Interview mit Tilman Santarius

Die Internetnutzung verschlingt Energie, im Jahr 2030 könnte es 30 Prozent des weltweiten Verbrauchs sein. Tilman Santarius von der TU Berlin ist auf digitale Nachhaltigekeit spezialisiert. Er spricht im Interview über gute Umwelteffekte durch Share-Verkehr und Online-Meetings, das Recht auf Reparaturen und den Wahnsinn des Streamens in HD-Qualität.

Tilman Santarius ist Leiter des Forschungsprojekts Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation der Technischen Universität Berlin und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung.

Das Gespräch führte Stefan Ringstorff.

Frage: Sie wollen mit Ihrem Projekt Fragen aufwerfen, die die Gesellschaft in Bezug auf die Digitalisierung unbedingt diskutieren sollte. Welche sind das?

Santarius: Im Blickpunkt steht die große Frage, wie Digitalisierung mit den verschiedenen Aspekten der Nachhaltigkeit zusammenhängt: Klimaschutz, Energiewende, Wachstumswende, aber auch sozialen Fragen der Nachhaltigkeit, Stichwort ökonomische Gerechtigkeit und Verhinderung der Prekarisierung. 2018 haben wir dazu erste Ergebnisse auf Grundlage der bisherigen Literatur präsentiert. Steffen Lange und ich haben diese Ergebnisse im Band „Smarte grüne Welt. Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“ vorgelegt.

Ebenfalls 2018 haben wir in der großen Konferenz „Bits und Bäume“ mit 2000 Teilnehmern die Hackerszene und die Umwelt-und Nachhaltigkeitscommunity zusammengebracht – zwei Welten, die bisher kaum Berührungspunkte hatten. Das Format hat sich als unglaublich innovativ erwiesen und viel in Bewegung gesetzt.

Die Hacker hatten sich bisher nur auf Fragen konzentriert, wie Digitalisierung für das Gemeinwohl gestaltet werden kann. Ihnen geht es um die politischen Bürgerrechte wie Informationsfreiheit, Datensicherheit und Machtfragen. Fragen der Nachhaltigkeit haben sie noch gar nicht beachtet. Das ist aber genau der Schwerpunkt der Umweltschützer, die sich wiederum wenig mit der Digitalisierung beschäftigt haben. So konnten beide ungeheuer viel voneinander lernen und gemeinsame Strategien ausarbeiten.

Ich glaube, die netzpolitische Szene hat nun verstanden, dass die Energiewende und der Klimaschutz für sie essentiell sind. Viele Umweltverbände hatten bis vor kurzem noch die naive Hoffnung, dass die Digitalisierung einige Umweltprobleme leicht lösen könne, weil die Welt ganz einfach immaterieller würde. Das stimmt leider nicht, und das ist jetzt klarer geworden. Außerdem ist inzwischen auch bei den Umweltaktivisten das Verständnis für Datenschutzfragen größer geworden. Weil Daten genutzt werden, um Online-Werbung zu perfektionieren, kurbelt das den internetbasierten Massenkonsum an – mit negativen Folgen auch für die Umwelt.

Wir dürfen nicht dem Digitalisierungs-Hype verfallen“

Es gibt Prognosen, dass das Internet bis 2030 für bis zu 30 Prozent des globalen Energieverbrauchs verantwortlich sein wird. Momentan sind es zehn Prozent. Wir müssen aber den Energieverbrauch allgemein senken. Was brauchen wir, um das zu ändern und das Internet nachhaltig zu gestalten?

Santarius: Wir brauchen eine doppelte Strategie. Zum einem propagiere ich das Konzept der digitalen Suffizienz. Kurz gesagt heißt das: so viel Digitalisierung wie nötig und so wenig wie möglich. Natürlich ist Digitalisierung in vielen Bereichen sinnvoll, aber wir dürfen nicht einem Hype verfallen: immer mehr Geräte, immer mehr Anwendungen und Streamings.

