Wie wir im Denken die Welt gestalten
Nicht denken, sondern handeln, lautet eine landläufige Meinung. Die Philosophin Ina Schmidt ist überzeugt: Wir denken oft zu wenig und nicht weit genug. Es braucht ein neues Denken, um die wesentlichen Probleme zu erkennen. Denn Handeln setzt Denken voraus.
„Philosophieren bedeutet, die gewohnte
Richtung der Gedanken umzukehren.” Henri Bergson
Die politische Denkerin Hannah Arendt hat einmal geschrieben, dass das Denken ebenso weltbildend sei wie das Häuserbauen. Wir erschaffen etwas, indem wir uns Gedanken machen, wir verstehen Zusammenhänge, setzen Informationen zusammen oder nehmen eingefahrene Denkmuster wieder auseinander.
Mit dieser besonderen Fähigkeit setzen wir schöpferische kreative Prozesse in Gang, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen, die Gegenwart gestalten und die Zukunft entwerfen können. Und das können wir gerade in Zeiten von Krise und Unsicherheit sehr gut gebrauchen.
Oft haben wir jedoch die Vorstellung, das Denken sei mühsam, anstrengend, verfängt sich in Grübelschleifen und man kommt vor lauter Gedanken nicht ins Handeln: Die pragmatische Macherin steht dem weltfremden Theoretiker gegenüber – und diese Kritik ist wahrlich nicht unberechtigt.
Schon so mancher Denker ging mit seiner Zunft überaus kritisch um, wenn wir z.B. an den Philosophen Friedrich Nietzsche denken. Er rechnete mit der „Universitätsphilosophie“ ab und beklagte die „rumpelnden Wissenssteine“, mit denen die Gelehrten sich selbst eine Last aufbürdeten und nicht ins Handeln kamen.
Diese Kritik ist weit über 100 Jahre alt. Wie gehen wir heute damit um, wenn der Klimawandel, die politischen Krisen und kriegerischen Konflikte nach Lösungen rufen und damit nach Wissen, Erkenntnis und harten Zahlen, aber eben nicht nach weiteren Denkexperimenten?
Anders denken, statt kopflos handeln
Bei aller berechtigten Kritik zeigen aber gerade diese Einwände, dass uns dieses Schwarz-weiß-Denken nur noch weiter in die Sackgasse hineinführt, dazu einige Beispiele:
Um in den Großstädten Luft zum Atmen zu haben, braucht es nicht noch mehr Straßen und Parkhäuser, sondern grundsätzliche Gedanken zu anderen Lebensformen und wie wir ohne Auto mobil sein können.
Um das Leben von Familien einfacher zu machen, reicht es nicht, das Kinder- oder Elterngeld zu erhöhen, sondern man muss darüber nachdenken, wie modernes Familienleben anders organisiert, wie Betreuung gewährleistet und Carearbeit honoriert werden kann.
Erst das Denken und Nachdenken sorgt dafür, dass wir uns nicht im Aktionismus des Gewohnten verfangen und einsehen, dass ein Mehr Desselben nicht zu einer Lösung führen kann.
Um aus gewohnten Denkstrukturen herauszufinden wie z.B. aus der Fortschrittslogik des beständigen Wachstums, das an die planetaren Grenzen kommt, braucht es andere Denkansätze. Und damit neue Spiel- und Zeiträume, um das Denken selbst zu überprüfen und zu erneuern.
Denken ist Grundlage für das Handeln
Mit dem Denken orientieren wir uns in der Welt: Wir nehmen Informationen, Eindrücke, Erlebnisse auf und verarbeiten diese zu einer Erkenntnis oder setzen etwas in einen für uns verständlichen Zusammenhang.
Verstehen wir das Denken auf diese Weise, können wir nicht nicht denken. Es lohnt sich also, so viel wie möglich aus dieser Begabung zu machen.
Mit Hilfe des Denkens schaffen wir kulturelle und soziale Räume, kommen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, können Entscheidungen treffen und Urteile fällen, die dann zu Handlungen führen.
Wir gehen bestimmten Gedanken nach und anderen weniger: Wenn ich gelernt habe, dass es für ein erfolgreiches Leben wichtig ist, einen gutbezahlten Job zu bekommen und Karriere zu machen, dann werde ich andere Entscheidungen treffen, als wenn mir Freunde und Familie das Wichtigste in meinem Leben sind.
