Interview mit einer Kunsthistorikerin
Ein Achtsamkeitsprogramm begleitet die Ausstellung „Die, die ich behielt – Landschaften der Erinnerung“ von Yannis Psychopedis in Athen. In Workshops lernen die Menschen, Kunst tiefer zu betrachten, eigene Empfindungen wahrzunehmen und ein Kunstwerk individuell zu verstehen. Über die Magie des Innehaltens.
Der griechische Künstler Yannis Psychopedis ist einem internationalen Publikum spätestens seit seiner Teilnahme an der documenta 14 im Jahr 2017 ein Begriff. Der Maler kann mehr als 100 Einzelausstellungen in ganz Europa vorweisen.
In Athen, seiner Heimatstadt, würdigt ihn die Goulandris Foundation nun mit einer persönlichen Hommage: einer Sonderpräsentation von Werken aus dem eigenen Bestand. Unter dem Titel „Die, die ich behielt – Landschaften der Erinnerung“ zeigt Psychopedis drei Arbeiten aus jeweils zehn Schaffensphasen – Werke, von denen er sich nie trennen wollte.
Die private Sammlung des Künstlers hat es in sich. Seine Gemälde zeigen Menschen, Landschaften, Stadtbilder. Sie sind also keineswegs abstrakt, doch es braucht oft Momente des Eintauchens in diese Bilder, bis sich erste Eindrücke, genaue Betrachtung und aufkeimende Gedanken zu einem Bild fügen. Ideal also für eine achtsame Begegnung mit der Kunst.
Indem sich Psychopedis´ Gemälde zwischen Figuration und Abstraktion bewegen, laden sie immer wieder zum Betrachten und Verweilen ein. Gerade auch seine aus vielen Einzelbildern zusammengesetzen Tableaus, die wie überdimensionale Puzzles wirken, entschleunigen die Wahrnehmung und regen dazu an, den Augenblick zu genießen und achtsam in die Vielfalt der Farben und Linien einzutauchen. Dabei wäre es ein Missverständnis, Psychopedis’ Kunst auf einen meditativen Effekt zu reduzieren. Seine Malerei ist ebensosehr Ausdruck einer intensiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Gegenwart und unserer politischen Verantwortung.
Die Kunsthistorikerin und Achtsamkeitslehrerin Lamprini-Lydia Petropoulos bietet Workshops an, um sich achtsam mit Yannis Psychopedis‘ Gemälde „Messung der Zeit“ zu beschäftigen.
Das folgende Gespräch führte Antje Boijens
Achtsamkeit kann den Blick verändern.
Frage: Warum schon wieder Achtsamkeit – nun im Museum?
Petropoulos: Ich arbeite als Kunsthistorikerin und -pädagogin, zugleich Achtsamkeitslehrerin. Kunst und Spiritualität zu verbinden eröffnet den Teilnehmenden einen besonderen Erfahrungsraum. Die Idee stammt übrigens nicht von mir. Vergleichbare Formate gibt es bereits in Museen in den USA, in Deutschland, im Vereinigten Königreich und in Australien. Dahinter steht die Überzeugung, dass Kunstwerke ideale Begleiter für die Achtsamkeitspraxis sind.
Ein weiterer Vorteil: Achtsamkeit lässt sich überall üben. Anders als Meditation braucht sie weder einen stillen Raum noch viel Zeit oder Rückzug. Schon weniger Minuten bewusster Aufmerksamkeit können den Blick verändern.
Warum eignet sich gerade die Ausstellung von Yannis Psychopedis für die Achtsamkeitsworkshops im Museum?
Petropoulos: Nun, erst einmal, weil sie gerade jetzt stattfindet. Denn grundsätzlich eignet sich jedes Kunstwerk für die Achtsamkeitspraxis. Es geht um eine tiefgehende individuelle Erfahrung, die Kunst ermöglichen kann, praktisch mit jedem Werk. Die Teilnehmenden in meinen Workshops erleben, dass ein Bild für jeden Menschen etwas anderes bedeutet. Jeder und jede entwickelt die eigene Perspektive und findet darin persönliche Inspiration.
Wie verläuft der Workshop?
Petropoulos: Der Ablauf folgt einer klaren Struktur. Zuerst erkläre ich, was Achtsamkeit bedeutet, worin sie sich von Meditation unterscheidet und warum sie keine religiöse Praxis ist. Anschließend praktizieren wir gemeinsam einige Achtsamkeitsübungen.
Danach erkunden die Teilnehmenden das Kunstwerk eigenständig und in ihrem eigenen Tempo. Im nächsten Schritt notieren oder zeichnen sie ihre Eindrücke auf einem Blatt Papier. Den Abschluss bildet ein gemeinsames Gespräch – für mich der wichtigste Teil des Workshops.
Mit Achtsamkeit kann Kunst alle ansprechen.
Was berichten die Besucherinnen und Besucher?
Petropoulos: Zu Beginn stehen viele dem Kunstwerk eher distanziert gegenüber. Im Verlauf des Workshops beobachte ich häufig, wie sich ihre Wahrnehmung und ihre Gefühle verändern.
Vor einiger Zeit habe ich beispielsweise einen Achtsamkeitsworkshop zu den Werken von Anselm Kiefer geleitet. Viele Teilnehmende konnten mit seinen Bildern zunächst wenig anfangen. Am Ende des Workshops hatten sich ihr Verständnis und ihre emotionale Beziehung zu den Arbeiten grundlegend gewandelt.

Immer wieder ereignet sich etwas, das ich als magisch empfinde: Menschen, die zuvor keinerlei Erfahrung mit Achtsamkeit hatten, finden mitten im öffentlichen Raum eines Museums zu innerer Ruhe.
Sie verweilen länger vor einem Bild, entdecken Details, nehmen Stimmungen wahr und kommen mit ihren eigenen Empfindungen in Kontakt.
In einer Welt, die von Tempo und Ablenkung geprägt ist, ist dieses bewusste Innehalten etwas Kostbares.
Was nehmen Sie persönlich aus diesen Begegnungen mit?
Petropoulos: Ich habe das Gefühl, mit meiner Arbeit einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten. Genau darum geht es mir: Lebensqualität zu fördern und neue Perspektiven zu eröffnen. Kunst sollte nicht nur schmücken oder einem kleinen Kreis von Kennern vorbehalten sein. Durch Achtsamkeit kann Kunst alle Menschen ansprechen.
Mehr zur Ausstellung in Athen: https://goulandris.gr/en/