CarlosNeto/ shutterstock.com
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Auch noch in der Hölle Mensch bleiben

Viktor Frankl und die Trotzmacht des Geistes

Wir können zwar unser Schicksal nicht wählen, wohl aber unsere Haltung dazu. Das war das Lebensmotto von Viktor Frankl. Der Psychiater überlebte den Holocaust und starb mit 92 Jahren am 2. September 1997. Bis heute macht seine Philosophie der Resilienz den Menschen Mut. Christa Spannbauer erinnert an ihn anlässlich seines 20. Todestages.

 

Ebenso wie seine Zeitgenossen, die französischen Existentialisten Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, war der österreichische Psychoanalytiker Viktor Frankl davon überzeugt, dass es der Wille zum Sinn ist, der den Menschen auszeichnet. „Lebenssinn ist das Dringendste was ein Mensch braucht. Der Mensch muss etwas oder jemanden finden, für das oder den es sich zu leben lohnt.“

Er selbst machte diese Erfahrung als junger Mann in den Konzentrationslagern der Nazi-Diktatur. Hier, an diesen Orten der Unmenschlichkeit, liegen die Wurzeln seiner Philosophie der Menschlichkeit. Hier reifte seine Existenzanalyse, die ihm die Kraft verlieh, nicht aufzugeben, und die bis heute den Menschen Mut zu einem sinnerfüllten Leben macht. „Ich will beweisen, dass der Mensch auch noch in der Hölle Mensch bleiben kann“, erklärte er in seinem weltweit bekannten Buch Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychoanalytiker erlebt das Konzentrationslager.

Denn Menschsein weist für den Humanisten Viktor Frankl immer über sich selbst hinaus. Erst im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu anderen wird der Mensch ganz Mensch und verwirklicht sich selbst. In der Hingabe an eine Aufgabe, der Begeisterung für eine Sache, dem Engagement für eine bessere Welt erfahren wir uns als lebendig und verbunden.

Wenn wir ganz aufgehen in dem, was wir tun, wenn wir vor Begeisterung brennen, unserem inneren Ruf folgen – dann erfahren wir unsere Existenz von Sinn erfüllt. Ebenso wie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber war auch Frankl davon überzeugt, dass der Mensch auf die Welt hin orientiert ist und – um mit Bubers Worten zu sprechen – erst am Du zum Ich wird.

In dem Maße, in dem wir uns als Mitgestalter der Welt, als weltoffene Wesen wahrnehmen und uns für unsere Mitmenschen einsetzen, gewinnt unser Leben nicht nur an Sinn, sondern auch an Glück. Das bestätigen Studien aus der zeitgenössischen Positiven Psychologie, für die ein gelingendes Leben immer auch ein tätiges, ein engagiertes und am Gemeinwohl interessiertes Leben ist.

Es ist diese Weltorientierung, die dem Menschen die Kraft verleiht, sinnvolles Handeln über die eigene Befindlichkeit zu stellen, Verzicht für etwas oder jemanden zu leisten und Hindernisse nicht nur zu überwinden, sondern an ihnen zu wachsen.

Es liegt an uns, welche Haltung wir zu den Dingen einnehmen

„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“, wusste der von Frankl häufig zitierte Philosoph Friedrich Nietzsche. Für den Psychoanalytiker stand zweifelsfrei fest, dass wir schwierige Lebenssituationen, in die wir durch gesellschaftliche Umbrüche oder existenzielle Krisen wie Trennung, Krankheit oder Tod geworfen werden, weit besser bewältigen können, wenn wir ihnen einen Sinn abzuringen vermögen.

Denn genau darin liegt unsere letztendliche Freiheit als Mensch: Auch wenn wir eine Situation selbst nicht mehr ändern können, so bleibt uns doch immer die Wahl, wie wir uns ihr gegenüber verhalten wollen und in welcher Haltung wir dem unabwendbaren Schicksal gegenübertreten.

