanitäre Gesinnung sein möchte. Sie fördern mit Ihrer verlegerischen Tätigkeit bewusst eine neue Ethik und nachhaltiges Denken. Worin besteht diese neue Ethik genau?

Antwort: Zunächst ein paar ganz kurze Worte zum kommerziellen Buchmarkt. Natürlich muss jeder Markt, auch der Buchmarkt, kommerziell sein, sonst könnten die Buchhandlungen und die Verlage nicht leben. Nachdem ich aber jahrzehntelang Bücher gemacht habe, die vor allen Dingen auch das Ziel hatten, Umsatz zu bringen, auf die Bestsellerlisten zu kommen, konnte ich das nicht mehr. Und seit einigen Jahren, wie Sie selber sagen, mache ich Bücher, die ich aus inhaltlichen Gründen verlege, die eine Botschaft haben. Und darum geht es. Das sage ich nur, um den Buchmarkt nicht einseitig zu verdammen. Der ist in Deutschland großartig, und es gibt Tausende hochengagierter Buchhändler, die sich einsetzen und auch sich selber ausbeuten, und es ist wichtig, dass die leben können.

Worin die neue Ethik besteht: Ich bin da ganz altmodisch und halte es mit Immanuel Kant. Ich versuche mich mit all meinen Schwächen und all meinen auch durch die Kriegs- und Nachkriegszeit bedingten seelischen Verletzungen so zu verhalten, wie ich möchte, dass man sich mir gegenüber verhält. Und ich versuche, Vorbild zu sein auf altmodische Art und Weise. Ich verlange von keinem irgendetwas, was ich nicht von mir selbst verlange. Und ich versuche nach bestem Wissen und Gewissen – um das neue große „Modewort“ zu benutzen –, achtsam zu leben. Gerade in dieser Zeit, wo sozusagen die Werte auf der Kippe stehen und Gefahr laufen, unter einer gigantischen Geld-, Profit- und Konsumwalze völlig zerstört zu werden, wo der Mensch aufhört zu denken und zu einer manipulierten Masse für die großen Marketingmaschinen der globalen Konzerne verkommt. Achtsam leben ist eine Haltung, eine Einstellung: zuzuhören, jemand anderen wirklich zu sehen, d. h. versuchen, ihn in seinem Inneren zu erkennen, und ihn als Unternehmer, der ich ja auch bin, auf seinem Weg zu begleiten und zu fördern. Mich so zu verhalten, dass immer der Mensch und seine Seele im Mittelpunkt steht.

Frage: Können wir mit Ethik Ihrer Ansicht nach die Probleme der Welt heute lösen?

Antwort: Der in München sehr berühmte Professor Hans-Werner Sinn hat gesagt: „Wer sich mit Ethik beschäftigt, soll die Finger aus dem Geschäft und aus der Wirtschaft lassen.“ Ich habe Herrn Sinn selbst einmal verlegt. Ich glaube, mit dieser seiner letzten Ansicht liegt er völlig falsch. Ich glaube, nur mit Ethik können wir die Probleme der Welt lösen, das ist allerdings ein langer, langer Weg, und man sieht an der Meinung dieses hochangesehenen und auch hochseriösen Wirtschaftswissenschaftlers, wie weit der Weg noch ist.

Ethik heißt auch zu erkennen, dass nicht alles unendlich ist, es heißt zu erkennen, dass wir ein Teil des großen Ganzen sind, es heißt zu erkennen, dass dieses einseitige Setzen auf permanentes Wachsen nicht im Interesse der Menschen auf diesem Planeten ist.

Frage: Was kann der Einzelne tun, um diesen Wertewandel zu unterstützen? Oder ist er machtlos?

Antwort: Er ist nicht machtlos, aber es ist ein langer Prozess. Natürlich kann der Einzelne etwas tun, jeder in seinem Bereich, jeder in seinem eigenen Umfeld, klein und bescheiden, manch einer größer. Ich versuche es durch Bücher, ein anderer versucht es durch eine Fernsehsendung oder ein Radiointerview. Sie versuchen es als Journalistin. Es gibt viele Wege. Die Frage ist, wann springt der Funke über auf die kritische Masse? Das ist der Wettlauf mit der Zeit, den wir alle zu bestehen haben. Es meditieren immer mehr Menschen, immer mehr fangen mit Yoga an. Immer mehr Menschen steigen um, manche auch ganz aus, sie wechseln den Beruf und sind nicht bereit, sich als Getriebene in ein Rad zu begeben, wo sie merken, dass es nicht gut für sie ist. Ich habe große Hoffnung, dass wir diesen Kampf gemeinsam gewinnen können, aber es bedarf Zähigkeit und ein bisschen Glück und manchmal vielleicht das richtige Wort zur richtigen Zeit vom richtigen Menschen.

Frage: Herr Strasser, im Namen vom Netzwerk Ethik heute danke ich Ihnen für dieses Gespräch.

Antwort: Dankeschön, es war mir eine Ehre.

Das Interview führte Michaela Doepke

Christian Strassers verantwortete als »Vice President International« des Time-Life-Konzerns das weltweite Buchgeschäft, gründete später das Verlagshaus Goethestraße und formte als verlegerischer Geschäftsführer maßgeblich die Verlagsgruppe Ullstein-Heyne-List. Seit 2009 veröffentlicht er in seinem neu gegründeten Scorpio Verlag ausschließlich Bücher, die sich mit ganzheitlichem Denken, Spiritualität und gesellschaftskritischen Themen beschäftigen. Autor des Buches  „Das erwachende Bewusstsein. Aufbruch in eine neue Zeit“, Scorpio Verlag . Weitere Infos unter: www.scorpio-verlag.de 

 

 

 

 

 

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