Als einzelne Konsumenten, aber auch als Gesellschaft sollten wir uns fragen, wie viel Digitalisierung für ein gutes Leben wirklich nötig ist. Unser Konzept ist alltagstauglich, ein Beispiel ist das Streaming: Muss ich auf dem Smartphone in HD-Qualität streamen oder reicht nicht gerade dort einen niedrigere Qualität? Sie werden den Unterschied kaum merken und haben einen erheblich niedrigeren Energieverbrauch.

Zum anderen müssen wir viel mehr darüber nachdenken, wie wir Digitalisierung einsetzen, um unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Ein aktuelles Beispiel: Wenn wir vermehrt digitale Konferenzen und Meetings führen, senken wir die Verkehrsströme und sparen massiv Ressourcen.

In dem Fall ist es dann auch in Ordnung, wenn der Energieverbrauch für die Digitalisierung ansteigt, weil die Bilanz insgesamt positiv ist. In den letzten 10 bis 20 Jahren ist die Digitalisierung aber zusätzlich zu dem ohnehin hohen Energieverbrauch quasi on the top gekommen. Es fand keine Substitution statt. Dafür müssen wir zukünftig sorgen.

Sie sprechen zwei Ebenen an. Die individuelle und die ordnungspolitische. Mich interessiert, wen Sie hier als die zentralen Akteur sehen und welche Formen der Regulierung es braucht.

Santarius: Wir brauchen einen umfassenden Politikmix mit Regeln und Verboten und darüber hinaus Anreizinstrumenten wie Förderungsinstrumente sowie steuerliche Maßnahmen.

Bei den Akteuren sehe ich die Bundesregierung in der Führungsverantwortung – und zwar national und auf europäischer Ebene. Wir brauchen dringend eine Reform der europäischen Ökodesignrichtlinie für Informationstechnologien. Diese würde es ermöglichen, dass Reparaturen bei Smartphones, Tablets und Laptops möglich sind, dass Menschen ein Recht auf Reparaturen erhalten, dass die Komponenten nicht verklebt werden, sondern reparaturfähig sind, dass die Hersteller verpflichtet werden, Software-Updates bis zum Ende der physischen Funktionalität der Geräte bereitzustellen. Ich bin froh, dass das Umweltministerium mit seiner neuen Umweltpolitischen Digitalagenda hier nun aktiv werden möchte.

Aber auch die kommunale Ebene ist gefragt. Viele Menschen wünschen sich, das öffentliche Räume und offene Werkstätten bereitgestellt werden, sogenannte Repaircafes, um selbstorganisiert Reparaturdienstleistungen auszutauschen. Damit können die Geräte länger nutzbar bleiben.

Elektromobilität ist keine Lösung“

Kommen wir noch einmal zurück zur individuellen Ebene. Der Staat fördert massiv die Elektromobilität. Sie erscheint als Allheilmittel, um ungehindert individuelle Mobilität zu erhalten. Ist das die Lösung?

Santarius: Elektromobilität ist auf keinen Fall „die“ Lösung. Vor allem, wenn wir glauben, dass wir den hohen Anteil des Individualverkehrs vom Verbrennungsmotor ganz einfach auf den Elektromotor umstellen können. In ökologischer Hinsicht ergibt sich damit keine Verbesserung, möglicherweise in bestimmten Bereichen sogar eine Verschlechterung, wenn wir an die knappen Ressourcen denken, die wir für die Batterietechnologie benötigen.

Im Durchschnitt enfällt beim Auto ein Fünftel seiner gesamten verbrauchten Energie auf die Herstellung der Karosserie und vier Fünftel für den Sprit beim Fahren. Wir müssen also die Anzahl der Karossen und die gefahrenen Personenkilometer insgesamt reduzieren. Das Ziel muss sein, den öffentlichen und nutzungsgeteilten Verkehr, also Sharing-Lösungen drastisch auszuweiten. Das ist die Lösung Nummer eins.

Gerade hier kann uns sicherlich auch die Digitalisierung helfen?