Was aber befähigt machen Menschen dazu, gestärkt aus traumatischen Lebenssituationen hervorzugehen, an der andere zerbrechen? Woher nehmen sie die Kraft, Schicksalsschläge nicht nur zu überstehen, sondern sogar noch menschlich daran zu wachsen?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der aktuellen und von Viktor Frankl beeinflussten Resilienzforschung, die nach den Ressourcen und Widerstandskräften im Menschen Ausschau hält.

Die Entscheidung, sich beherzt einen Weg durch das Leid zu bahnen und mit dem eigenen Schicksal auszusöhnen, gilt in der Psychologie als eines der auffälligsten Merkmale seelisch widerstandsfähiger Menschen. „Posttraumatisches Wachstum“ nennt die Resilienzforschung dieses Phänomen. Es ermöglicht Menschen eine neue Wertschätzung für das Leben, größere innere Stärke, die Erkundung neuer Möglichkeiten, verbesserte Beziehungen und eine spirituelle Vertiefung.

Zweifellos können wir viel lernen von Menschen, die sich von leidvollen Lebenserfahrungen zwar erschüttern, aber nicht zerbrechen lassen. Die erfahrenes Leid nicht verdrängen, sondern aushalten, es durchschreiten und nach Möglichkeiten der Transformation Ausschau halten. In dieser Widerstandskraft erblickte Viktor Frankl die letztendliche Freiheit des Menschen im Angesicht seines unausweichlichen Schicksals.

Die „Trotzmacht des Geistes“ nannte er die Fähigkeit, das unvermeidliche Leiden mit Mut und Würde zu tragen. In seinem Buch Der Wille zum Sinn schrieb er dazu: „Jeder Mensch behält bis zum letzten Augenblick seines Lebens die Freiheit, über seine Haltung zu der tragischen Situation zu entscheiden. Die Haltung, die ich gegenüber einer tragischen Situation einnehme, kann mich durchaus vor der Verzweiflung bewahren.“

Auch wenn wir nicht wählen können, welches Schicksal uns begegnet, können wir doch wählen, wie wir diesem begegnen wollen.

Viktor Frankl jedenfalls war überzeugt: „Der Mensch wird allenthalben mit dem Schicksal konfrontiert und so vor die große Entscheidung gestellt, aus seinem bloßen Leidenszustand eine innere Leistung zu gestalten.“

Christa Spannbauer

Viktor E. Frankl wurde am 26. März 1905 als Sohn einer österreichisch-jüdischen Beamtenfamilie in Wien geboren. Er studierte Medizin und Philosophie und leitete von 1933 bis 1937 als Oberarzt das Psychiatrische Krankenhaus in Wien. 1942 wurde er mit seiner Frau und seinen Eltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert, 1944 nach Auschwitz. Seine Frau und seine Eltern wurden ermordet.

Seine Eindrücke und Erfahrungen in den Konzentrationslagern verarbeitete Frankl in dem bekannten Buch Trotzdem Ja zum Leben sagen. Schon kurz nach Ende des Krieges vertrat er die Ansicht, dass vor allem Versöhnung einen sinnvollen Ausweg aus den Katastrophen des Weltkrieges und des Holocaust weisen könne.

Frankl gründete die österreichische Ärztegesellschaft für Psychotherapie und begründete die Logotherapie und Existenzanalyse („Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“).

1947 heiratete Viktor Frankl in zweiter Ehe Eleonore Katharina Schwindt, die ihn über 50 Jahre auch wissenschaftlich unterstützte. 1955 erhielt Viktor Frankl den Professorentitel für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, Gastprofessuren führten ihn in die USA. Frankl verfasste 32 Bücher und erhielt weltweit 29 Ehrendoktorate. Er starb am 2. September 1997 mit 92 Jahren in Wien.

Buchempfehlungen:

Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute. Herder, Freiburg im Breisgau 1978

Der Mensch auf der Suche nach Sinn. Klett, Stuttgart 1972

Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Neuausgabe: 2009; 7. Auflage, Kösel, München 2015

Für die Autorin und Filmemacherin Christa Spannbauer ist Viktor Frankl einer der wichtigsten Lehrer der Menschlichkeit. Seine humanistischen Überzeugungen flossen in das Buch und den Film „Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz“ ein. www.christa-spannbauer.de

 

 

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