Interview mit dem Soziologen Rainald Manthe
Demokratie braucht Orte, an denen sich Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten begegnen, sagt der Soziologe Rainald Manthe. Warum wir die Irritation durch andere benötigen. Und dann oft feststellen: Die anderen sind eigentlich ganz in Ordnung.
Das Gespräch führte Kirsten Baumbusch.
Frage: „Demokratie fehlt Begegnung“, sagen Sie. Wie kommen Sie darauf?
Manthe: Während der Corona-Pandemie fiel mir auf, wie viele öffentliche Begegnungsorte plötzlich verschwanden: Kneipen und Bibliotheken, Kulturzentren und Schwimmbäder, aber auch Busse und Bahnen oder Einkaufszentren.
Der Niedergang hat allerdings schon viel früher begonnen. Wohnviertel und Schulen trennen sich zunehmend nach sozialen Schichten. Dabei ist es für eine Demokratie entscheidend, dass Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten einander begegnen. Nur so lernen wir, Unterschiede auszuhalten und zu akzeptieren.
Warum verschwinden diese Orte?
Manthe: Der Staat hat sich seit den 1990er-Jahren immer stärker aus der Finanzierung öffentlicher Infrastruktur zurückgezogen. Gleichzeitig fehlen den Kommunen Geld und Personal, um Begegnungsorte zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Auch die Individualisierung spielt eine Rolle. Warum?
Manthe: Wir puzzeln unser Leben immer stärker nach unseren eigenen Interessen zusammen. Die großen Organisationen der alten Bundesrepublik – Kirchen, Gewerkschaften und Parteien – verlieren Mitglieder. Selbst Sportvereine konkurrieren mit Fitnessstudios.
Dabei sind gerade Vereine enorm wichtig, weil sie verschiedene Menschen zusammenbringen. Auch das Ehrenamt verändert sich: Viele engagieren sich lieber für ein zeitlich begrenztes Projekt oder einen konkreten Anlass als dauerhaft.
Die Individualisierung ist eine Errungenschaft der liberalen Demokratie, aber sie verändert unser Zusammenleben. Wir begegnen hauptsächlich Menschen, die uns selbst ähneln.
Man hält andere für egoistischer als sie sind.
Und wenn wir den anderen nicht mehr begegnen, leidet die Demokratie?
Manthe: Ja. Demokratie braucht Vertrauen. Ich muss darauf bauen können, dass andere sich an die gemeinsam vereinbarten Regeln halten. Und ich muss glauben können, dass Politik nicht korrupt ist, Wirtschaft nicht nur von Gier getrieben wird und Gerichte gerecht urteilen.
Dieses Vertrauen hat in Deutschland erschreckend stark abgenommen. Ein sogenanntes „unsichtbares Drittel“ beteiligt sich kaum noch an Debatten darüber, wie wir unser Gemeinwesen gestalten wollen.
Ist das die viel beklagte Polarisierung?
Manthe: Das könnte man meinen. Aber so einfach ist es nicht. Zwar wachsen die politischen Ränder. Zugleich gibt es nach wie vor eine große, gemäßigte Mitte, die friedlich zusammenleben will. Das gilt selbst bei vermeintlich kontroversen Themen wie Migration oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.
Das Problem ist: Viele halten andere für radikaler, intoleranter oder egoistischer, als sie tatsächlich sind. Deshalb erscheint uns die Gesellschaft polarisierter als sie ist.
Wir brauchen die Irritation durch Andersartigkeit.
Was können Begegnungsorte leisten?
Manthe: Cafés und Kneipen, Supermärkte und Busse, Bibliotheken und Schulen: das sind Orte, die Menschen täglich nutzen, auch jene, die politisch resigniert haben.
Hier mischt sich die Gesellschaft. Wir brauchen die Irritation, die entsteht, wenn wir Menschen treffen, die anders aussehen, anders leben oder sich anders verhalten als wir und die uns trotzdem anlächeln oder uns freundlich ein Brötchen verkaufen.
Ist es tatsächlich so schwer geworden, Menschen zu treffen, die anders sind?
Manthe: Das hängt stark davon ab, wie man lebt. Wer häufig mit Bus und Bahn fährt, erlebt mehr Vielfalt als jemand, der mit dem Auto zur Arbeit fährt. Seine Mobilität ist eine andere und damit auch sein Blick auf die Welt.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Wir brauchen Orte der Begegnung im öffentlichen Raum.
Was müssen wir tun?
Manthe: Wir müssen die Infrastruktur der Demokratie stärken und Begegnungsorte für alle zugänglich machen, Räume des Vertrauens.
Wie wichtig solche Strukturen sind, zeigt sich sogar bei Naturkatastrophen. Stadtviertel mit funktionierenden sozialen Treffpunkten sind widerstandsfähiger gegen Extremwetter. Im Katastrophenfall kommen dort weniger Menschen zu Schaden.
Wo funktioniert das bereits?
Manthe: In Hanau beispielsweise hat man ein ehemaliges Kaufhaus in ein Gebäude mit einer Mischung aus Handel, Kultur und Bildung neu belebt und zum Treffpunkt gemacht. Andernorts werden Vereinsheime zu Co-Working-Orten mit Café und Veranstaltungsräumen umgebaut.
Ein besonders gutes Beispiel ist die Zentralbibliothek in Helsinki. Dort leiht man nicht nur Bücher aus. Es gibt ein Café, Treffpunkte, digitale Medien und einen 3D-Drucker. Und an heißen Tagen ist es angenehm kühl.
Im Jardin du Luxembourg in Paris stehen bewegliche Stühle. Die Besucher stellen sie so zusammen, wie sie sie gerade brauchen: zu zweit, in Gruppen, zum Lesen. Schon solche Kleinigkeiten ermöglichen Begegnung.
Was macht Ihnen Hoffnung?
Manthe: Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen Begegnung neu denken wollen. Das Bedürfnis, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu verständigen, ist da.
Auch die Wohnungsnot zwingt uns, neu über Stadtplanung nachzudenken. Wien zeigt mit seinen Wohnungsbaugenossenschaften, wie soziale Mischung gelingen kann.
Angenommen, Sie wären für einen Tag Bundeskanzler Friedrich Merz. Was würden Sie als Erstes tun?
Manthe: Er ist Jurist. Also würde ich bei der rechtlichen Grundlage anfangen: Die sogenannten „freiwilligen kommunalen Aufgaben“ würde ich als Infrastruktur der Demokratie im Grundgesetz verankern und für eine entsprechende Mehrheit werben.
Rainald Manthe, geboren 1987 in Berlin, ist Soziologe und Autor. Er studierte Soziologie in Duisburg-Essen, St. Petersburg und Bielefeld und promovierte in Luzern über transnationale Treffen sozialer Bewegungen. Manthe war Programmdirektor für „Liberale Demokratie“ beim Think-Tank Zentrum Liberale Moderne und schreibt regelmäßig über die Herausforderungen der Demokratie. 2024 erschien sein Buch „Demokratie fehlt Begegnung“.
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