Wasser – ein Menschenrecht für alle

khw1020/Photocase.com
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Plädoyer für eine bedrohte Lebensressource

Obwohl es auf der Erde genug Wasser für alle gibt, kündigen sich aufgrund der ungleichen Verteilung weltweit dramatische Folgen an. Daher fordert der Autor, Wasser als Naturrecht und Gemeinschaftsgut für alle Menschen anzuerkennen.

Die goldenen Zeiten sind vorbei. Der Zugang zu sauberem Wasser ist weltweit zu einem Existenzproblem für viele Menschen geworden, und die reine Luft ist nicht länger eine Selbstverständlichkeit. Sauberes Trinkwasser wird knapp. Boutros Ghali, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, hatte schon in den 80er Jahren davor gewarnt, dass Kriege zukünftig nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt werden.

Es wird oft behauptet, dass Wasser künftig den Stellenwert des Öls als Ursache von Konflikten in der Welt bilden werde. Doch der Vergleich verkennt die Dimension. Die Sicherung der Wasserressourcen ist nicht nur eine Frage der Energiegewinnung, sondern eine Frage von Leben und Tod. Die menschliche Existenz ist ohne Wasser nicht möglich. Es gibt genug Wasser für alle, das Problem ist es, das Wasser fair miteinander zu teilen und gleichzeitig die Nachhaltigkeit der Ökosysteme nicht auszubeuten und zu bewahren.

Kampf um Wasser

Weltweit wird heute dreimal mehr Trinkwasser als 1960 verbraucht. Wasser ist auf unserer Erde reichlich vorhanden, aber nach Menge und Qualität ungleich verteilt. Lokal treten Mangelsituationen auf, die teils klimatisch bedingt sind, überwiegend aber auch durch die Landflucht in die Ballungszentren wie z.B. Metropolen wie Sao Paulo, Mexiko und Bombay verursacht sind.

1,2 Milliarden Menschen sind heute ohne Zugang zu sauberem Wasser, zwei Milliarden ohne angemessene Sanitäreinrichtungen. 20 Millionen Menschen sterben jährlich durch verseuchtes Trinkwasser, darunter besonders die Kinder. Der Wassermangel verursacht nicht nur gesundheitliche und wirtschaftliche, sondern auch soziale und politische Probleme.

Der Mensch besteht zu 65 bis 80 Prozent überwiegend aus Wasser, er braucht pro Tag zwischen 3 und 5 Liter Wasser. Die Zufuhr von Wasser ist daher über die Ernährung hinaus lebenswichtig. Der menschliche Wasserkreislauf ist somit gleichsam ein Teil des globalen Wasserkreislaufes.

Das Wasser – Lebensmittel und Lebenselement

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat das Recht auf einwandfreies Trinkwasser und Sanitärversorgung am 28.7.2010 als ein Menschenrecht anerkannt, das unverzichtbar für den vollen Genuss des Lebens und aller Menschenrechte ist. In dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte hatten die Vereinten Nationen bereits am 19.12.1966 das Recht eines jeden auf einen angemessenen Lebensstandard für sich und seine Familie, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung, sowie eine stetige Verbesserung der Lebensbedingungen gefordert.

Gleichwohl kann man die Augen nicht davor verschließen, dass das Menschenrecht auf Wasser international auf tönernen Füßen steht. In den Krisengebieten der Welt und insbesondere in den Ballungszentren ist eine verlässliche Verbesserung der Wasserversorgung für die Zukunft nicht in Sicht. In vielen Ländern hat von den durchgeführten Privatisierungen nur der kriminelle Sektor profitiert. Zu groß ist offenbar die Versuchung, die Ware Wasser als unentbehrliches Lebenselement zu einem Mittel von Wucher und Ausbeutung werden zu lassen.

In seinem 2006 erschienenen Buch Bombay Maximumcity schreibt der indische Schriftsteller Suketu Metha: „Städtisches Trinkwasser gibt es nur einmal die Woche aus Trinklastern, das auch nur, wenn man den Fahrer mit 100 Rupien besticht. Da das immer noch nicht ausreicht, lässt die Wassergesellschaft drei Tankwagen Wasser in der Woche für jeweils 325 Rupien von einem privaten Anbieter kommen. Die Wasserlieferanten sind die mächtigste Lobby in Mira Road.“ Diese haben die Routen untereinander aufgeteilt und verhindern die Verlegung neuer Leitungen durch die Gemeindeverwaltungen, die das Wassergeschäft kaputt machen würde.

