„Das Leben reicht uns jeden Moment die Hand“

Dr. Natalie Knapp

Ein Interview mit der Philosophin Natalie Knapp, 1. Teil

Niemand wünscht sich Krisen wie Krankheit und Verlust, aber das Leben mutet sie uns zu.  Im Gespräch ermutigt die Philosophin dazu, die Angst vor Veränderungen abzulegen und Umbrüche im Leben für tiefere Erfahrungen zu nutzen. Denn wir brauchen Verwandlung, um lebendig zu sein.

Birgit Stratmann sprach mit der Philosophin Dr. Natalie Knapp über Themen ihres neuen Buches: „Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind“, Reinbeck 2015

Frage: In Ihrem neuen Buch geht es um Umbruchphasen – im menschlichen Leben und in der Gesellschaft. Was ist es, das Sie an diesem Thema interessiert?

Natalie Knapp: Wenn ich auf meinen Vorträgen und Seminaren Menschen treffe, so spüre ich oft, wie viel Angst sie vor Veränderungen haben. Mit meinem Buch möchte ich einen Perspektivwechsel ermöglichen und zeigen, welche Chancen in Umbrüchen stecken.

Krisen sind besondere Zeiten im Leben. Wir erfahren Dinge, die wir normalerweise nicht erleben können. Es sind nicht Phasen, die man schnell hinter sich bringen und wieder vergessen sollte, sondern Möglichkeiten, tiefe Erfahrungen zu machen.

Was mich auch fasziniert, ist, dass solche Veränderungen alle Ebenen des Lebens betreffen: In der Natur, im menschlichen Leben, in der Gesellschaft gibt es ähnlich Strukturen und Prozesse. Das Leben hat auf allen diesen Ebene ähnliche Muster. Diese Analogien zu entdecken finde ich spannend, und daher ziehe ich in meinem Buch immer wieder Vergleiche zur Natur, etwa zu den sogenannten Randzonen, wo zwei Gebiete, zum Beispiel Meer und Land, aufeinander treffen, miteinander in Austausch kommen und dabei eine besondere Kreativität entwickeln.

Krisen im menschlichen Leben gehen meistens mit Schmerzen einher. Manchmal klingt es in Ihrem Buch euphemistisch: Endlich eine Krise, damit ich mich verändern kann. Aber nicht jeder Mensch ist fähig oder bereit, mit dem Schmerz konstruktiv umzugehen.

Natalie Knapp: Natürlich kann man auch die Perspektive der Katastrophe pflegen, aber das haben die Menschen so sehr verinnerlicht, dass sie mich dazu nicht brauchen. Meine Aufgabe als Philosophin sehe ich darin, einen Perspektivwechsel zu ermöglichen.

Wenn ich also versuche, Krisen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, etwa die Potenziale und Möglichkeiten, dann sage ich damit nicht, dass wir danach suchen müssen. Niemand wünscht sich Krisen, sondern das Leben mutet sie uns zu. Wir können nicht ändern, dass uns das Leben zumutet, älter zu werden oder zu sterben. All das geschieht und wir müssen uns dazu verhalten. Ich habe zu zeigen versucht, dass in jeder noch so schrecklichen Situation eine Erfahrung steckt, die das Leben bereichern kann.

Mit Widersprüchen umgehen lernen

Sie stellen das „Mach was aus deinem Leben“ in Frage. Das Leben macht etwas mit uns, schreiben Sie. Sollten wir also nur offen sein für Veränderungen, ohne aktiv zu werden?

Natalie Knapp: Ich glaube nicht an das aktive, angestrengte Suchen. Viel mehr geht es um Akzeptanz und Annehmen. Das Leben ist ein Wechsel aus Verändern und Bewahren. Wir haben einerseits den Impuls, Dinge, die uns wertvoll erscheinen, zu bewahren und damit Veränderung abzuwehren. Andererseits brauchen wir Verwandlung, um die zu bleiben, die wir sind.

Das ist keine Psychologie, sondern beginnt schon auf der biologischen Ebene: Der Organismus muss sich ständig verändern, um er selbst bleiben zu können. Wenn die Natur eine Form gefunden hat, hält sie diese für wertvoll und verteidigt sie. Gleichzeitig nimmt der Organismus Stoffe aus der Welt auf und gibt andere an die Welt ab. Nur durch Verwandlung ist Leben möglich.

Genau so ist es auf der psychologischen Ebene. Wenn wir Menschen begegnen, nehmen wir Emotionen und Ideen auf und geben etwas von uns an die Welt ab. Wir sind nicht so stabil, getrennt, wie es uns erscheint. Dieses Paradox ist der Kern allen Lebens: dass wir eine Form haben und uns gleichzeitig permanent verwandeln. Mir geht es darum, mit diesem Paradox so umzugehen, dass wir Leben gestalten können und gleichzeitig anerkennen, dass das Leben etwas mit uns macht.

Sie halten vermutlich nicht viel von Zielsetzungen: In drei Jahren möchte ich dieses und jenes erreicht haben, in sieben Jahren etwas anderes?

