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Autoindustrie: „Völlige Verantwortungslosigkeit“

Ein Interview mit Andreas Zeuch

Wachstum um jeden Preis – Unternehmensberater Andreas Zeuch kritisiert im Interview die Autoindustrie. Kaum jemand frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns oder hinterfrage unternehmerische Ziele tiefgreifend. Fehlverhalten werde mit Hilfe der Politik auf die Gemeinheit abgewälzt.

 

Im letzten Herbst haben wir uns mit Dr. Andreas Zeuch über die Ursachen der VW-Krise unterhalten. Die Krise hat sich unter dem Namen Dieselgate zu einem Desaster für die ganze Automobil-Branche ausgeweitet. Grund genug, aus aktuellem Anlass bei Andreas Zeuch nachzufragen.

Das Interview führte Stefan Ringstorff

Herr Zeuch, ist nun alles wieder gut nach dem großen Gipfel zwischen Politik und Automobilindustrie in Sachen Dieselgate? Schwamm drüber und weitermachen?

Nein, ich gehe davon aus, dass sich die Situation weiter verschärfen wird, denn niemand im Top-Management scheint aus den Ereignissen bei VW im letzten Jahr gelernt zu haben. Ende November 2016 habe ich einen Beitrag veröffentlicht, der symptomatisch den Titel „Vorwärts in die Vergangenheit“ trug.

In der Strategie des VW-Konzerns hat sich nichts geändert. Es geht um rein quantitatives Wachstum. „Wachsen bis zum Weltmarktführer“ hieß es vor der Krise 2016 unter dem Vorstandschef Winterkorn und auch danach unter dem neuen Chef Müller. Dieses Ziel geht an den Bedürfnissen der Kunden vorbei. Schauen Sie auf Toyota, die sind automatisch zum Weltmarktführer geworden, weil es immer um etwas anderes ging: die radikale Kundenorientierung.

Was nun in der deutschen Automobilindustrie passiert ist, ist alles anderes als das. Auf gut deutsch gesagt, sind die Kunden „verarscht“ worden. Nun versucht die Industrie ein merkwürdiges Doppelspiel: In den USA wird der Kunde refinanziert, in Deutschland soll dies mit allen Mitteln abgewendet werden. Die Industrie könnte sich auf Sammelklagen ihrer Kunden einstellen müssen.

Ökonomisierung aller Lebensbereiche

Wie sieht es aus mit der politischen Deckelung in der Aufarbeitung der Betrugsaffäre. Es drängt sich mir der Eindruck auf, dass für die Kleinen Gesetze gelten und Strafen verkündet werden und für die Großen Gipfel veranstaltet werden, bei denen Politik und Industrie gemeinsam Sache machen. Als Folge trägt keiner mehr die Verantwortung für sein Handeln.

Das ist nichts Neues. Es herrscht eine Zwei-Klassengesellschaft. 2007/2008 in der Finanzkrise war dies nicht anders. Es gibt dafür die schöne Begründung der Systemrelevanz. Sie führt in der Konsequenz dazu, dass die Kosten sozialisiert und die Gewinne privatisiert werden.

Wie kann es aber sein, dass Konzerne in einer Marktwirtschaft systemrelevant werden und die Bürger für deren unternehmerisches Fehlverhalten zahlen?

Die Frage ist, ob hier bewusst bestehendes Recht ignoriert wird. Ein Unternehmen mit einer Betriebsgröße von 100 Mitarbeitern würde in einer kritischen Situation in die Insolvenz entlassen. Bei Opel dagegen finanziert der Staat das Fortbestehen.

Dazu kommt die Lobbyarbeit. Die Bankenlobby hat sich im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 erfolgreich in die Legislative eingemischt. Wie wir heute wissen, wurden Gesetzestexte durch die Finanzlobby formuliert und teils im Wortlaut offiziell von der Regierung abgesegnet.

Die Einführung relationaler Kategorien bei der Bewertung der Abgaswerte ist ein ähnliches Kunststück der Lobbyarbeit. Im Endeffekt hat diese dazu geführt, dass ein SUV besser eingestuft werden kann als ein Smart, was ökologisch überhaupt keinen Sinn ergibt.

