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Ausstellung: Kunst, gerettet aus Odessa

Foto: Christoph Schmidt

Interview über Kunst und Krieg

Die ukrainische Hafenstadt Odessa ist ein Ziel des russischen Angriffskrieges – auch ihre Kunstschätze sind in Gefahr. In einer Rettungsaktion sind bedeutende Gemälde aus dem “Odesa Museum für Westliche und Östliche Kunst” nach Deutschland gebracht worden und jetzt in Heidelberg zu sehen. Museumsdirektor Frieder Hepp über Kunst und Krieg.

Angesichts russischer Angriffe auf die Millionenstadt Odessa am Schwarzen Meer holten Mitarbeiter des Museums für Westliche und Östliche Kunst in Odessa (Ukrainisch Odesa) 74 Meisterwerke ihrer Sammlung aus den Rahmen, verpackten sie in Kisten und schafften sie in Sicherheit – nach Deutschland.

Die Ausstellung „Meisterwerke aus Odesa – Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts“ zeigt eine Auswahl von 45 Spitzenwerken. Sie ist bis zum 22. März 2026 im Kurpfälzischen Museum Heidelberg zu sehen.

Die Gemälde umfassen Marienbilder, biblische und mythologische Historien, Stillleben, Porträts, Landschaften und Stadtansichten sowie Genrebilder. In Heidelberg werden einige Werke aus der eigenen Sammlung gegenübergestellt.

Das Gespräch mit Museumsdirektor Professor Frieder Hepp führte Kirsten Baumbusch

Frage: Warum ist diese Ausstellung so wichtig?

Hepp: Der Krieg in der Ukraine hat auch bei uns hier im Museum ein Gefühl der Hilflosigkeit erzeugt. Von meiner Ausbildung her bin ich sehr von Friedrich Schillers Begriff der Ästhetischen Erziehung geprägt. Die Idee ist, dass durch bessere Bildung der Mensch und mithin die Gesellschaft besser und am Ende friedlicher wird.

Und jetzt steht man erschüttert vor solch einem Aggressionsakt und fühlt sich machtlos. In dieser Situation berichtete meine Kollegin Dagmar Hirschfelder von dem ukrainischen Museumsteam, das nach dem ersten Drohnenangriff auf Odessa ihre Kunstwerke nach Berlin in Sicherheit gebracht hatte.

Da entstand sofort die Idee, diese Gemälde auszustellen, zunächst in Berlin, wo sie von Januar bis Juni 2025 zu sehen waren, und danach bei uns. Dieses Ziel hat uns aus der Starre geholfen und uns ermöglicht, gemeinsam unsere Solidarität zu zeigen.

Was hat am meisten berührt?

Hepp: Niemals vergessen werde ich, wie das Kollegium aus Odessa reagierte, als die Werke in Heidelberg aufgehängt wurden. Die emotionale Betroffenheit von Menschen, die sich freuen, ihre vertrauten Bilder wieder auszupacken, sie gerahmt und präsentiert zu sehen, das war überwältigend und ansteckend.

Während des Aufbaus in Heidelberg fielen Bomben auf den Hafen von Odessa. Wir sahen auf den Smartphones des ukrainischen Teams in Echtzeit den Grund für ihre Rettungsaktion. Das hat niemanden kalt gelassen.

Die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen sagten uns auch, dass sie während ihres Aufenthalts bei uns seit langer Zeit erstmals wieder ohne Alarm durchschlafen konnten. Da rückte auch für uns der Krieg ganz nah.

Kunst ist ein Lebensmittel wie Essen und Trinken.

Wie bedroht sind Kunst und Kultur in der Ukraine?

Hepp: Es ist das erklärte Ziel von Putin, die ukrainische Kultur auszulöschen. Wenn aber Kunstwerke vernichtet werden, raubt man den Menschen einen wichtigen Teil ihrer Identität.

Jeder Angriff auf Wohnhäuser richtet unermesslichen Schaden an und zerstört Erinnerungen wie Familienbilder und Briefe, aber auch Kulturgüter wie Bücher und Bilder. Da geht ein Stück Selbstgewissheit für immer verloren.

Man sagt, dass ein Land, das keine Geschichte hat, auch keine Zukunft hat. Und diese Botschaft wird den Menschen in der Ukraine durch die Vernichtung ihrer Kulturgüter seit Februar 2022 allabendlich geschickt.

Welche Bedeutung hat Kunst für Menschen gerade in Krisensituationen?

Hepp: Eine ungeheuer große. Wir haben während der Pandemie gemerkt, wie die Menschen „ihre“ Kunst vermisst haben. Deshalb haben wir am allerersten Tag, als das möglich war, das Museum wieder aufgemacht. Kunst ist ein Lebensmittel wie Essen und Trinken.

Wie reagieren die Menschen auf die Ausstellung?

Hepp: Sehr unterschiedlich, aber immer emotional. Wir zeigen in der Ausstellung beispielsweise Bilder und einen Videofilm vom Museum in Odessa – inklusive Drohnenangriffen und der Rettungsaktion. Den Film hatten wir zunächst mit der Original-Tonspur unterlegt, aber die Sirenen und Geräusche waren für manche zu viel.

Überhaupt ist es in den Ausstellungsräumen immer sehr viel ruhiger als sonst. Die Menschen verharren lange vor den Bildern, gehen vor und wieder zurück, sind sehr bewegt – egal woher sie kommen.

Wir hatten auch schon ukrainische Chöre zu Besuch, die spontan in der Ausstellung gesungen haben. Für ukrainische Besuchende ist die Ausstellung eine riesige Freude, ein Hoffnungszeichen und ein Zeichen der Wertschätzung, dass ihre Kunst auf diese Weise bei uns ausgestellt und von vielen Besuchern, die nach Heidelberg kommen, gesehen wird. Das schafft Verbindung und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Was wünschen Sie den Bildern und dem Museumsteam aus Odessa?

Hepp: Ich wünsche den Bildern, dass sie sicher wieder zurückkommen, in Odessa wieder von der Bevölkerung gesehen werden und dass die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen diesen Krieg gut überstehen.

Und sonst noch?

Hepp: Nicht verzweifeln, sondern im Rahmen der eigenen Möglichkeit die freiheitlichen und demokratischen Werte hochhalten. Sie sind es wert, sich für sie einzusetzen. Man darf den Aggressoren nicht das Feld überlassen.

Die Ausstellung „Meisterwerke aus Odesa – Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts“ ist bis zum 22. März 2026 im Kurpfälzischen Museum Heidelberg zu sehen. www.museum.heidelberg.de

Foto: Philipp Rothe

Frieder Hepp, Jahrgang 1957, ist Historiker und Direktor des Kurpfälzischen Museums in Heidelberg. Er studierte Geschichte, Erziehungs- und politische Wissenschaften sowie Germanistik. Er war Gymnasiallehrer, bevor er Museumspädagoge wurde und promovierte. Im Juni 2008 ernannte ihn die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg zum Honorarprofessor. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kunst- und Kulturgeschichte der Kurpfalz, Religion und Politik in der Frühen Neuzeit sowie Bilderfragen in Geschichte und Politik.

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