Ein Erklärungsversuch
Nach den Landtagswahlen im September 2026 müssen wir verstehen, was hinter dem Erstarken der AfD steckt, ist die Philosophin Sarah Gebhardt überzeugt. In ihrem Standpunkt denkt sie nach über Gerechtigkeit, was eigentlich Leistung ist und wie das Gefühl der Fremdbestimmung zu Ohnmacht führt.
„Fairness.“ Das war die Antwort eines AfD-Wählers auf die Frage, was er sich von dieser Partei erhofft. Fairness heißt auch Gerechtigkeit. Dann schob er nach: Die anderen Parteien seien doch gar nicht demokratisch, sogar faschistisch. Harte Worte. Sie drehen genau das um, was wir sonst über die AfD für richtig halten.
Jetzt denken Sie vielleicht: „Ich finde ja auch nicht alles gerecht. Aber deshalb wähle ich doch nicht so eine Partei!“ Klar, aber sollten wir nicht trotzdem verstehen wollen, was Menschen dazu bringt, eine in Teilen rechtsextreme Partei zu wählen? Verstehen heißt nicht zustimmen. Es heißt, die Frage hinter diesen Wahlen ernst zu nehmen, und die geht uns alle an.
Was ist eigentlich Leistung?
Wer mehr leistet, soll mehr bekommen – das empfinden Menschen in einer Marktwirtschaft als gerecht. Aber wie viel von dem, was wir im Leben erreichen, ist wirklich unsere eigene Leistung, und wie viel ist Glück, anderen Menschen, guten Umständen zu verdanken?
Bei der Rente wird diese Frage konkret. Die Rente soll belohnen, was jemand ein Leben lang geleistet hat, angerechnet wird dabei aber vor allem die Erwerbsarbeit. Eine Mutter, die Kinder großgezogen und später ihre Eltern gepflegt hat, hat jahrzehntelang gearbeitet, und doch zählt davon für ihre Rente nur ein kleiner Teil. Ähnlich geht es allen, die krank wurden oder nur in Teilzeit arbeiten konnten.
Leben wir überhaupt in einer Leistungsgesellschaft? Der Anthropologe David Graeber hat darauf hingewiesen, dass gerade die Arbeit, ohne die eine Gesellschaft nicht auskommt, oft am schlechtesten bezahlt wird.
Pflegekräfte, Erzieherinnen und Reinigungskräfte verdienen wenig, während in Hedgefonds und Chefetagen das große Geld fließt. Was ist dann eigentlich Leistung? Und soll ein gutes Leben im Alter überhaupt davon abhängen, oder steht jedem eine Absicherung zu, einfach weil er ein Mensch ist?
Was ist Generationengerechtigkeit?
Und dann ist da die Frage der Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Rentner. Wer heute jung ist, muss befürchten, dass für ihn später weniger übrig bleibt. Mit der eigenen Leistung hat das wenig zu tun, es hängt ab vom Jahrgang der Geburt.
Was sich gerade für viele besonders ungerecht anfühlt, ist das Vorhaben der Bundesregierung, eine Ausnahme abzuschaffen: Wer 45 Jahre eingezahlt hat, darf bisher zwei Jahre früher in Rente gehen, ohne dass die Rente gekürzt wird.
Menschen, die mit 16 eine Lehre begonnen haben und heute Ende fünfzig sind, sollen nun zwei Jahre länger arbeiten. Im Osten wiegt das schwerer: Dort haben mehr Menschen früh zu arbeiten begonnen, und die Lebenserwartung ist niedriger.
Das Gefühl, um den Lohn für die eigene Lebensleistung gebracht zu werden, teilen viele: Drei Viertel der Deutschen lehnen die Pläne ab, unter AfD-Anhängern sind es 83 Prozent.
Die Jungen wiederum finanzieren den früheren Ruhestand der Älteren mit und müssen selbst voraussichtlich noch länger arbeiten, ihre Rente ist unsicher. Alt und Jung stellen sich dieselbe Frage: Was steht mir zu – und wofür?
