Dankbar sein für jeden Augenblick

Norbert Kopf, www.traumgaertner.at

Zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast

Der Benediktinerbruder David Steindl-Rast ist einer der wichtigen spirituellen Lehrer der Gegenwart. Am 12. Juli 2026 feiert er seinen 100. Geburtstag. Religionswissenschaftlerin Ursula Baatz über ein Leben in innerer Vertiefung, das Religionen und Grenzen überschreitet.

Die heitere Freude von Bruder David ist ansteckend, selbst wenn man ihn nur per Video sieht. Glück, sagt er, liegt nicht darin, was uns glückt, denn das ist sehr unbeständig. Entscheidend sei „jenes Glück, das nicht davon abhängt, was uns widerfährt“. Es geht also um Freude, Dankbarkeit für das Geschenk des Augenblicks.

Franz Kuno, so der bürgerliche Name von Bruder David, 1926 in Wien geboren, hat als Junge in der Zwischenkriegszeit Armut, Antisemitismus und gewalttätige Parteikonflikte kennengelernt. Nur daheim erfuhr er Geborgenheit. Die Mutter, „Löwenmutter“, wie er und seine Brüder sie nannten, gab ihnen viel Freiheit und brachte ihnen gemeinsam mit der Großmutter Dichter wie Rilke nahe.

Und weil der Volksschüler nicht stillsitzen wollte, erklärte ihm die Mutter das Jesus-Gebet – und öffnete ihm so den Weg in den „Raum des Herzens“, den er sein Leben lang durchwandern sollte.

Im Gymnasium der katholischen „Neulandschule“ beeindruckte ihn, wie sehr selbst strenge Lehrer die Würde ihrer Schüler achteten – und dies auch nach dem März 1938, nach dem Einmarsch von Nazi-Deutschland.

Die Familie stand unter Schock: die Großmutter, gerade auf Verwandtenbesuch in den USA, konnte nicht mehr heim; die Großtante wurde im KZ getötet, die Mutter galt als „Halbjüdin“ und die Buben als „Mischlinge“.

Als Rekrut bei der Deutschen Wehrmacht war Franz ab Mai 1944 den sadistischen Demütigungsritualen der Ausbilder ausgesetzt. Was ihm darüber half, war das Jesus-Gebet.

Christ-Sein, darin bestärkten ihn auch die illegalen Widerstands-Treffen der Neulandschüler, heißt die Würde des Anderen wahren. „Wenn wir irgendjemanden aus dem Kreis der Zugehörigkeit ausschließen, sündigen wir“, sagt Bruder David in seiner Biographie „Ich bin durch dich so ich“ (Vier Türme Verlag). Wie durch ein Wunder kam er nicht an die Front und überlebte mehrere kritische Situationen.

Christlicher Mönch und Zen-Praktizierender

Die ständige Lebensbedrohung während des Krieges hatte in den jungen Menschen eine intensive Lebensfreude freigelegt. „Allzeit den Tod vor Augen zu haben“, wie es in der Regel des Heiligen Benedikt heißt, erwies sich für Franz Kuno als Möglichkeit, diese Freude zu bewahren.

Er studierte zunächst an der Kunstakademie Restaurieren, danach Anthropologie und Psychologie. Aus einem Besuch bei der Großmutter in New York wurden ungeplant viele Jahrzehnte des Lebens in den USA.

1953 trat er ins Kloster der Benediktiner in Mount Saviour im Bundesstaat New York ein und wurde „Bruder David“. Sein Wunsch nach einem an den ursprünglichen Benedikt-Regeln orientiertes Klosterleben ging hier in Erfüllung.

Die 1960er Jahre brachten viel Veränderung: die Proteste gegen den Vietnam-Krieg bewegten auch die Mönche, und das Zweiten Vatikanischen Konzil öffnete den Weg für einen intensiven Dialog der Religionen.

Durch eine zufällige Begegnung mit einem Zen-Mönch, später als Eido Shimano Roshi (1932-2018) bekannt, lernte Bruder David – auf Empfehlung seines Abtes – die Zen-Übung kennen, wozu er 1966 nach New York City übersiedelte.

