Europa Verlag Berlin
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Ist Zukunft ohne Vergebung möglich?

Ein Buch von Simon Wiesenthal

Der Holocaust-Überlebende hatte 1969 das Buch „Sonnenblume“ herausgebracht, das jetzt in Deutschland wieder neu aufgelegt wurde. Zentrale Frage: Soll man, darf man den Nazis vergeben? Bekannte Persönlichkeiten verschiedener Religionen und Weltanschauungen suchen nach einer Antwort.

 

1969 erschein erstmals das Buch „Die Sonnenblume“ des Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal. Er überlebte mehrere Konzentrationslager und machte es sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur Aufgabe, die Täter der NS-Herrschaft aufzuspüren, Beweise gegen sie zu sammeln und sie vor Gericht zu bringen. Wiesenthal hatte auch Adolf Eichmann in Argentinien ausfindig gemacht und die Informationen an die israelische Regierung weitergegeben. Eichmann wurde später vom israelischen Geheimdienst nach Israel entführt und vor Gericht gestellt.

„Die Sonnenblume“ ist eine autobiografische Erzählung über ein zutiefst moralisches Dilemma. Im Jahr 1942 wird der KZ-Häftling Simon zu einem sterbenden SS-Soldaten geführt. Dieser berichtet ihm von den Grausamkeiten, die er gegenüber den jüdischen Familien verbrochen hat und bittet Simon um Vergebung – eine ungeheuerliche Bitte eines Täters an ein Opfer.

Mitleid ja, aber mehr kann der Erzähler in diesem Moment nicht empfinden. Er möchte ganz einfach nichts mit dem Soldaten zu tun haben. Hadernd verlässt er das Krankenlager, sich immer noch fragend, ob er ihm verzeihen sollte. Am nächsten Tag wird er erneut ins Lazarett gebracht und erfährt, dass der Soldat verstorben ist. Er hat Simon seine Habseligkeiten vererbt. Simon jedoch ist unfähig, diese anzunehmen und lässt sie an die Mutter schicken.

Einige Jahre später tauchen die Erinnerungen wieder auf, doch Simon ist weiter im Ringen um die Frage, ob er hätte verzeihen sollen. Die Frage blieb, und Wiesenthal entwickelte daraus ein größeres Buchprojekt. Er bat Menschen auf der ganzen Welt, etwas zur Beantwortung beizutragen: Soll man und darf man den Nazis vergeben?

Auf der ganzen Welt ein wichtiges Nachdenkbuch

Erstaunlicherweise ist das Buch in Deutschland fast unbekannt. Während es in in 20 Sprachen übersetzt und weltweit immer wieder veröffentlicht wurde, erschien es hierzulande zuletzt 1981. Dabei ist die Frage nach Versöhnung angesichts der anhaltenden Gewaltkonflikte auf der Welt immer noch aktuell und für viele Menschen, die die Erfahrungen von furchtbarem Leid gemacht haben, imminent wichtig, um nach der Wiederherstellung von Frieden weiterleben zu können.

Einige Länder haben gute Erfahrungen mit institutionalisierten Versöhnungskommissionen, in denen sich Täter und Opfer im geschützten Rahmen des Rechtssystems begegnen können, gemacht. Desmond Tutu, der Leiter der südafrikanischen Kommission, hat in der vorliegenden Neuausgabe über das Ringen nach Vergebung vor dem Hintergrund unglaublicher Grausamkeiten im Apartheidsstaat folgendes berichtet:

„Es ist klar, würden wir lediglich nach ausgleichender Gerechtigkeit Ausschau halten, könnten wir genauso gut den Laden schließen. Vergebung ist keine nebulöse Sache. Vergebung ist in die Tat umgesetzte Politik. Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft.“

Das Ringen um eine Antwort

Nicola Jungsberger ist die Herausgeberin der deutschen Neuausgabe aus dem Herbst 2015. Neben einer Auswahl von 15 Antworten aus früheren Ausgaben hat sie in der Neuausgabe 44 weitere Persönlichkeiten mit ihren Einschätzungen wiedergegeben. Jungsbergers Initiative und Energie ist es zu verdanken, dass diese wichtige Frage nun auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende noch gestellt werden kann.

Zu Recht weist Jungsberger in ihrem Vorwort darauf hin, wie verschieden wir die Welt und Geschehenes wahrnehmen und darauf reagieren können. Interessant sind dabei beispielsweise die unterschiedlichen Perspektiven der Glaubensrichtungen, auf die unter anderem die Kantorin und Sängerin Jalda Rebling verweist:

„Wir haben ein völlig anderes Konzept von Vergebung, als es in christlicher Tradition üblich ist. Also Übertretungen, die ich Gott gegenüber begangen habe, die kann Gott mir vergeben. Aber die Übertretungen von Mensch zu Mensch, die können nur die Menschen miteinander klären. Und ich habe kein Recht, für jemand anderen eine Vergebung zu geben, wenn es nicht meine Geschichte ist.“

Auf diese Art ist das Buch auch ein Beitrag zur Völkerverständigung, zum Verständnis des Anderen, der in moralischen Dilemmata ganz anders handeln mag.
Das Buch beleuchtet die Frage von verschiedenen ethischen, religiösen und philosophischen Punkten. Es vereint sowohl Praktiker als auch Theoretiker in ihrem Nachdenken.

Und doch empfinde ich die Frage auch als Zumutung. Können wir sie beantworten, ohne dieses Leiden erlebt zu haben? Doch so vielschichtig wie der Mensch, sind auch die Antworten der Autoren in diesem Buch. Und so ist der Herausgeberin sehr zuzurechnen, dass auch dieser Punkt angesprochen wird, wenn der Schauspieler Josef Bierbichler äußert:

„Sich in ein Opfer der nationalsozialistischen Ideologie hineinzuversetzen und dessen inneren Kampf, ob Verzeihen in diesem Fall möglich ist oder nicht, selbst nicht durchlebt zu haben, das ist wohl unmöglich.“

Stefan Ringstorff

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