Warum wir Alkohol trinken
In wenigen Ländern wird so viel Alkohol getrunken wie in Deutschland. Stefanie Uhrig hat dazu recherchiert: Wir trinken vor allem dann, wenn wir starke Emotionen verspüren. Doch es gibt keine risikofreie Menge. Wie gelingt es, weniger zu trinken?
Ein Glas Sekt zum Anstoßen, einen Wein beim Abendessen, das Feierabendbier – Alkohol ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Dabei ist allen bewusst: Es schadet der Gesundheit.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. empfiehlt deshalb seit etwa einem Jahr, vollständig auf Alkohol zu verzichten. Als Grund erklärte die Fachgesellschaft, es gebe schlicht keine risikofreie Menge.
In der Praxis zeigt sich wenig davon: Mit einem jährlichen Konsum von 10,2 Liter reinen Alkohols pro Kopf zählt Deutschland als Hochkonsumland. Häufig müssen sich Menschen sogar dafür rechtfertigen, wenn sie nichts „trinken“ möchten, gemeint ist Alkohol.
Zu besonderen Tagen und Gelegenheiten scheinen alkoholhaltige Getränke dazuzugehören. Der Dezember sticht heraus: 2023 verkauften Supermärkte in dem Monat 35,3 Prozent mehr davon als im Jahresdurchschnitt. Und als kanadische Forscher 2014 rund um den Jahreswechsel telefonisch fast 600 Leute befragten, stellten sie fest: Vor allem zu Weihnachten und an Silvester fließen die Drinks.
Befeuert wird das Ganze durch die Werbung: Da kommen die Getränke nicht nur in den eigenen Werbespots vor, sondern etwa auch in Kampagnen für Supermärkte.
Glück begießen oder Sorgen ertränken?
Zudem besagt eine einflussreiche psychologische Hypothese: Wir trinken besonders viel, wenn wir starke Emotionen verspüren – gute und schlechte. Das hat sich eine wissenschaftliche Untersuchung 2024 genauer angeschaut und die Daten aus 69 Studien mit insgesamt über 12.000 Teilnehmenden analysiert.
Dabei kam etwas Überraschendes heraus: Anders als erwartet, griffen die Leute gar nicht öfter zum Glas, wenn sie sich schlecht fühlten. Das „Sorgen ertränken“, ein beliebtes Thema in Filmen, kommt also gar nicht so häufig vor. An Tagen mit starken positiven Gefühlen allerdings tranken die Testpersonen eher und vor allem mehr.
Selbstidentität: Sehe ich mich selbst als Trinker?
Wie viel zu einer bestimmten Gelegenheit gebechert wird, kommt außerdem auf die sozialen Normen an. Und die vermitteln uns zur Zeit: Bei Festen ist es in Ordnung, über die Stränge zu schlagen. Was wäre eine Weihnachtsfeier ohne mindestens einen leichten Schwips?
Natürlich gibt es viele Menschen, die sich davon nicht stark beeinflussen lassen. Das liegt auch an ihrem Selbstverständnis: Forschende nennen es die „Alkohol-Identität“. Das bedeutet: Wenn ich mich selbst als ‚trinkfest‘ oder ‚guter Saufkumpel‘ sehe, bin ich wesentlich offener für das ein oder andere Glas.
Es kann auch subtiler sein: ‚Weinkenner‘ etwa vermittelt den Eindruck, man trinke nur wegen des Genusses. Trotzdem verankern solche Worte den Alkohol fest im Selbstbild. Sie machen es wahrscheinlicher, dass die Menschen häufiger und mehr davon konsumieren.
Das wiederum erhöht das Risiko einer Suchterkrankung – was umgekehrt nicht bedeutet, dass alle Leute mit einer ausgeprägten Alkohol-Identität automatisch abhängig werden.
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Wie gelingt es, weniger zu trinken?
Wer lieber überwiegend oder ganz auf den Alkohol verzichten möchte, hat es gerade zu festlichen Gelegenheiten nicht einfach und erntet schnell mitleidige Blicke in Richtung des Wasserglases.
Hilfreich ist es da, leckere alkoholfreie Alternativen parat zu haben. Schon jetzt gibt es einen großen Markt für Null-Prozent-Weine, und alkoholfreies Bier wird laut dem Statistischen Bundesamt immer beliebter: Die Produktionsmenge hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt.
Dazu kommen Cocktails ohne Prozente und die üblichen Getränke wie Saftschorlen, Kaffee oder Tees, die ohnehin alkoholfrei sind. An Auswahl mangelt es Nicht-Trinkenden also nicht.
Wer den Konsum nur mal vorübergehend verringern oder ganz weglassen möchte, findet im „trockenen Januar“ Gesellschaft. Was 2014 als Kampagne in Großbritannien begann, ist mittlerweile auch hier ein gängiger Begriff: im Januar mal nichts trinken.
Der Vorteil: Man hat einen definierten Rahmen, der es einfacher macht, sich an die Vorsätze zu halten. Und es funktioniert am besten gemeinsam: Wenn alle nüchtern bleiben und niemand schief angeschaut wird, fällt der Verzicht leichter.
Fachleute warnen allerdings davor, den Monat als Rechtfertigung dafür zu nehmen, im restlichen Jahr viel zu trinken. Unter dem Motto: „Jetzt darf ich noch, im Januar ist erstmal Schluss.“
Dazu kommt: Wer schon eine Abhängigkeit entwickelt hat, sollte nicht auf eigene Faust den Alkohol plötzlich komplett weglassen, denn das kann gefährlich werden. Dann ist es ratsamer, sich professionelle Hilfe zu suchen.
Für Menschen ohne Suchterkrankung kann es bereits gesundheitliche Vorteile haben, erst einmal weniger zu trinken. Es muss nicht unbedingt ein Alles-oder-Nichts-Prinzip sein.
Manche Menschen probieren das unter dem Stichwort „Sober Curious“ aus, also neugierig sein auf die Nüchternheit. Dabei geht es vor allem darum, zu reflektieren, welche Rolle Alkohol im eigenen Leben spielt und wie viel Platz man ihm einräumen möchte. Und öfter zur alkoholfreien Variante zu greifen.
Dr. Stefanie Uhrig
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