An Orten heiligen Schweigens

Bruder David Er wurde zu einer wichtigen Gestalt im interreligiösen Dialog. Mit dem Hindu Swami Satchidananda – er hielt beim Woodstock Festival die Eröffnungsfeier – und dem Rabbiner und Kabbala-Kennern Joseph Gelberman gründete Bruder David ein „Center for Religious Studies“.

Er unterstützte das „Prayer-House-Movement“ – eine Bewegung für eine vertiefte Spiritualität in katholischen Orden und gründete unter anderem die Sky Farm Hermitage (1975), als Retreat Center vor allem für das Herzens- oder Jesus-Gebet.

Steindl-Rast begegnete dem Dalai Lama, nahm am Parlament der Weltreligionen 1993 und an vielen interreligiösen Gesprächen teil. Retreats und Schulungen führten ihn u.a. auf die Philippinen, in afrikanische Länder oder Taiwan.

Immer wieder zog er sich für längere Zeit in die Einsiedelei des Kamaldolenser-Ordens in Big Sur, Kalifornien zurück, manchmal auch an besondere Orte wie einen alten, nur per Schiff erreichbaren Leuchtturm.

1989 gründet er zusammen mit dem Zen-Priester Vanja Palmers vom San Francisco Zen Center das bis heute bestehende „Haus der Stille Puregg“ in Österreich als „Ort der Begegnung von Ost und West in jenem heiligen Schweigen, das alle Religionen zutiefst verbindet“.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Dankbarkeit als Grundhaltung

Seine an Rilkes Dichtung geschulte Sprache und die Jahrzehnte der Praxis von Jesus-Gebet und Zen-Übung ermöglichen ihm, die Verbindung von Zen-Buddhismus und Christentum so in Worte zu fassen, dass sie unmittelbar einleuchtet.

„Gratefulness – the Heart of Prayer“ (1984) war das erste von vielen Büchern. Ab den späten 1990er Jahren entstand das Netzwerk „Dankbar leben“, zuerst auf Englisch, dann auf Deutsch, Spanisch und Portugiesisch. Dadurch wurde er auch hierzulande vielen Menschen bekannt, für die Religion kein Thema ist.

Der interreligiöse Dialog, der durch die fundamentalistischen Kulturkämpfe immer leiser wird, kommt in seinen Büchern nochmal zur Blüte: in „99 Namen Gottes“ (2019) greift er eine Übung aus der islamischen Mystik auf, und im „Fließweg“ (2024) geht’s um das Daodejing.

Inzwischen gibt es Bruder David auch in der virtuellen Welt. Der „Bruder David Chatbot“ versorgt mittlerweile rund 1000 User mit AI generierten Zitaten und Antworten auf wichtige Lebensfragen.

Eine Festschrift anlässlich des 100. Geburtstags: IN WACHSENDEN RINGEN

Seine Entdeckung der Dankbarkeit als spirituelle Praxis hilft vielen – einfach und undogmatisch. Dankbarkeit für jeden Augenblick, der uns gegeben ist, selbst dann, wenn das Leben gerade schwierig ist.

Denn „letztlich ist es doch die Aufgabe jedes Menschen, dankbar zu leben. Und das heißt, im Jetzt zu leben, und das heißt, sein Selbst zu finden.» i

i https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch/bruder-david/persoenliche-botschaft

Mehr Infos:

https://www.bibliothek-david-steindl-rast.ch/

https://www.dankbar-leben.org

Film-Dokumentation vom OFR zum 100. Geburtstag

Buchtipp: Klaudia Menzi-Steinberger. In wachsenden Ringen. Zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast, Sprachlichter Verlag 2026

Ursula Baatz I Foto: Katrin Bruder
Ursula Baatz I Foto: Katrin Bruder

Dr. Ursula Baatz

ist Religionswissenschaftlerin und Philosophin, mit Lehraufträgen an verschiedenen österreichischen Universitäten. Sie arbeitete viele Jahre als Religions- und Wissenschaftsjournalistin bei Radio Ö1/ORF. Sie ist auch Zen-Lehrerin und unterrichtet Achtsamkeit. Buchautorin, zuletzt erschienen: Achtsamkeit – der Boom. Hintergründe, Methoden, Perspektiven V&R 2023.

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