Auswege aus der Stressfalle

Eingeladen hatte das Lohmarer Institut für Weiterbildung in Kooperation mit dem Giessener Forum. „Zunehmendes Konkurrenzdenken in der Wirtschaft führt zu immer größerem Druck in der Gesellschaft und beim Einzelnen“, so Andreas Lackmann, Geschäftsführer des Instituts in seiner Einführungsrede.

Im Mittelpunkt der Tagung stand die Kultivierung der Achtsamkeit als Ausweg aus der Stress- und Burnout-Falle. Es gab Raum, um in Vorträgen, praktischen Übungen und Diskussionen zu ergründen, was es heißt, Achtsamkeit im Alltag, im eigenen Unternehmen, in der Gesellschaft und mit sich selbst zu leben.

Die MBSR-Lehrerin Valerie Saintot, seit 2007 Managerin der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, berichtete von ihren Erfahrungen mit kompakten Achtsamkeitskursen im Büro. Achtsamkeit erfahre eine immer größere Bedeutung. In der Suchmaschine Google liefere das Stichwort „mindfulness at work“ rund 34.800.000 Ergebnisse. Auf dem World Economic Forum 2014 in Davos standen die Thema „Gesundes Leben“ und „Mindfulness in the workplace“ ganz oben auf der Agenda.

In ihrem Unternehmen hatte sie im Februar 206 einen Meditationsraum mit einem Kursprogramm etabliert. Diese Kurseinheiten finden in der Mittagspause statt und dauern 45 Minuten (10 Min. Einführung, 30 Min. MBSR spezifisch, fünf Min. Abschluss). Sie berichtete, dass Übungen wie Atmen, Bodyscan oder Bergmeditation und Atempausen am besten gegen Stress wirkten. Aus ihrer Sicht sind Ethik, Disziplin und Intention grundlegend für Achtsamkeit am Arbeitsplatz.

Bewegung vom Ich zum Wir

Rüdiger Standhardt, Gründer des Gießener Forums und Initiator der Fachtagung, betonte, dass Stress die Volksseuche des 21. Jahrhunderts sei. Er wies auf die immensen Folgen von Stress und Burn-out in der Gesellschaft hin. 1998 hatte er damit begonnen, Führungskräften eine erste Erfahrung mit der Achtsamkeit zu ermöglichen. Diese Erfahrungen motivierten ihn dazu, das Training Achtsamkeit am Arbeitsplatz (TAA) im Rahmen des Giessener Forums zu entwickeln.

Seine Vision ist die Kultivierung von Achtsamkeit am Arbeitsplatz als Ausweg aus der Stress- und Burnout-Falle. Das Training hat drei Wurzeln: Progressive Muskelentspannung (PME), Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR) und Themenzentrierte Interaktion (TZI), ein Ansatz des lebendigen Miteinander-Lernens. Beim

Thema Achtsamkeit am Arbeitsplatz ist es ihm wichtig, dass der Prozess des achtsamen Innehaltens mit einer umfassenden Persönlichkeitsentwicklung verbunden ist. „Im Unternehmen darf Achtsamkeit nicht bei der Persönlichkeitsentwicklung stehen bleiben. Es geht um die Bewegung vom Ich zum Wir, um die Integrierung von Achtsamkeit in die Organisation“, so Standhardt.

„Mehr Meditation wagen!“

Das war die Kernbotschaft von Günter Hudasch, Organisationberater und MBSR-Lehrer. Er führte aus, dass gesellschaftliche Prozesse wie Individualisierung, Säkularisierung und unverbindliche Ethik sowie die Situation in Unternehmen aufgrund Effizienzsteigerung und betriebswirtschaftliche Orientierung zu erheblichen Belastungen und Leistungsanforderungen bei vielen Mitarbeitern führen. Die Bewältigung dieser Gesamtsituation werde zu einer Sache des Individuums gemacht, Stresskurse stünden hoch im Kurs.

Als Beispiel beschrieb er Achtsamkeitstrainings im Gesundheitsmanagement. „Die Situation bleibt aber unbefriedigend, wenn nur kleine Inseln der Achtsamkeit entstehen und im ganzen Unternehmen nicht mehr passiert.“ In dieser Situation sieht er eine große Verantwortung bei den Führungskräften. „Achtsamkeit in der Organisationsentwicklung kann ein gutes Mittel sein, um zu einer gemeinsamen Verantwortung aller Mitarbeiter des Unternehmens zu kommen“, sagte Günter Hudasch.

Konkret könnten Meetings durch kurze gemeinsame „Atempausen“ anders gestaltet werden. Zum Abschluss wies Günther Hudasch darauf hin, dass bei dem Thema Achtsamkeit in Unternehmen durchaus Konfliktpotential vorhanden sei. So herrsche oft noch das Vorurteil, dass Meditation nur „Softies“ machen. Zudem könne Meditation mit dem Aspekt der Freiwilligkeit kollidieren.

Er führte aus, dass Achtsamkeit mit Meditation mehr biete als Achtsamkeit ohne Meditation. Aber: „Eine spirituelle Praxis lässt sich nicht verordnen.“ Aber vielleicht sei Meditation eine Kulturtechnik für alle, ganz nach Jon Kabat-Zinn: „Wir werden mehr zu dem, der wir sind und weniger, die wir sein sollen.“

Der Neurowissenschaftler Tim Gard stellte die neusten Erkenntnisse der Hirnforschung in Bezug auf Wirkungen von Achtsamkeit, Meditation und MBSR v.a. am Arbeitsplatz vor. Neuroimaging-Studien weisen darauf hin, dass MBSR und Meditation tatsächlich die Struktur und Funktion des Gehirns verändern können.

Studien lassen einen Zusammenhang zwischen Achtsamkeit, Hirnfunktion und für den Arbeitsplatz relevantes Verhalten herstellen. Sie zeigen, dass Achtsamkeit die Regulierung von Schmerzen und Emotionen verändern und das Stressempfinden und die Entscheidungsfindung verbessern kann. Er stellte weitere Studien vor, die zeigten, dass die positiven Effekte von Achtsamkeit mit einer erhöhten Aktivität und einer Zunahme der Grauen Substanz in Hirnregionen einhergehen. Außerdem wiesen Achtsamkeitsmeditierende eine effizientere Vernetzung des Gehirns auf.

Am Ende diskutierten die vier Experten unter der Moderation von Andreas Lackmann auf dem Podium die ethische, gesellschaftliche und kollektive Dimension von Achtsamkeit am Arbeitsplatz und formulierten ihre Vision von Achtsamkeit in der Arbeitswelt. Am Ende der Fachtagung wurden die Teilnehmenden zur dritten Fachtagung Achtsamkeit am Arbeitsplatz eingeladen, die am 20. April 2015 in Frankfurt stattfinden wird.

Nähere Infos: www.achtsamkeit-am-arbeitsplatz.de/fachtagung.htm

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