Impulse aus dem “Parlament der Menschen”
Mehr Mitbestimmung in der Demokratie, das fordern Menschen, die mit dem bestehenden politischen System unzufrieden sind. Das „Parlament der Menschen“ experimentierte im Frühsommer 2025 mit partizipativen Prozessen. Ein schwieriges Unterfangen, das trotzdem zeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen an den Rändern gehört werden.
Text: Mike Kauschke
Seit vielen Jahren steht die gläserne Kuppel des Reichstags, von der man in den Plenarsaal sehen kann, für Transparenz und Bürgernähe in der Politik. Aber wird dieses Versprechen auch ausreichend gehalten? Die Aktivisten, die vom 30. Mai bis 1. Juni 2025 auf der Wiese vor dem Reichstag ein Kuppelzelt aufbauen ließen, sehen hier noch viel Luft nach oben.
Es waren Engagierte der „Neuen Generation“, die aus der bisherigen Organisation Letzte Generation hervorgegangen ist. Die Aktivisten orientieren sich neu und konzentrieren sich jetzt auf die demokratischen Strukturen, durch die effektive Entscheidungen zur Klimakrise überhaupt erst gefunden und umgesetzt werden können.
Ein Format, das partizipative demokratische Prozesse erprobt, ist das „Parlament der Menschen“, das seinen Ursprung in England hat. Ein erster Prozess damit wurde in dem Kuppelzelt vor dem Reichstag erprobt. Dafür trafen sich etwa 50 Menschen, die aus dem Umfeld der Neuen Generation ausgelost wurden.
Moderiert hat den Prozess Jascha Rohr, ein erfahrener Begleiter partizipativer Prozesse. Er hatte früher die offiziellen Bürgerräte der Bundesregierung zum Thema Ernährung im Wandel mitbetreut.
Drei Tage traf sich das selbst gebildete Parlament. Am Freitag gab es Raum, um gemeinsam die vielen Krisen zu bezeugen und auch Schmerz, Wut und Trauer darüber zu teilen. Am Samstag wurde die politische Gegenwart angeschaut und untersucht, wo die Schwachstellen der demokratischen Kultur liegen, um dann am Sonntag Zukunftsvisionen zu entwickeln.
Viel Idealismus und hohe Erwartungen
Die Ressourcen, die dem Projekt zur Verfügung standen, kann man nicht mit denen de Bürgerräte vergleichen. Das Parlament der Menschen ist ehrenamtlich aktivistisch entwickelt worden. Die Bürgerräte für den Bundestag sind professionell organisiert.
Für das Agenda-Setting und die Fragestellung gibt es bei ähnlichen Vorhaben einen eigenen Prozess, erklärt Rohr. Das war hier nicht möglich. Es gab zwar Gespräche im Vorfeld, und diese zeigten die Fülle der Erwartungen und Interessen:
„Man wollte etwas gegen Reiche und Rechtsextremisten tun, es sollte einen Aufbruch in eine neue Welt geben, es sollte der Auftakt für mehr Demokratie sein usw. Am Ende sollte eine Charta für eine andere Demokratie, für eine bessere Welt herauskommen“, so Rohr über die Vorbereitungen.
Traumata und Widerstand der jungen Generation
Rohrs Ansicht nach hätte eine konkretere Fragestellung vielleicht zu konkreteren Ergebnisse geführt: „Das ist nicht optimal gelaufen, aber in dem Rahmen, der hier möglich war, ist es ein guter Anfang.“

Der Prozess selbst brachte für Jascha Rohr auch überraschende Erkenntnisse. Die Proteste der Letzten Generation seien auch eine Bewältigungsstrategie für Trauma. Eine junge aktivistische Generation werde durch politische Ereignisse getriggert und gehe dann in den Widerstand. Dies hätte sich auch in dem gemeinsamen Prozess gezeigt:
„Das gesamte Feld, in dem wir gearbeitet haben, war getriggert und traumatisiert. Das hat sich auch im Äußeren gezeigt. Das Zelt ist nie zur Ruhe gekommen, man hat sich immer bedroht gefühlt.“
Es standen zwei Mannschaftswagen der Polizei davor und ständig sind Polizeistreifen zu dritt bewaffnet um das Zelt gegangen. „Man konnte sich also nie richtig sicher fühlen, das Nervensystem regulieren, um sich zu verbinden und entspannt auf ein inneres Thema fokussieren“, sagt Rohr.
