Brauchen wir einen anderen Aktivismus?

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Handeln aus dem Einssein, nicht aus Trennung

Warum führt Aktivismus oft nicht zum Ziel? Mike Kauschke ist überzeugt: Wir müssen altes Denken und Handeln hinter uns lassen. In Anlehnung an den Transformationsdenker Bayo Akomolafe beschreibt er den „Postaktivismus“ als ein Engagement, das aus einer tiefen Einsicht kommt.

Die zahlreichen Krisen, in denen wir stehen, rufen nach einer Antwort. Der Aktivismus, etwa für den Klimaschutz, versucht, die Gesellschaft zu einem dringlichen, wirksamen Handeln aufzufordern.

Oft ist dieser Aktivismus aber vor allem eine Reaktion auf die Zerstörung oder Ungerechtigkeit und damit in gewisser Weise in der gleichen Denkweise gefangen, aus der viele Krisen in der Tiefe entstehen.

„Wenn es sehr dringend ist, müssen wir langsamer werden“, erklärt der nigerianische Psychologe und Transformationsdenker Bayo Akomolafe. Er spricht von einem Postaktivismus, der aus dieser Verkettung von Reaktion und Gegenreaktion auszubrechen versucht.

Denn wenn wir uns dem reaktiven Handeln verweigern und die alten Strategien loslassen, können wir bisherige Denkweisen überschreiten und neue Wege sehen, die unseren Augen bisher verborgen waren.

Wenn es keine Worte mehr gibt

Postaktivismus ist keine Form des Engagements, die nach dem Aktivismus kommt, sondern eine neue Weise des Antwortens, die aus dem Unbekannten aufbricht.

Postaktivismus hat für Bayo Akomolafe »mit Einbrüchen und Eruptionen, Durchbrüchen, Rissen, Blitzen, Verwerfungen, Diskontinuitäten, Brüchen, seismischen Verschiebungen, weltverändernden Öffnungen, Wundern, seltsamen Begegnungen und dem gähnenden Schlund eines Monsters zu tun. …

Wenn wir am Ende des Seils angelangt sind, am Ende der Welt, und es keine Worte mehr gibt.«
Die Wände unserer gewohnten Narrative, Denkweisen und Weltbeziehungen stürzen ein und wir stehen nackt, offen und ungeschützt in der Ansprache der Welt.

Antworten darauf finde ich dann nicht in meinen gelernten Bezügen und Strategien, sondern in der Verletzlichkeit der Berührung. Im Zwischenraum der Beziehung.

Es ist ein Erwachen zu unserem verwobenen Sein mit den Dingen und Wesen, auch mit den Krisen und Sterbeprozessen. Erst wenn wir nicht mehr wissen, was zu tun ist, sind wir so offen, um zu lauschen, was getan werden will.

Alles soll sich ändern, nur wir selbst nicht

Akomolafe illustriert seine Idee mit der Geschichte eines Meeresbiologen, der Orcas erforscht. Eines Tages reagieren die Tiere nicht wie gewohnt auf seine Interventionen. Er ist verwirrt und verunsichert, bis er bemerkt, dass sich etwas verändert hat.

Er hat den Eindruck, dass nun nicht mehr er die Wale beobachtet, sondern von ihnen beobachtet wird. Die Wesen, die als passives Forschungsobjekt galten, wenden sich nun gleichsam ihm zu. Die stumm erscheinende Welt wird plötzlich sprechend. Und wir befinden uns immer im Gespräch, im Gespräch mit der lebendigen Welt.

Wenn wir wirklich in dieses Gespräch eintreten, werden wir verwandelt, erschüttert, aufgebrochen, neu geformt. So viele unserer Reaktionen auf die globalen Bedrohungen behalten als Standpunkt und Handlungsort unsere getrennte individuelle Identität.

Wir hoffen gleichsam, die Lösungen und Strategien für die Krisen zu finden und selbst unbeschadet in unserer gewohnten Form zu überleben. Aber die Art, wie wir auf die Krisen antworten, sind ein Teil der Krise.

Was wir in unsere Recycling-Tonnen werfen, landet über verschlungene globale Wege zum Beispiel Teil in Afrika und Asien.