Ist dieses Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft wesentlich für den Eindruck einer schleichenden Entdemokratisierung unserer Gesellschaft?

Maßgeblich ist in unserer Welt die Ökonomisierung aller Lebensbereiche: Bildung, Gesundheit, Liebe. Alles hat seinen Preis. Überall wollen wir messen, ob es sich lohnt, dies oder das zu tun. Dieses Leitbild hat sich im Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft gesellschaftlich durchgesetzt.

Wir sind dann wieder schnell bei der Automobilindustrie und VW. Höher, schneller, weiter – das sind alles rein ökonomische Standards. Am Ende ist das Ziel, der weltgrößte Automobilkonzern zu werden. Der Zweck heiligt dann die Mittel. Der Glaube an das Wachstum ist unvermittelt groß. Es fehlt der Blick auf die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Das Automobil in seiner bisherigen Form ist doch längst nicht mehr das passende Mobilitätskonzept für die Zukunft.

In den Konzernen wird dieses Wachstumsdenken Top-Down vom Management durchgesetzt. Das ist ein in sehr simplen Kategorien gedachtes Erfolgsmanagement. Es wirkt sich auf die Arbeitskulturen in der Automobilindustrie aus. Ich sehe hier bisher keine Ansätze zur Demokratisierung. In anderen Konzernen gibt es dagegen schon Ansätze in diesem Bereich.

Gibt es Vorbilder in der Branche, die zukunftsweisend sind? Taugt der reine E-Auto-Hersteller Tesla dafür?

Mir ist nicht klar, ob Tesla an wegweisenden vernetzten Mobilitätskonzepten arbeitet. Das wäre eine Orientierung. Die Arbeitsbedingungen sind hier jedoch alles andere als vorbildlich. Bei Tesla stehen technologische und soziale Innovation im Widerspruch. Ich erkenne dort nichts, was die deutsche Automobilbranche sich abschauen könnte.

Wir blicken ja gerne ins Silicon Valley, und auch die deutschen Konzerne entsenden dort regelmäßig ihre Mitarbeiter hin, die die Erfahrungen von dort dann in Deutschland implementieren sollen. Dabei haben wir hier hervorragende Bedingungen in puncto Mitsprache und Mitbestimmungsrechte.

Wenn wir diese demokratische Elemente und unser Gesellschaftsrecht weiter entwickeln und aus dem starren Gewerkschaftskonstrukt befreien würden, dann wären wir hier wegweisend. Die Industrien der USA befinden sich im Niedergang. Die Stromleitungen brechen regelmäßig zusammen, und trotzdem schaut alle Welt auf eine technokratische Elite im Silicon Valley.

Wohin führt der Weg der Branche?

Damit sich wirklich etwas ändert, müssten einerseits personell Konsequenzen gezogen werden. Auch bei den Aufsichtsräten gibt es Verantwortungslosigkeit. Die Empörung ist groß, doch vergessen manche Räte, dass sie in ihrer ureigenen Aufgabe versagt haben.

Wesentlich ist aber Folgendes: Solange sich der Rahmen, das Bezugssystem und die Ausrichtung unternehmerischen Handelns nicht wandeln, wird sich nichts ändern. Es reicht nicht zu sagen: „Wir wollen jetzt der weltgrößte Hersteller von E-Autos zu werden“. Das zementiert den Status Quo. Erfolgreich!

 

Andreas Zeuch, unternehmensberaterDr. Andreas Zeuch begleitet als Berater, Trainer, Coach und Redner Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Mitbestimmung und Unternehmensdemokratie.

2003 schloss er seine Promotion zum Training professioneller Intuition ab und entwickelte sich so zu einem gefragten Experten zur organisationalen EntscheidungsKultur und EntscheidungsDesign.

2015 erschien sein neuestes Buch „Alle Macht für Niemand. Aufbruch der Unternehmemsdemokraten“ über erfolgreiche Formen der Unternehmensdemokratie.

Er betreibt den Blog Unternehmensdemokraten

 

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