Die Fragen unserer Kinder beurteilen wir anders, je nachdem, ob wir ihre Neugier für eine großartige Tugend oder für einen lästigen Zeiträuber halten. Wir werden andere politische Diskussionen führen, je nachdem ob wir denken, dass Menschen eine zweite Chance verdienen oder jeder Fehler bestraft werden sollte.
Sich auf dem Feld der eigenen Gedankenwelt auszukennen, darin abwägen zu lernen und möglicherweise auch mal die Gedanken einer anderen Person auszuprobieren, ist kein einfaches Vorhaben. Aber es lohnt sich.
Denken kann mehr
Unser Denken kann weitaus mehr, als nur zu kategorisieren, zu strukturieren und gute Argumente zu finden. Es analysiert die Welt nicht nur, es trägt dazu bei, Welten entstehen zu lassen:
Wir denken uns etwas aus, erfinden mit Hilfe des Denkens nicht nur neue technische Geräte, sondern auch andere Möglichkeiten des Zusammenlebens. Es ist Teil unserer Vorstellungskraft und essentiell für das, was wir in Zukunft sein und wie wir leben wollen.
Dabei richten wir unser imaginatives Denken nicht zur auf Zusammenhänge, die uns alle angehen, sondern es lässt sich auch sehr wohl gemeinsam als „Kollaboration“ denken. Fragen wir uns also: Mit wem und warum denke ich eigentlich worüber? Welche Gedanken ergeben eine Idee, eine Frage oder eine Erkenntnis? Und – was genau machen wir daraus?
Nicht umsonst hat schon Aristoteles den Menschen als genuin „soziales Wesen“ beschrieben, also ein Wesen, das darauf angewiesen ist, in der Gemeinschaft mit anderen den eigenen Fragen nachzugehen, um das Leben gelingen zu lassen.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Denken im Dialog mit anderen
Erweitern wir das Repertoire der philosophischen Denkansätze insbesondere aus dem europäischen Kulturraum um körperliche Praktiken des Wahrnehmens, genauen Hinschauens und Zuhörens, dann ergibt sich daraus ein anderer Möglichkeitsraum.
Hier lernen wir, innezuhalten, das Wesentliche auszumachen und Resonanzen zu spüren. Und auch diese Erfahrungen wieder zum Anlass für das zu nehmen, was wir kritisch überprüfen oder denkend ins Gespräch bringen wollen.
Es gilt also in einem solchen anderen Denken, Kopf und Bauch nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beide als Teile des eigenen Denkprozesses ernst zu nehmen, also mit allen Sinnen zu denken.
Um eine gute Entscheidung zu treffen, brauche ich mehr als Zahlen, Daten und Fakten – zumindest dann, wenn andere Menschen daran beteiligt sein werden: Welche Spannungen nehme ich wahr? Wie erlebe ich mein Gegenüber? Was genau sagt er oder sie wirklich, wenn ich genau zuhöre? Welche Konsequenzen hat meine Entscheidung und kann ich diese wirklich tragen?
Es geht also in diesem sinnlichen Denken um ein dialogisches Miteinander von Sinn und Verstand, von Innen und Außen und um die Übung, die wir alle brauchen, um sich darin mit anderen zu orientieren.
Dieser Prozess ist auf ein Denken angewiesen, das sich voller Neugier auf die Offenheit der eigenen Möglichkeiten einzulassen vermag. Gleichzeitig setzte es sich Rahmen und Leitlinien, die uns nicht nur selbstwirksam, sondern „weltwirksam“ handeln lassen.
Damit tragen wir ganz im Sinne Hannah Arendts dazu bei, neue Häuser, Kartographien und Landschaften im Denken zu entwerfen, in denen sich nicht nur heute, sondern auch in Zukunft denken – und leben lässt.
Buchtipp: Ina Schmidt, Wofür es sich zu denken lohnt. Ein philosophischer Wegweiser für unsichere Zeiten. Rowohlt Verlag, Hamburg, Juni 2025.
Dr. Ina Schmidt
ist Buchautorin, Gründerin einer philosophischen Praxis und Referentin. Sie hat Kulturwissenschaften und Philosophie studiert. Ihre Doktorarbeit prägte ihren Wunsch, Philosophie im Alltag zu fördern. Sie hält Vorträge, Hochschulvorlesungen und Gremientätigkeiten. Ihre jüngsten Sachbücher: „Die Kraft der Verantwortung“ in der Edition Körber (2021) und „Wo bitte geht´s zum guten Leben?“ im Carlsen Verlag (2022). Ihr jüngstes Kinderbuch: “Das kleine Ich auf der Suche nach sich selbst” im Carlsen Verlag (2021).
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