Und durch Stromsparen, die Nutzung grüner Technologien, weniger reisen, dem Verringern unseres CO2-Abdrucks versuchen wir, unser Gewissen zu beruhigen, während wir im Großen und Ganzen so weitermachen wie bisher.

Unsere Lebensform muss sterben, damit Leben möglich ist

Natürlich sind individuelle Verhaltensänderungen und gesellschaftlicher ökologischer Wandel wichtig. Aber sie gehen nicht tief genug, sie lassen das bestehende System in seinem Denken und seiner Weltbeziehung intakt.

Wir denken immer noch, wir könnten die Welt nur etwas vorsichtiger ausbeuten und grenzenloses Wachstum wäre durch grüne Technologien weiterhin möglich. Wir verstehen nicht, dass unsere Lebensform stirbt – und sterben muss, damit Leben weiterhin möglich ist.

Heute scheint es so, als ob das Sterben, das wir in die Welt bringen, aber in unserem Leben hartnäckig vermeiden und verschleiern, sich umwendet, uns anblickt und anspricht: ‚Damit das Leben sich entfalten kann, musst du sterben. Du, wie du dich gewohnt bist zu sehen, zu erfahren, zu verstehen.‘

Wir finden den neuen Horizont nur, wenn wir selbst dazu werden. Technische und bürokratische Lösungen sind nicht radikal genug, sie verfehlen die Wurzel. Vonnöten ist eine transformative Revolution unseres Menschseins.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wenn die Welt zu sprechen beginnt….

Nur in einer existenziellen Konfrontation mit der Zerstörung und dem Sterben können in uns die Samen des Neuen reifen. Wir können sie nicht machen, nicht erdenken, sie können aber aus der Befruchtung durch eine lebendige, leidende, liebende Welt erwachsen.

Dafür können wir uns öffnen. Und Lauschen. Das Hören, die Hingabe, die Offenheit sind die poetischen Wahrnehmungsformen und Bewusstseinshaltungen, die uns berührbar halten im Sturm der Zerstörung.

Um hören zu können, braucht es das Loslassen, indem wir aufhören, die zu sein, die wir immer schon waren, und die Welt so zu sehen, wie wir es gewohnt sind. Wenn wir aufhören, dann öffnet sich ein Raum, um auf das, was das Leben will, zu hören. Was braucht unsere Erde von mir?

Wenn ich aufhöre zu sprechen und meine Ideen über die Welt zu legen, beginnt sie zu sprechen. Dann kann ich hören, lauschen, horchen. Die Intensität meines Hinaushorchens steigern, verdichten. Das auch ein Hineinhorchen ist, in die seelische Tiefe in mir, in den Grund des Gewissens und des Wissens um die Einheit allen Seins.

Das Horchen ist eine poetische Lebensform. In innerer Offenheit empfange ich die Fülle der Welt in all ihrem Schmerz und ihrer Schönheit, ihre Wunden und Wunder. Bin im Leben mit allem, was ich bin, denn Leben ist alles, was ich bin.

So berührbar können wir zum „horchenden, feingespannten Segel“ werden wie im Gedicht von Ossip Mandelstam:
Das horchende, das feingespannte Segel.

Der Blick, geweitet, der sich leert.
Der Chor der mitternächtigen Vögel,
durchs Schweigen schwimmend, ungehört.
An mir ist nichts, ich gleich dem Himmel,
ich bin, wie die Natur ist: arm.
So bin ich, frei: wie jene Stimmen
der Mitternacht, des Vogelschwarms.
Du Himmel, weißestes der Hemden,
du Mond, entseelt, ich sehe dich.
Und, Leere, deine Welt, die fremde,
empfang ich, nehme ich!

Foto: privat
Foto: privat

Mike Kauschke

ist fester freier Mitarbeiter in der Redaktion von Ethik heute. Zudem arbeitet er auch als Übersetzer, Dialogbegleiter und als Redaktionsleiter beim Magazin evolve. Er begleitet auch die Online-Dialoge im Netzwerk Ethik heute. www.mike-kauschke.de

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