Santarius: Richtig, hier kann die Digitalisierung für einen neuen Frühling im ÖPNV und im Sharing-Verkehr sorgen, wenn wir es schaffen, Mobilitätsplattformen aufzubauen, die es auf eine leichte Art möglich machen, mit wenigen Klicks von Tür zu Tür zu kommen.

Soweit sind wir hierzulande noch nicht, da fehlen uns vor allem die letzten Meter bis zur Haustür. Nur so schaffen wir eine attraktive Alternative zum Automobil. In den verbleibenden Bereichen wie im ÖPNV bei Bussen, Krankenwagen und im Lieferverkehr können wir selbstverständlich auf Elektromobilität umsteigen. Dort ist sie ein Beitrag zur Lösung, aber eben nicht flächendeckend zum Ersatz für den motorisierten Individualverkehr.

Teilhabe an Digitalisierung fördern

Kennen Sie positive Beispiele für Sharing-Lösungen, gerade auch im ländlichen Raum?

Santarius: Es ist herausfordernder, aber keinesfalls unmöglich, im ländlichen Raum eine Verkehrswende zu erreichen. Das fängt an mit analogen Alternativen, etwa Wartehäuschen für Mitfahrer an den Ortsausgängen. Menschen können sich so gegenseitig im Auto mitnehmen. In Belgien wird so etwas erfolgreich durchgeführt. Für die Kommunen ist es eine simple Art und Weise, die Verkehrswende zu fördern.

Digital können wir dieses Angebot noch attraktiver machen. Ich habe bei mir im Landkreis an meinem Wohnort in Brandenburg dafür plädiert, eine App zu entwickeln, in der ich automatisch und in Echtzeit erkenne, wer gerade zum Supermarkt fährt und mich mitnehmen kann. Gemeinden könnten so etwas fördern, dann würden die Menschen sich auch sicher fühlen, wenn sie in ein fremdes Auto steigen.

Eine andere Idee ist die digitale Steuerung eines Rufbussystems. Dann brauchen wir keine große Linienbusse fahren zu lassen, sondern können Kleinbusse gezielt einsetzen, um die Menschen vor Ort abzuholen.

Wohin führt der Weg der Digitalisierung in Bezug auf die Nachhaltigkeit?

Santarius: Momentan erleben wir, ausgelöst durch die Corona-Krise, einen Digitalisierungsschub, Stichwort berufliche Meetings, Arbeitsformen und auch persönlicher Kontaktpflege, digitaler Unterricht. Ich nehme an, dass Videokonferenzen in den nächsten Monaten zur Normalität werden.

Wir sollten diesen Prozess der Digitalisierung unbedingt verstetigen und staatlich weiter fördern. Dadurch können wir die verkehrsbedingten Treibhausgas-Emissionen stark reduzieren. Der Energieverbrauch durch die verstärkte Digitalisierung wird nur einen Teil der eingesparten Verkehrs-Emissionen aufzehren.

Aber man sollte die jetzige Situation der Corona-Krise sicherlich nicht romantisieren. Nehmen wir beispielsweise die Schule: Viele Kinder aus besser verdienenden Haushalten haben jetzt schon die Möglichkeit, digital zu lernen; dafür sind andere Kinder abgehängt worden, weil keine ausreichende Hardware verfügbar ist. Wir sollten Wege der staatlichen Unterstützung finden, damit die Teilhabe an der Digitalisierung in der Schule für alle möglich wird und wir auch dort den positiven Trend für alle verstetigen können.

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Tilman Santarius ist seit 2017 Professor für sozial-ökologische Transformation und nachhaltige Digitalisierung am Einstein Centre Digital Futures und der Technischen Universität Berlin. Ehrenamtlich war er von 2007 bis 2016 Vorstandsmitglied bei Germanwatch; seit 2016 engagiert er sich im Aufsichtsrat von Greenpeace Deutschland. 2018 erschien das Buch „Smarte grüne Welt“, das er mit Steffen Lange geschrieben hat.

http://www.santarius.de/