Bewusstseinsveränderung reicht nicht
Rutger Bregman provoziert mit seinem Buch „Moralische Ambition”: Während die Welt in Flammen steht, würden viele Menschen ihre Talente in sinnlosen Jobs verschwenden. Bewusstsein reiche für den Wandel nicht aus – es brauche entschlossenes Handeln, so seine Botschaft. Doch kann man mit Übereifer und Aktivismus die Welt retten?
Die meisten Menschen vergeudeten ihre Talente, so die unbequeme Botschaft des Journalisten und Historikers Rutger Bregman in seinem Buch „Moralische Ambition“. Statt sich, vor allem beruflich und in Vollzeit, den drängenden Problemen zu widmen, würden viele „Bullshit-Jobs, die keinerlei Sinn stiften“ ausüben, so der Autor. Sein Buch ist ein Aufruf, ja fast schon eine Kampagne für die Verbesserung der Welt.
Die Liste der ernsten Probleme, die er aufzählt, ist lang und gibt ihm Recht: Autokraten höhlen die Demokratien aus, jährlich sterben fast fünf Millionen Kinder wegen leicht zu heilender Krankheiten, es gibt unendliches Tierleid, die Klimakrise, das Artensterben, um nur einige zu nennen. Und was tun wir?
Bregman hat es in den letzten Jahren mit Aufklärung und sanftem Wachrütteln versucht, etwa mit seinen Büchern „Im Grunde gut“ und „Utopien für Realisten“. Jetzt holt er den Hammer heraus. Alle bekommen ihr Fett weg, falls sie nicht in systemrelevanten Jobs arbeiten:
Manager, Werbetreibende, Finanzmakler, Influencer, jene, die „süchtig machende Technologien entwickeln“, Leute, die auf „Work Life-Balance“ beharrten, aber auch Idealisten ohne Ambition und Impact und natürlich Meditierende wie Matthieu Ricard, der explizit genannt wird als jemand, der aus Sicht des Autors die meiste Zeit seines Lebens verschwendet habe.
Die Schattenseiten der Passivität, so Bregman, sehe man im Nationalsozialismus: Die meisten Menschen in Holland missbilligten damals zwar Antisemitismus und Verfolgung, aber sie unternahmen nichts dagegen, verhielten sich passiv.
Aktivismus allein reicht auch nicht
Als Gegenbeispiele führt das Buch historische Persönlichkeiten an, die erfolgreiche Bewegungen initiiert und angeführt haben und erzählt ihre Geschichte. Da geht es um den Kampf für die Abschaffung der Sklaverei, das Engagement der Suffragetten für das Wahlrecht der Frauen, das sich übrigens 75 Jahre hinzog, den Einsatz gegen Malaria mit einfachen Mitteln wie der Verteilung von Moskitonetzen in den betroffenen Ländern. Es sind beeindruckende, Mut machende Geschichten.
Doch manchmal hat man den Eindruck, als sei der Autor fast schon berauscht von Impact, Effizienz und Einflussnahme, etwa wenn er den Tech-Milliardär Peter Thiel als Beispiel anführt. Nur hat dieser sich mittlerweile zum Vordenker und Mäzen der Rechtspopulisten in den USA entpuppt. Die Welt wäre besser dran, wenn Thiel etwas weniger Sendungsbewusstsein hätte, aber dazu schweigt der Autor.
Und das ist ein Problem des Ansatzes von Bregman: Die Geschichten, die er anführt, ereigneten sich unter bestimmten Bedingungen, in einer historischen Konstellation. Sie sind nicht verallgemeinerbar. Manchmal ist es entscheidend zu handeln, ein anderes Mal ist gerade das Nicht-Handeln die Lösung. Man kann die Welt nicht mit der Brechstange verändern.
Doch bei allem Übereifer hat Bregman einen Punkt: Es klafft eine riesige Lücke zwischen Bewusstein und Handeln. Sein zentraler Satz stimmt: „Bewusstsein allein reicht nicht“. Die gute Absicht bringe noch keine Veränderung, wenn sie nicht ins Handeln umgesetzt wird.
Gleichzeitig stimmt aber auch: „Aktivismus allein reicht auch nicht“, wenn er nicht von Weisheit und selbstloser Haltung begleitet wird. Beides muss zusammenkommen, wenn die drängenden Probleme gelöst werden wollen. Dafür kann das Buch ein Anstoß sein: tiefer darüber nachzudenken, wie man seine begrenzte Zeit auf diesem Planeten nutzt und seine Talente mehr zum Wohle des Ganzen einsetzt.
Hierfür gibt uns Bregman drei Fragen mit auf den Weg: Was ist dein größtes Talent? Was sind die größten vernachlässigten Probleme der Welt? Was ist die Verbindung zwischen den beiden, für welches Thema kann ich mich sinnvoll engagieren?
Es lohnt sich sicher, darüber im stillen Kämmerlein nachzudenken und mit anderen ins Gespräch zu gehen, um dann ins Handeln zu kommen.
Rutger Bregman. Moralische Ambition: Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt. Rowohlt Verlag 2024
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