Doppelt fremdbestimmt
Diese Frage stellt sich in unserer gesamten Wirtschaftsordnung. Aber gerade in Ostdeutschland haben viele Menschen erlebt, dass die Antwort darauf zweimal über ihre Köpfe hinweg gegeben wurde.
Zuerst geschah das im Sozialismus. Karl Marx glaubte, dass nicht der Mensch selbst autonomer Gestalter seines Lebens ist. Erst müssen sich die Verhältnisse ändern, damit er frei leben kann. In der DDR entschied die Partei für alle, um diese Idee umzusetzen – und schuf ein totalitäres System.
Nach der Wiedervereinigung kam die versprochene Freiheit und mit ihr die Marktwirtschaft in ihrer neoliberalen Form. Ihr Vordenker Friedrich August von Hayek hielt es für sinnlos, vom Markt Gerechtigkeit zu verlangen:
Wie ein riesiger Computer, den niemand durchschaut, bringt er seine Ergebnisse hervor, und niemand ist für sie verantwortlich. Für den Einzelnen wird daraus ein Glücksspielautomat: Man setzt ein, was man hat – Kompetenz, Arbeit, Ideen – und kann gewinnen oder alles verlieren.
Doch nicht nur das: Immer stärker entscheiden auch Herkunft und Erbschaft über unser Leben, bei der Rente sogar das Geburtsjahr.
Gleichzeitig hören wir ständig, jeder könne alles schaffen, vom Tellerwäscher zum Millionär. Wer es nicht schafft, ist selbst schuld. Dieser Widerspruch zwischen versprochener Freiheit und erlebter Fremdbestimmung zerreißt viele Menschen.
Unser YouTube-Kanal
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Wenn aus Freiheit Ohnmacht wird
Was passiert, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, aber keinen Weg mehr sehe, etwas daran zu ändern? Dann entsteht Ohnmacht. Diese Ohnmacht ist ein Grund, warum viele die AfD wählen.
In Mecklenburg-Vorpommern kam ein großer Teil ihrer Stimmen von Nicht-Wählern sowie von früheren Wählern der SPD und CDU. Wer die bisherigen Parteien als Teil des Problems erlebt, sieht in der AfD einen Ausweg, überhaupt noch etwas zu verändern.
Aber wer die Veränderung einer Partei überlässt, die für ihn handeln soll, bleibt, was er war: fremdbestimmt. Das Gegenteil von Ohnmacht ist demokratische Macht in Form von Selbstwirksamkeit: die Erfahrung, dass ich meine Verhältnisse verstehen, mit anderen darüber debattieren und sie gemeinsam verändern kann. Eine Demokratie, in der das nur noch wenigen gelingt, ist mangelhaft. Alle vier Jahre ein Kreuz zu machen, reicht nicht.
Das ist ein Auftrag, zuerst an die demokratischen Parteien, aber auch an uns alle. Wir müssen Demokratie wieder grundsätzlicher denken und genau hinschauen, was gegen sie arbeitet: eine Politik, die den Menschen die Sicherheit in ihren Grundbedürfnissen nimmt, etwa beim Wohnen, bei der Gesundheit, bei der Rente, und gleichzeitig den Vermögenden immer mehr ungewählte Macht gibt.
Solange sich daran nichts ändert, wächst die Ohnmacht. In dieses Vakuum stößt die AfD mit ihren Versprechen. Bei Marx bestimmt das Sein das Bewusstsein – die Demokratie aber muss diesen Satz umdrehen, indem sie uns den Raum gibt, unser Bewusstsein selbstbestimmt zu entwickeln. Und mit diesem Bewusstsein haben wir die Verantwortung, unsere Verhältnisse, „das Sein“, selbst zu gestalten. Das kann uns kein Markt und keine Geschichte abnehmen. Worauf warten wir also noch?
Sarah Gebhardt
ist philosophische Praktikerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. In ihrer Praxis in Berlin begleitet sie Menschen im philosophischen Dialog zu mehr Klarheit und Selbsterkenntnis. Sie sieht im Gespräch die Basis für das demokratische Zusammenleben. www.sarah-gebhardt.de.
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