Werden wir gehört und können uns einbringen?
Zu dieser Unsicherheit kam die gefühlte Bedrohung durch die Klimakatastrophe und die Gefährdung der Demokratie. „Es war das Gefühl, wir sind die Letzten, die versuchen, etwas Positives voranzubringen, während die Demokratie abgeschafft und das Klima zerstört wird“, so Rohr.
Auch Jascha Rohr als Moderator wurde zum Ziel für Widerstand: „Wir hatten ein methodisch strukturiertes Vorgehen, damit wir in der kurzen Zeit möglichst viel schaffen. Wie in den meisten Gruppen kommt irgendwann der Punkt, wo man als Moderator für die Methodik in Frage gestellt wird. “
Einige fragten, ob ihnen hier wieder eine Struktur übergestülpt wird, wo das Anliegen des Treffens doch ist, die Machtstrukturen in Frage zu stellen. Für Rohr war dieser Widerstand auch Ausdruck einer tiefen Beunruhigung:
Bin ich souverän und frei in meinen Entscheidungen? Kann ich über das, was ich hier einbringe, souverän bestimmen? „Was sich da in dem kleinen Zelt in unserem Prozess abgespielt hat, war eine Blaupause für das, was gesellschaftlich gerade geschieht“, erklärt Rohr.

Viele Menschen fühlen sich von der Mitte missverstanden
Eigentlich geht es für ihn darum, ob die Menschen, die sich marginalisiert, traumatisiert oder bedroht fühlen, gehört werden und selbstwirksam mitbestimmen können. Das sei das Kernthema bei den Aktivisten der Letzten Generation und auf ganz andere aber doch ähnliche Weise bei AfD-Wählern.
„Beides sind Phänomene an den marginalisierten Rändern, die sich von der bürgerlichen Mitte missverstanden, bedroht und nicht mehr mitgenommen fühlen“, so Rohr.
Für seine Arbeit zur Neugestaltung der Demokratie nimmt Jascha Rohr wichtige Einsichten mit: „Wir müssen Räume schaffen, in denen die Menschen gehört werden. Aber das ist nur die Voraussetzung. Um wirklich etwas zu ändern, müssen sie Selbstwirksamkeit erfahren, durch die sie sich selbst regulieren können.“
Die Ängste der Menschen ernst nehmen
Die Erfahrungen in den letzten Jahren seien dagegen gewesen: „Der Staat greift in mein Privatleben, ja in meinen Körper ein, wie in der Corona-Pandemie. Der Staat lässt unkontrolliert Menschen ins Land. Der Staat bringt uns an den Rand eines Atomkriegs und führt uns in den Klimakollaps.“
Diese Ängste werden von vielen aus der gebildeten Mitte für irrational gehalten. Aber die Ängste sind trotzdem da. „Wenn diese Menschen die Erfahrung machen, dass sie eine Wirksamkeit entfalten und ihnen der Raum gelassen wird, dass sie selber für sich sorgen können, dann wäre schon viel gewonnen“, meint Rohr.
Er erinnert in der Rückschau auf das Parlament der Menschen an seine Anfänge, wo er Dorferneuerung und Initiativen auf dem Land begleitete: „Die Menschen, die ein Gemeinschaftshaus bauen, eine kleine Kulturkneipe in ihren Ort einrichten oder eine Solaranlage aufs Dach ihrer Grundschule setzen wollen, die müssen wir dabei unterstützen, das zu tun. Sie können für sich selber sorgen und andere einladen, dabei mitzumachen. Das gibt Energie, das gibt Kraft.“
Für Rohr sind deshalb Formen der selbstwirksamen Mitgestaltung so entscheidend – hier können Initiativen wie das Parlament der Menschen und mehr direkte Demokratie wertvolle Möglichkeiten eröffnen.
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Mike Kauschke
ist fester, freier Autor bei Ethik heute. Zudem arbeitet er auch als Übersetzer, Dialogbegleiter und als Redaktionsleiter beim Magazin evolve. Er begleitet auch die Online-Dialoge im Netzwerk Ethik heute. www.mike-kauschke.de
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