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Darf man bei Amazon einkaufen?

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Foto: Super Straho I Unsplash

Ethische Alltagsfragen

In der Rubrik “Ethische Alltagsfragen” greift der Philosoph Jay Garfield eine Frage zum Einkaufen bei Amazon auf: „Ich kaufe viel bei Amazon. Aber ich weiß natürlich, welchen Schaden der Konzern anrichtet. Wie ist es moralisch zu beurteilen, bei Amazon einzukaufen? Wie viel Verantwortung habe ich als Einzelner?“

 

Frage: Ich kaufe viel bei Amazon ein, weil es so bequem ist. Ein Freund meinte neulich, dass ich mit dem Einkauf auch den Konzern unterstütze – mit allem, was dazu gehört: ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, das Vermeiden von Steuerzahlungen und natürlich der Klimafaktor, wenn viel konsumiert wird. Doch was kann ich schon daran ändern? Wie viel Verantwortung habe ich als Einzelner?

Jay Garfield: Wie es moralisch zu bewerten ist, bei Amazon einzukaufen, ist nicht leicht zu beantworten und nicht schwarz-weiß. Denn der Kauf hängt von vielen Faktoren ab.

Amazon ist nicht nur ein Konzern, der Waren liefert, sondern auch eine Plattform, die von vielen, auch sozial verantwortlichen Unternehmen genutzt wird, um ihre Waren auf einem breiteren Markt zu verkaufen. Damit ermöglicht Amazon auch kleineren Einzelhändlern, die sonst keinen Zugang zu Produkten hätten, ihre Position zu verbessern. Das ist für die Beurteilung nicht unwichtig.

Zum Beispiel lebe ich in Australien, wo die einzigen Zahnpasten in den Ladenregalen von Unilever oder Colgate-Palmolive (oder anderen ebenso problematischen multinationalen Unternehmen) hergestellt werden.

Amazon verkauft aber auch ökologisch gute Zahnpasta von sozial verantwortlichen Unternehmen wie Tom’s of Maine.  Soll ich Amazon boykottieren, um Colgate-Palmolive zu unterstützen? Oder soll ich bei Tom’s of Maine über Amazon einkaufen?

Ein anderes Beispiel: Meine Nachbarin hier auf dem Land ist in ihrer Mobilität sehr eingeschränkt und wohnt über 40 Kilometer von der nächsten Buchhandlung entfernt. Soll sie aufhören zu lesen oder über Amazon Bücher kaufen?

Es ist besser, verantwortungsbewusste Unternehmen zu unterstützen

Aber natürlich kennen wir alle die Schattenseiten von Monopolisten wie Amazon. Der Konzern zerstört Unternehmen, Existenzen und lokale Gemeinschaften, beutet Arbeitskräfte aus und trägt massiv zur Umweltzerstörung bei, etwa durch die Vernichtung von Retouren, und zur Klimakrise, wenn Waren über große Distanzen transportiert werden. Die Plattform facht den Konsum an, der so schädliche Auswirkungen auf den Planeten hat.

Und natürlich trage ich mit meinen Einkäufen zum System Amazon bei. Wenn ich also die Wahl habe, etwa in meiner örtlichen Buchhandlung zu bestellen und gute Produkte im nahe gelegenen Bioladen zu bekommen, sollte ich Amazon meiden. Es ist besser, verantwortungsbewusste Unternehmen zu unterstützen, gerade auch kleinere mittelständische Betriebe in der Region.

Doch was wir kaufen und nutzen, hängt von vielen Details ab und das macht die Entscheidung schwierig: Man muss viele Aspekte abwägen, anstatt sich auf ein einziges Kriterium zu verlassen. Nicht nur die Seite des Anbieters ist zu berücksichtigen, sondern auch meine eigene Situation oder die meiner Familie.

Über den Einkauf so wenig Schaden wie möglich anrichten

Wenn die moralische Latte sehr hoch liegt, nach dem Motto: „Mache niemals Geschäfte mit einem Unternehmen, das Arbeitskräfte ausbeutet, die Umwelt schädigt oder unlauteren Wettbewerb betreibt“, dann ist das von den meisten Menschen nicht zu leisten. Es ist auch kaum zu überblicken, wo man dann noch einkaufen darf und wo nicht.

Deshalb müssen wir langfristig und weltweit auf eine gerechtere und nachhaltigere politische und wirtschaftliche Ordnung hinarbeiten. Amazon ist nur ein Beispiel für all die Missstände.

Wenn ich als „normaler“ Konsument agiere, muss ich abwägen und mich gut informieren.  Meine Entscheidungen beruhen dann auf Informationen, Vergleichen und persönlichen Einschätzungen:

Wo bin ich konsequent und meide Konzerne wie Amazon? Wo muss ich Kompromisse machen, was kann ich tolerieren und wie viel Zeit habe ich übrig, um aufwändige Kaufentscheidungen zu treffen?

Es ist nicht schwarz oder weiß. Die moralische Richtlinie sollte sein: über Einkauf und Konsum so wenig Schaden wie möglich anrichen und Produkte und Lieferanten wählen, die den eigenen Werten entsprechen.

Wir können nur unser Bestes geben in den moralisch problematischen Umständen, in denen wir uns befinden. Wer Zeit und Muße hat, kann sich politisch engagieren, um für eine sozial gerechte und ökolgisch ausgerichtete Wirtschaft zu kämpfen.

Wenn Sie eine Frage haben, eine ethische Zwickmühle, schreiben Sie uns: redaktion@ethik-heute.org

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Jay Garfield, Foto: Spitz
Jay Garfield, Foto: Spitz

Prof. Dr. Jay L. Garfield

ist Professor für Philosophie am Smith College, in Northhampten in den USA. Zudem ist er Dozent für westliche Philosophie an der tibetischen Universität in Sarnath, Indien. Ein Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit ist die interkulturelle Philosophie. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt Losing Ourselves: Learning to Live without a self (2022).

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