Natalie Knapp: Nein, ich glaube, dass wir dann die Offenheit für das verlieren, was uns das Leben in diesem Moment anzubieten hat. Damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich stelle ich morgens den Wecker und gestalte meinen Tag. Es geht nicht um diese einfachen Dinge. Aber ich halte nichts davon, alles auszublenden, um ein langfristiges Ziel zu erreichen. Das Leben reicht uns jeden Moment die Hand, und das würden wir dann nicht mehr mitbekommen. Wir wären auf die Zukunft fixiert und würden in der Gegenwart nichts mehr erleben.

Was uns am meisten verändert, sind Beziehungen

Aber es kann sein, dass wir uns als Menschen gern verändern möchten. Angenommen, ich möchte bescheidener leben und weniger konsumieren, weil es mir nicht gut tut und weil ich sehe, dass maßloser Konsum die Umwelt zerstört. Wie mache ich das?

Natalie Knapp: Erst einmal ist wichtig anzuerkennen, dass wir nicht allein auf der Welt sind. Unsere Begegnungen, das Umfeld, in dem wir leben, haben den größten Einfluss auf uns. Wenn ich den Wunsch verspüre, weniger zu konsumieren, dann würde ich versuchen, mich mit Menschen zusammenzutun, die mir das zurückspiegeln und mich darin unterstützen. Ich muss dafür keine Pläne machen und die Zähne zusammenbeißen, denn die Verwandlung geschieht dann von allein. Wir verwandeln uns mit unserer Umgebung. Wir haben die Wahl, uns Impulse zu suchen, die uns stärken, oder Einflüsse, die uns schwächen.

Werte und Wünsche zu haben – das ist nicht dasselbe wie sich Ziele zu setzen und diese abzuarbeiten. Es geht nicht um Arbeit, sondern darum lebendig zu sein. Wir fühlen uns angezogen von Menschen und Atmosphären und suchen uns dann ein Umfeld, wo die Resonanz stark ist. Denn was uns am meisten verändert, sind Beziehungen.

Wenn ich in mir so etwas wie Wut oder sogar Gewaltbereitschaft spüre, dann würden Sie empfehlen, den Kontext zu wechseln? Sie schrieben darüber in Ihrem letzten Buch („Kompass neues Denken“), wo es um Leben mit Komplexität geht.

Natalie Knapp: Ja, ich würde mir Situationen suchen, die mich in dem bestärken, was mir wichtig ist, zum Beispiel Friedfertigkeit. Probieren Sie es aus! Viele Menschen merken Tag für Tag bei der Arbeit, dass dieses Umfeld ihnen nicht gut tut. Sie gehen morgens zur Arbeit und sind noch bei sich, aber schon nach wenigen Stunden kippt es und sie werden hereingezogen in Stress, Konkurrenz usw. Das sind starke Kräfte.

Dennoch sind wir oft gezwungen, uns in solchen Umgebungen aufzuhalten, weil wir unseren Lebensunterhalt verdienen müssen. Um so wichtiger ist es, in den anderen Zeiten, in denen wir die Wahl haben, diese Wahl zu nutzen und uns gegenseitig zu stärken in dem, was uns trägt.

Unser Umfeld beeinflusst uns stark

Verstehe ich diesen Punkt richtig: Sie sagen, dass es Spielräume für Veränderungen gibt. Aber ich kann mich nicht allein verändern, sondern muss das Umfeld mitberücksichtigen.

Natalie Knapp: Dazu gibt es mittlerweile viele Studien, die zeigen, wie sehr unser Umfeld die Stimmungen, Gedanken und Emotionen beeinflusst. Wir sind keine Einzelwesen, das Vernetzt-Sein ist Teil unserer Natur. Wir sind schon als Teil einer Gemeinschaft auf dieser Welt angekommen.

Gehen Sie selbst auch so vor? Wenn Sie etwas verändern wollen, verbünden sie sich mit anderen Menschen?

Natalie Knapp: Ja, ganz konkret. Ich habe in den letzten 20 Jahren einen Kreis von Menschen aufgebaut, die wie ein Organismus für mich sind. Wir teilen gemeinsame Werte, und ich muss regelmäßig den Kontakt halten. Ohne diesen Spiegelungs- und Unterstützungseffekt könnte ich nicht so in der Welt sein wie ich es jetzt bin. Viel von meiner Kraft kommt aus den Beziehungen. Eine Gemeinschaft ist immer stärker als ein Einzelner.

Sie würden trotzdem sagen, dass der Einzelne Verantwortung für sein Denken und Handeln hat?

Natalie Knapp: Ja, absolut. Ich denke sogar, dass jeder auch verantwortlich dafür ist, in welche Beziehungen er sich hineinbegibt, ob sie tragfähig sind oder nicht, ob sie ihn in seinen Werten bestärken oder angreifen.

Dr. Natalie Knapp ist Philosophin und Autorin. Schwerpunkt ihrer Publikations-, Vortrags- und Seminartätigkeit ist das Thema Bewusstseinswandel im 21. Jahrhundert. 2013 erschien „Kompass Neues Denken,” Rowohlt Verlag. http://anders-denken-lernen.de/

Natalie Knapp ist auch Referentin im 1. Modul des Weisheitstrainings, das das Netzwerk Ethik heute anbietet.

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