Ein Standpunkt von Birgit Stratmann
Der englische Kanal von Aljazeera hat ein 45-minütiges Interview mit Maximilian Krah, AfD, geführt. Dieser lässt Fakten und Kritik an sich abprallen. Denn seiner Partei geht es nicht um Diskussion und das Aushandeln von Lösungen, sondern um ein anderes politisches System, Macht und Dominanz in der öffentlichen Debatte.
Maximilian Krah, AfD, ist tiefenentspannt beim Interview des englischen Kanals Aljazeera mit ihm Ende Juni 2026. Der Moderator, Mehdi Hasan, hat sich für das Gespräch „Head to Head“ akribisch vorbereitet, konfrontiert den AfDler mit Zahlen und Fakten, stellt kritische Nachfragen, wie man es sich von Journalisten wünscht. Doch an Krah prallt alles ab.
So trägt der Moderator zum Beispiel vor: 72 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland glaube einer Umfrage zufolge, dass die AfD eine Gefahr für die Demokratie sei. Der Verfassungsschutz stufe Teile der Partei als extremistisch ein und führe Hunderte Belege über Krah selbst an, dass Meinungen von ihm unvereinbar mit der deutschen Verfassung seien.
Doch Krah lässt alles in Leere laufen, indem er behauptet: die Zahlen und Aussagen seien ja von der Regierung, von staatlichen Organen oder „Mainstream-Medien“ und daher nicht ernst zu nehmen, ja sogar falsch, unwahr.
In dem 45-minütigen Gespräch zeigt sich: Es gibt keine Gesprächsgundlage mit der AfD, solange ihre Vertreterinnen und Vertreter Fakten, also das, was ist, leugnen. Nur auf der Basis von Fakten ist politischer Wettbewerb in Demokratien möglich.
Beispiel Klimakrise: Die Wissenschaft erhebt Daten zur Erderhitzung und zu den Ursachen dafür, allen voran die massiv gestiegenen Kohlendioxid-Emissionen im Zuge der Industrialisierung. Das sind die Fakten. Auf dieser Basis kann man die Ergebnisse interpretieren, Argumente vorbringen und andere zu überzeugen versuchen.
Genau das vermeidet die AfD und setzt Meinungen gegen Fakten. Eine von Menschen gemachte Klimakrise gebe es nicht, hört man aus Parteikreisen, Klimaschutz sei „im Wesentlichen ideologisch motiviert“. Folglich muss man auch nicht mit demokratischen Parteien darum ringen, wie man die CO2-Emissionen verringert. Das ist nur ein Beispiel, das zeigt, welche Konsequenzen es für Menschen und Umwelt hat, wenn man sich seine eigene Wirklichkeit baut.
Keine Antworten von der AfD
Die Rechtspopulisten weichen den realen Problemen aus, werfen lieber Schlagworte in den Ring wie „Massenmigration“, „De-Industrialisierung“ und attackieren politische Gegner persönlich. Man kann mit ihren Vertretern keine Debatten oder Interviews führen, solange sie inhaltlich nicht antworten und sachliche Fragen als „Narrative“ der anderen Seite abtun. Das zeigt auch das Interview mit Krah eindrucksvoll.
Diese Strategie ist schon älter und wird offenbar heute noch angewandt. Der rechtsextreme Verleger und Vordenker Götz Kubitschek schrieb bereits 2006 in einem Aufsatz:
Das Ziel sei „nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party“.
Die Neue Rechte, eine Bewegung, die laut Verfassungsschutz mit der Partei AfD in Verbindung steht, will eine „Kulturrevolution von rechts“ und verfolgt die Strategie der „Metapolitik“. Das bedeutet für sie, mit Kulturkampf, verbalen Grenzüberschreitungen und Polarisierung einen tiefgreifenden politischen Wandel in Richtung autoritäres System vorzubereiten.
Natürlich ist die AfD ein Sammelbecken unterschiedlicher Strömungen, und doch scheint sie dieser Linie zu folgen, wenn man sich Interviews der letzten Zeit, auch von Alice Weidel und Tino Chrupalla, anschaut.
