Neue Bewegung in der Arbeitswelt

Die herkömmliche Ökonomie greift zu kurz, sagt die Theologin und Feministin Ina Praetorius im Interview. Die Mitgründerin von „Wirtschaft ist Care“ meint, im Zentrum des Handelns müssten die menschlichen Bedürfnisse stehen. Die Care-Arbeit betont die Fürsorge.

Das Interview führte Stefan Ringstorff

Frage: Was ist Care-Arbeit und worin unterscheidet sich diese von Erwerbsarbeit?

Praetorius: Ich unterscheide zwischen Care in einem engen und Care im erweiterten Sinn. Care im engeren Sinne, das ist die Arbeit der alltäglichen Fürsorge, die bis heute vor allem Frauen in Privathaushalten leisten. Sie besteht im Wesentlichen aus den klassischen Haushaltstätigkeiten – Kochen, Putzen, Waschen etc. – und Beziehungsarbeit, also Tätigkeiten wie Betreuen, Zuhören, Intimität herstellen.

Solche Care-Arbeit im engen Sinne existiert auch als bezahlte, meist schlecht bezahlte Arbeit, zum Beispiel in Krankenhäusern, Altersheimen oder Kindergärten. Insofern stimmt der Gegensatz „Care-Arbeit“ und „Erwerbsarbeit“ nicht. Unbezahlte und unterbezahlte Care-Arbeit zusammen genommen sind laut den meisten Erhebungen der amtlichen Statistik der mit Abstand grösste Wirtschaftssektor.

Care-Arbeit im erweiterten Sinne bedeutet, dass jemand sich in seinem Handeln von der Frage leiten lässt, welche realen Bedürfnisse hier und jetzt zu befriedigen sind. Wer in diesem Sinne Care zum Kriterium macht, stellt sich also nicht die Fragen, die in der Mitte der derzeit gängigen so genannten Ökonomie stehen: Wie kann ich mein Produkt am besten verkaufen? Wie erziele ich den höchsten Mehrwert? Wie setze ich mich gegen Konkurrenz durch?

Von der heute noch gängigen Geld-zentrierten Ökonomie wird Care aber als unwesentliches, lästiges, „zu teures“ Randphänomen behandelt oder ganz ausgeblendet.

Selbstbefragungsbogen: Meine Care-Biographie

Frage: Sie regen mit der Initiative „Wirtschaft ist Care“ dazu an, sich Gedanken über die eigene Care-Biografie zu machen. Wie sieht denn Ihre eigene Care-Biografie aus?

Praetorius: Der Selbstbefragungsbogen „Meine Care-Biographie“, den wir in unserem Verein „Wirtschaft ist Care“ entwickelt haben, wird rege genutzt. Das zeigt: Es besteht ein Bedürfnis, sich mit Erfahrungen der eigenen Bedürftigkeit auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch die Frage, wie Bedürfnisse im Nahraum der eigenen Familie befriedigt wurden und werden und wie sich die entsprechenden Praxen über die Generationen verändern. Wer sich solchen Fragen persönlich stellt, bekommt ein Gefühl dafür, wie existentiell und gleichzeitig variabel Care-Praxen sind.

Ich selber bin im Nachkriegs-Westdeutschland in einer größeren Hausgemeinschaft aufgewachsen, mit erwerbstätigen Eltern – meine Mutter war Professorin an einer Musikhochschule, mein Vater freischaffender Architekt. Dann waren da noch die unverheiratete, ebenfalls erwerbstätige Tante, der pensionierte Großvater, eine angestellte Haushälterin und diverse Personen, die nach Bedarf Betreuungsaufgaben übernahmen.

Ich habe also in meiner Kindheit erlebt, wie sich mehrere Leute aus verschiedenen Generationen die Care-Aufgaben flexibel aufteilen können. Erst später habe ich in anderen Haushalten erlebt, wie die damals in den 1960er Jahren noch normative Lebensform der kleinfamiliären „Hausfrauenehe“ funktionierte.