“In Lima (Hauptstadt von Peru, d. Red.) ist Wasser Leben für rund neun Millionen Menschen, aber Schutz findet es nicht. Wasser wird illegal abgezweigt, es versickert aus undichten Leitungen, es wird verschwendet. Wasser ist ein knappes Gut. Zwei Millionen Menschen beziehen Wasser aus einer Tonne vor der Haustür, alle paar Tage wird sie aufgefüllt. Der Preis dafür ist mitunter zehnmal so hoch, wie für Wasser aus der Leitung. Dort aber, wo das Wasser aus der Leitung kommt, regiert die Verschwendung. Hier gibt es Wasser oft per Flatrate. Es ist in der Miete inbegriffen. Mangel und Überfluss liegen oft nur ein paar Kilometer auseinander. Außerhalb von Lima, kurz vor dem Meer führt der Fluss Chillon seltsamerweise wieder Wasser, ein schmales stinkendes Rinnsal schlängelt sich zur See, das ist Abwasser.“

Die Millionen Menschen, die auf der Erde in Slums leben, haben täglich nicht mehr als fünf bis zehn Liter Wasser. Dieses mit Tankwagen herbeigeschaffte Wasser kostet in der Regel mehr als das fließende Wasser, das die gutsituierten Einwohner in derselben Stadt nutzen können. Diese Ungleichheit wird in den wachsenden Großstädten der Erde zu sozialen und politischen Konflikten führen.

Das heilige Wasser

Wasser ist in allen Religionen Element der sakralen Reinigung. Reinheitsgebote bestimmen, was rein und unrein ist. Dabei ist das Wasser der Grundbestandteil rituellerHandlungen. Für die Kelten gehörte die Verehrung der Quellen zum Kern ihrer religiösen Anschauungen. Ihnen war das Wasser in allen seinen Erscheinungsformen heilig, vom Regentropfen bis zum See. An Quellen, Flüssen und Seen entwickelten sich Mythen und Sagen, das fantastische, religiös-kulturelle Spektrum ihrer großen archetypischen Bilder. Besonders wurden die Orte verehrt, wo das wunderbare Element Wasser aus dem Schoß der Erde hervorspringt. Quelle heißt in der alten Sprache „Ursprung“, aber auch „Bruno“.

Es gibt viele Tausende Legenden, die mit dem Wasser verbunden sind. Es ist heute noch die spirituelle Lebenswirklichkeit von Millionen Indern, die jährlich im Ganges ihr „Reinigungsbad“ nehmen, „im Fluss der Göttin Ganga, die nach ihrem Sturz aus dem Himmel die Erde in diesem Fluss als erstes berührte,“ wie es der Autor Rudyard Kipling in seinem berühmten Roman „Kim“ beschreibt. – Und dieses Phänomen ist etwas anderes als das, was wir unter Wellness verstehen.

Das Recht auf Leben

Noch ein Wort zu dem Menschenrecht auf Wasser und zur Sanitärversorgung. Die UN-Konventionen richten sich an die Mitgliedstaaten und fordern diese zu staatlichem Handeln auf. Aber damit ist den Menschen, die von der Wasserversorgung abgeschnitten sind, allein nicht gedient.

Wasser ist nicht nur ein Produkt für Konsumenten, die die Ware bezahlen können, sondern ein Gemeinschaftsgut für alle. Hier muss auch ein individuelles Naturrecht gelten, Wasser von alldenjenigen verlangen zu können, die es im Überfluss haben, weil niemand ein vorrangiges Recht vor allen anderen haben kann, auf der Erde zu leben.

Thomas Mettke, Rechtsanwalt für Lebensmittelrecht. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte des Lebensmittelrechts. Er hat auf diesem Gebiet zahlreiche Publikationen veröffentlicht.

 

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