Metapolitik im Sinne der Rechtspopulisten ist das Gegenteil von praktischer Umsetzung politischer Vorhaben. Ziel ist nicht die Lösung gesellschaftlicher Probleme und nicht Verbesserung der Lebenssituation von Menschen, sondern Macht, um antidemokratische Verhältnisse zu schaffen.
Um das zu erreichen, braucht man die Demokratie, Ämter, politische Macht, Geld, man muss man das Feld der öffentlichen Meinung besetzen, Interviews geben, auf Social Media präsent sein.
Es geht nicht um Inhalte
So ist es ein Mittel der AfD, die öffentliche Debatte zu dominieren und mit eigenen Themen zu beherrschen wie Migration. Mit diesem Schlagwort bestimmt die AfD seit Jahren die Debatten, die Medien, ja die ganze Politik. Und das hat ihren Aufstieg begünstigt.
Selbst wenn die Zahl der Asylanträge zurückgeht: Da den Rechtspopulisten Zahlen und Inhalte egal sind, kann das Thema trotzdem benutzt werden, um zu emotionalisieren und zu manipulieren.
Außerdem werden echte Probleme in den Bereichen Wohnen, Bildung und Gesundheit mit Migration verknüpft, so muss man keine Lösungen dafür entwickeln. Deshalb ist auch unsinnig, wenn Parteien der Mitte sich die Themen der AfD zueigen machen, statt für eigene Ideen zu werben; es geht ihr nicht primär um Inhalte. Das sollten sich auch potenzielle Wählerinnen und Wähler bewusst machen, die sich von der AfD eine Verbesserung ihrer Lage erhoffen.
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Extreme Positionen kaschieren
Im Interview mit Aljazeera wird eine weitere Strategie der AfD klar: das Herunterspielen rechten Gedankenguts, das mit der Verfassung der Bundesrepublik unvereinbar ist und potenzielle Wählerinnen und Wähler in der Mitte abschreckt.
Wenn die AfD kein Parteiverbot riskieren will, muss sie hier zurückhaltender agieren und kaschieren, was in Teilen der Partei und befreundeten Organisationen und Netzwerken an extremer Ideologie vorhanden ist.
Deshalb behauptet Krah, angesprochen auf „Remigration“, das würde alles dramatisiert. Es ginge ja bloß darum, ausländische Straftäter abzuschieben. Natürlich dürften diejenigen bleiben, die den Deutschen einen Nutzen bringen, zum Beispiel syrische Ärzte.
Lassen wir das zugrundeliegende inhumane Menschenbild einmal beiseite, wonach Menschen in verschiedene Klassen eingeteilt werden von „nützlich“ bis „nutzlos“, so versucht die Partei, zumindest verbal in die Mitte zu rücken. Denn genau hier braucht man Wählerinnen und Wähler, um die eigenen Machtansprüche umzusetzen.
Auch den Vorwurf des Antisemitimus und Rassismus weist Krah von sich, schließlich habe er einen jüdischen Freund und Parteivorsitzende Alice Weidel sei mit einer Frau aus Sri Lanka verheiratet. Das sind zwar keine Argumente gegen den Rassismus in der AfD, aber Argumente spielen für die Verantwortlichen ja eh keine Rolle.
Das 45-minütige Interview mit Maximilian Krah anzuschauen ist eine Zumutung. Aber es entlarvt, warum die AfD eine Gefahr für die Demokratie ist: weil verantwortliche Vertreterinnen und Vertreter Fakten und Wirklichkeit nicht anerkennen, weil sie kein einziges Problem lösen, sondern nur die Macht ergreifen wollen, um die Demokratie umzukrempeln.
Zu diesem Zweck zerstören sie den Diskurs und attackieren alle, die anderer Meinung sind. All das dient nicht den Menschen. Alle, die erwägen, diese Partei zu wählen, sollten wissen: Sie haben nichts von der AfD zu warten, was ihr Leben besser machen würde.
Birgit Stratmann
ist Mitbegründerin des Netzwerks Ethik heute. Verantwortlich für die Redaktion des Online-Magazins und die Programmplanung. Texterin für Print und Web, u.a. lange Jahre für Greenpeace. www.birgitstratmann.com
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