Erst relativ spät habe ich also erkannt, wie stark Frauen in dieser Norm-Konstellation auf den unsichtbar gemachten emotionalisierten Ausgleich des dominanten Marktgeschehens festgelegt werden. Diese Erkenntnis hat mich Mitte der 1970er Jahre zur Feministin gemacht. Damals begann ja die feministische „Hausarbeitsdebatte“, und mit ihr die Kritik des Arrangements aus marktaktivem „Familienernährer“ und kompensatorisch wirkender „Hausfrau“.

Verengung des Blickfelds

Frage: Wofür streiten Sie mit der Initiative „Wirtschaft ist Care“? Was sind Ihre Ziele?

Praetorius: Was wir tun, würde ich weniger als „Streiten“ bezeichnen, eher als „Sagen, was ist“. Wir konfrontieren die Wirtschaftswissenschaft, die Medien, die Bildungspolitik, die verschiedenen Öffentlichkeiten mit dem Widerspruch zwischen der ursprünglichen Zweckbestimmung der Leitwissenschaft Ökonomie und der tatsächlichen Verengung des Blickfelds auf eine Theorie und Praxis geldvermittelter Tauschakte.

Wir sagen: Ihr Ökonomen, Journalistinnen, Lehrer vergesst mehr als die Hälfte der menschlichen Realität. Ihr stellt Menschen als „autonome“ Wirtschaftssubjekte dar und unterschlagt die viele Arbeit, die notwendig ist, um aus Babys handlungsfähige Erwachsene zu machen, oder um müde (Wirtschafts-)Krieger täglich fit zu machen für den Konkurrenzkampf.

Damit unterschlagt ihr ganz allgemein die Abhängigkeit aller Menschen von einander – und von einer heilen Natur. Das ist gefährlich, denn wir Menschen sind eben nicht unabhängige „Herren“ von Dienstboten und „Herren“ der Natur, sondern aufeinander angewiesen und selbst Natur. Wenn wir unsere Geburtlichkeit und Verletzlichkeit, aber auch die Artenvielfalt, die Insekten, das Klima mit Verachtung strafen, dann strafen wir uns selbst.

Indem wir das unsichtbar Gemachte sichtbar machen, lösen wir Verunsicherung aus und schaffen, was ich „das postpatriarchale Durcheinander“ nenne. Erst wer sich eingesteht, wie viel durch die patriarchale Trennung von wichtiger, öffentlich sichtbarer „Männlichkeit“ und privatisierter, kompensierender, vermeintlich „naturnaher“ „weiblicher“ Care-Arbeit schief gelaufen ist, hat die Chance, aus diesem Durcheinander herauszufinden in eine lebensfreundliche Ordnung.

Frage: Wird der Care-Arbeit kein Wert beigemessen? Macht uns unser auf die Erwerbsarbeit ausgerichteter Arbeitsbegriff blind für andere Leistungen?

Praetorius: Dass der Care-Arbeit überhaupt kein Wert zugemessen wird, wäre übertrieben. Es gibt Institutionen wie den Muttertag. Es gibt TV-Sendungen, die „Helden des Alltags“ küren, es gibt Sonntagsreden. Der Wert der Care-Arbeit wird also in Blumensträußen, Geburtstagskuchen und ähnlichen symbolischen Alibi-Unternehmungen zum Ausdruck gebracht. Wir sind nicht „blind“ für Care, aber wir haben noch keine angemessenen Formen gefunden, um Care und unserer Bedürftigkeit den richtigen Ort in einer postpatriarchalen symbolischen und politischen Ordnung zu geben.

Runde Tische zur Zukunft der Care-Arbeit

Frage: Hat sich die Trennung von Erwerbs- und Care-Arbeit in den letzten Jahren verschärft oder beobachten Sie eine bewusstere Wahrnehmung und Artikulation dieser Problematik?

