YanLev/ shutterstock.com
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„Das Bildungssystem ist zu sehr auf Zahlen fixiert“

Interview mit Thomas Sattelberger, 2. Teil

Die Ökonomisierung hat alle Bereiche des Lebens erfasst, auch das Bildungssystem. Top-Manager Thomas Sattelberger kritisiert im Interview die Fixierung auf das Messen und Zählen und fordert mehr Kreativität. Die Zivilgesellschaft müsse sich für ein neues Bildungssystem stark machen.

Thomas Sattelberger (66) hat beeindruckt. Sein Auftritt im bildungskritischen Film „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer war wie in Stein gemeißelt. Da sitzt einer, der als Personalvorstand bei Continental AG und der Deutschen Telekom als Top-Manager tätig war und sagt dann einen Satz, den ihm niemand zugetraut hätte, der ihn nicht besser kennt: „Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen unserer heutigen Zeit.“ Stefan Ringstorff führte ein Interview mit dem Manager.

Herr Sattelberger, Sie sind mittlerweile ein gefragter Gesprächspartner zum Thema Bildung. Wie haben Sie das Thema für sich entdeckt?

Sattelberger: Ich habe damals meine Karriere als Berufsausbilder bei Daimler-Benz begonnen. Das war mein Traumjob. Das Arbeiten mit Menschen und die Reichhaltigkeit von Lernprozessen hat mich fasziniert. Ich habe sehr viel experimentiert, schon in jungen Jahren. Wir haben Mitte der 1970er Jahre das Thema selbstgesteuerte Lernprozesse und Bildung bei Daimler ins Visier genommen. Über Lernvereinbarungen wurde unseren Auszubildenden das „Was“ und „Wie“ sehr stark selbst überlassen und nur Coaching angeboten. Das war ein Experiment. Für ein Drittel der Auszubildenden war es große Bereicherung, ein anderes Drittel haben wir damit wirklich gefördert, das letzte Drittel war nicht zu bewegen und blieb in einer Art der erlernten Hilflosigkeit stecken.

Und wie ging es dann weiter bei Ihnen?

Sattelberger: „Das Thema hat mich nie losgelassen. Ich habe dann bei der Lufthansa 1997 die erste Corporate University im deutschsprachigen Raum ins Leben gerufen. Dort stand das Prinzip des handlungsorientierten, hierarchiearmen und selbstverantwortlichen Lernens im Mittelpunkt. Je höher ich dann in meiner Karriere kam, desto weniger standen Praxis und Programme in meinem Engagement für die Bildung im Zentrum, sondern eher „ordnungspolitische“ Aktivitäten, wie beispielsweise die Integration von rund Tausend junger Menschen mit Hartz IV-Hintergrund in die Ausbildung bei der Deutschen Telekom oder die Leitung des Arbeitskreises Hochschule und Wirtschaft beim Arbeitgeberverband.

„Wir haben Maß und Mitte verloren“

Spätestens seit den Ergebnissen der ersten PISA-Studie diskutieren wir in Deutschland viel über die Schulbildung. Hat sich aus Ihren Beobachtungen heraus schon etwas verändert?

Sattelberger: Sicherlich, das deutsche Schulsystem war in seinen Ergebnissen im internationalen Vergleich desolat. Und das betraf nicht nur die fachlichen Ergebnisse der Schüler, sondern auch die soziale Durchlässigkeit des Systems. PISA war ein Katalysator, eine Art Stachel im Fleisch. Und PISA war heilsam, weil dadurch Zusammenhänge zwischen Bildung und wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Teilhabe sowie Bildung, Wohlstand und Innovationsfähigkeit deutlich wurden.
Aber, das Thema ist gekippt. Etwa 2007/2008 haben wir Maß und Mitte verloren. Wir haben nur noch Benchmarking betrieben, die reine Messbarkeit stand plötzlich im Mittelpunkt. Beim ganzen Vergleichen haben wir vergessen, dass kulturelle Besonderheiten zu beachten sind und die Bildung maßgeblich beeinflussen.
Wir haben die Grenzen von Benchmarking und Best Practice in den letzten Jahren deutlich erlebt. Und doch haben wir uns auf die Zahlen fixiert und denken in diesen Kategorien. Da liegt dann Hamburg in der Mathematik zwei Jahre hinter Bayern. Im Vordergrund steht die Aufholjagd, nicht das Experimentieren mit Inhalten und Lernprozessen, dem Fächerkanon und crosscurricularer Arbeit. Wir haben das Maß verloren. So ist das eigentlich Gute von PISA zum Fetisch geworden.

„Ökonomisierung mit teutonischer Gründlichkeit“

Ist das der Punkt, an dem wir gerade in Deutschland in der Debatte stehen?

Sattelberger: Ja, und das betrifft auch die betriebliche Bildung. Wir stehen wir an einem Punkt, an dem die notwendige Transformation der Unternehmen nicht mehr unterstützt wird. Es gibt eine Verschulung des Bachelors-Studiums. An den Gymnasien machen wir so weiter wie bisher ohne große Veränderungen. Wir laborieren an den Strukturen herum, aber die soziale Durchlässigkeit haben wir damit nach wie vor nicht verändert. Hunderttausende sind jedes Jahr Bildungsverlierer.

Ihre Kritik am Bildungssystem klingt für mich nach Systemkritik. Sie haben die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie kritisiert. Wie radikal ist Ihre Kritik?

Sattelberger: Ja, das ist eine Systemkritik. Sie bezieht sich nicht nur auf die Bildung. Überall erleben wir diese Form der Ökonomisierung, in der Gesundheit, in der Familie, in der Arbeit. Sie ist das Ergebnis eines Paradigmenwechsel zu Beginn der 1990er Jahre, als exzessive Shareholder Value-Logik nach Deutschland kam.
Wie stark haben sich die Unternehmen von der Börse abhängig gemacht, wie sehr wurde die Effizienz zur Messgröße für wirtschaftlichen Erfolg! Wir sind, bezogen auf das Dogma Effizienz, viel extremer als in den USA, dem Heimatland des Shareholder Value vorgegangen. Mit teutonischer Gründlichkeit wurde das durchgezogen. Jahre später hat dies Niederschlag in anderen Bereichen gefunden. Das Prinzip des Messens und Zählens der OECD-Bildungsdebatte ist dann nur eine logische Folge dieses unheilvollen Wandels in der Wirtschaft.

Die Zivilgesellschaft muss sich engagieren

Ist das eine globale Entwicklung?

Sattelberger: In Skandinavien haben sehr früh Zähmungsprozesse der Wirtschaft eingesetzt, damit beschäftige ich mich derzeit sehr viel. Wie können wir die exzessive Ökonomisierung zähmen, die in alle Bereiche hineinwirkt? Kann der skandinavische Weg ein Diskursmodell sein für Deutschland?

Aber, wenn die Wirtschaft nicht will und das politische Mandat nicht ausreicht, dann brauchen wir in Deutschland mehr denn je die Zivilgesellschaft. Dann träume ich manches Mal vom Marsch der 100.000 auf Berlin. Wir brauchen zivilgesellschaftliches Engagement für die Bildung.
Meine Losung „Wir brauchen eine neue APO“ heißt für mich nichts anderes als dass wir unser Engagement für eine gute Bildung und Gesellschaft bündeln müssen – mit all ihren Vorteilen, vernetzter, digitaler, diverser und koalitionsfähiger. Ich engagiere mich dafür unter anderem mit der Gründung einer umspannenden, crosssektoralen Allianz „Arbeit und Gesellschaft“. Ich möchte Aktivisten miteinander vernetzen und Aktivität jenseits von Partikularinteressen ermöglichen.“

Wie ethisch sollte die Bildung sein? Gibt es Werte, an denen wir uns Ihrer Meinung orientieren sollten?

Sattelberger: In einer sich zunehmend pluralisierenden und ausdifferenzierenden Gesellschaft würde ich in einer ersten Annäherung sagen, wir brauchen vor allem die Wertschätzung des Wertepluralismus. Das bedeutet dann Toleranz auf der Grundlage dessen, für das, wofür wir als Gemeinschaft stehen und wie wir zusammen leben wollen. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass wir Menschen ermöglichen, ihren eigenen moralischen Kompass zu entwickeln.

Das hört sich so an als hätten Sie ein Bildungsideal humboldtscher Prägung?

Sattelberger: Ach wissen Sie, der Herr Nida-Rümelin muss aufpassen, dass er nicht für zum Bildungs-Sarrazin der SPD wird. Er macht aus meiner Sicht doch faktisch ein Plädoyer dafür, die Bildungsinstitutionen exklusiv für Bildungsbürger zu halten. Insofern tue ich mich mit diesem Ideal heute schwer, in einem Land, das schon vor dem Bologna-Prozesse das humboldtsche Bildungsideal eher wie eine Monstranz vor sich her trug, statt es mit Leben zu füllen.

Mein Ideal ist eher davon geprägt, dass wir mit der linken Hand genau so gut wie mit der rechten sind – mit Kreativität ebenso gut wie mit Effizienz, aber es ist schwer, die alte Bildungskultur und -struktur aufzulösen. So wie Unternehmen durch ambidextre Organisation Innovation suchen, wäre dies auch eine Lösung in den Schulen Kreativität zu ermöglichen:
Jenseits dessen, was an den Schulen heute existiert, entstehen dort Räume des Experimentierens. Labore und Plätze, an denen nicht Logik und Hierarchie herrschen. Räume, in denen die Lernenden Eigenverantwortung und Kreativität brauchen und nicht Reproduktionsfähigkeit – ein Stück weit wünsche ich mir eine kreative Parallelwelt in der Realität. Bildhaft gesehen denke ich dabei an den Film „Club der toten Dichter“. Initiativen, die ich gerade unterstütze, gehen diesen Weg.

 

copyright: Thomas Sattelberger

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Thomas Sattelberger (66) hat Jahrzehnte als Top-Manager gearbeitet. Er war 20 Jahre bei der Daimler Benz AG und deren Tochterunternehmen MTU und DASA tätig und leitete dort unter anderem den Bereich der Führungskräfte-Entwicklung. 1994 wechselte er zur Deutschen Lufthansa, wo er ab 1999 als operativer Airline-Vorstand fungierte. 2003 ging er zur Continental AG als Personalvorstand und Arbeitsdirektor. Zwischen 2007 und 2012 war Sattelberger in gleicher Funktion für die Deutsche Telekom tätig.

Lesen Sie auch den 1. Teil des Interviews „Als DAX-Vorstand sind Sie ein fast absolutistischer Herrscher“

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