Praetorius: Beides ist der Fall. In Deutschland gibt es zum Beispiel seit 2014 die Bewegung „Care-Revolution“, die die Politisierung von Care auf verschiedenen Ebenen – Theoriebildung, mediale Aufmerksamkeit, Streiks etc. – vorantreibt. Es gibt auch eine wachsende öffentliche Aufmerksamkeit für die Missstände im Pflegesektor.

Andererseits gibt es eine Tendenz, Care wieder stärker zu privatisieren. Wenn zum Beispiel Krankenhäuser profitorientiert statt gemeinwohlorientiert wirtschaften, dann landet logischerweise wieder mehr Care-Arbeit in den Familien, also in der Gratisarbeit. So verstärken sich die Schieflagen wieder.

Frage: In Deutschland gibt es das Elterngeld als Sozialleistung für die Kinderfürsorge, doch nur ca. 20 Prozent der Männer nehmen es überhaupt in Anspruch. Für alle anderen scheint klar: Kinderfürsorge ist Frauensache. Was ist da los? Geht es etwa gar nicht um finanzielle Sicherheit?

Praetorius: Es geht da um viel mehr als finanzielle Sicherheit. Es geht um die Aufrechterhaltung der herkömmlichen Geschlechterordnung, koste es, was es wolle. Manchmal habe ich den Eindruck, wir müssten alle eine postpatriarchale Form der Psychoanalyse durchlaufen, um zu durchschauen, was „da los ist“.

Frage: Wie weit sind wir mit der Gleichberechtigung gekommen, wenn Frauen anderthalb mal mehr unbezahlte Arbeit leisten? Ist das nicht ein Armutszeugnis für die Errungenschaften der Frauenbewegung?

Praetorius: Der Begriff „Gleichberechtigung“ ist zu oberflächlich, wenn ich meine Analyse patriarchaler Verhältnisse zum Maßstab nehme. Er suggeriert, dass sich unsere Probleme dadurch lösen lassen, dass Frauen einfach alles dürfen, was Männer schon tun: Studieren, Karriere machen, Geld verdienen, Priester werden, in Parlamenten, Regierungen und Aufsichtsräten sitzen. Natürlich ist all das in gewisser Weise nötig, damit wir uns innerhalb der gegebenen Strukturen überhaupt verständlich machen können.

Aber eine Frauenbewegung, die solche vorläufige Ziele für die eigentlichen hält, macht sich zur Komplizin des herkömmlichen geld-zentriertem Wirtschaftens und greift folglich zu kurz.

Die patriarchal zweigeteilte Ordnung, die in letzter Konsequenz das Überleben der Menschheit gefährdet, weil sie unser aller Abhängigkeit voneinander und von einer heilen Natur nicht wahrhaben will, lässt sich nicht durch Gleichstellungsmaßnahmen reformieren. Sie muss sich transformieren in eine neue, menschengerechte, ökologische Ordnung. Es braucht das, was Thomas Kuhn einen „Paradigmenwechsel“ nennt.

Ina Praetorius; Jahrgang 1956, Studium der Germanistik und evangelischen Theologie. Von 1983 bis 1987 war sie Assistentin am Institut für Sozialethik der Universität Zürich. Heirat 1988, Geburt der Tochter 1989. 1992 hat sie an der theologischen Fakultät Heidelberg promoviert. Seit 1987 ist sie als freie Autorin und Referentin tätig. Sie bietet persönliche Beratungen zur postpatriarchalen Lebensgestaltung an. https://www.inapraetorius.ch/d/

 

 

Mehr erfahren

Verein Wirtschaft ist Care

Website Care Revolution

Buch: Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen, Berlin (Heinrich Böll Stiftung) 2015, zu finden unter: https://www.boell.de/de/2015/02/19/wirtschaft-ist-care-oder-die-wiederentdeckung-des-selbstverstaendlichen