Neu: Ethik Quiz – Testen Sie Ihr Wissen

Denken und die Tiefe des Guten

Barbara Niggl-Radloff

Warum Hannah Arendt heute so bedeutsam ist

Hannah Arendt entwickelte eine neue Sicht auf das Böse und betonte als Gegenpol die Notwendigkeit des Denkens. Gedankenloses Mitläufertum hielt sie für die Wurzel der Unmenschlichkeit. Die Fähigkeit zu denken ist es, was Menschen ausmacht. Wer denkt, erfährt die Pluralität in sich selbst und übt Toleranz.

Hannah Arendt (1906-1975) zählt zu den bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Das Interesse an ihr erstreckt sich inzwischen weit über akademische Fachkreise hinaus. Zahllose Medien thematisieren ihr Leben und Werk.

Im Jahr 2012 fesselte Margarete von Trotta die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums durch ein Filmporträt der Denkerin. Maßgeblich für den Erfolg des Films ist seine thematische Ausrichtung auf eine spezielle Phase in Arendts Leben, nämlich auf ihre Teilnahme am Eichmann-Prozess in Jerusalem als Korrespondentin des New Yorker.

Welche Bedeutung hatte dieses Gerichtsverfahren für ihr Denken? Der Prozess um den Naziverbrecher Eichmann rückt erneut ein Thema ins Zentrum ihrer Arbeit, das sie seit langem begleitet: die Frage nach dem Ursprung des Bösen.

Bereits in der zuvor publizierten Totalitarismus-Schrift hatte sie sich hierzu geäußert. Im Blick auf die Persönlichkeit Eichmanns gelangt sie nun jedoch zu einer grundlegend neuen Einschätzung dieses Phänomens.

Konfrontiert mit der Charakterlosigkeit und Durchschnittlichkeit eines Menschen, dem schlimmste Taten zur Last gelegt wurden, verändert sie ihre Auffassung: „I have changed my mind“, schreibt sie an einen Freund. Sie könne sich von der „Legende des großen Bösen“ lösen, d.h. von der Vorstellung, dass die menschliche Natur durch ein ursprünglich böses Element beherrscht sei.

Denken als Gewissensprüfung

Angesichts der Angepasstheit und Seichtheit dieses Täters ohne erkennbare eigenständige Gewissensprüfung entwickelt Arendt die viel zitierte Wendung von der ‚Banalität des Bösen‘ — eine Wendung, die allerdings häufig missverstanden wurde.

Keinesfalls werden hiermit die Verbrechen der Nazizeit verharmlost. Im Gegenteil, die Philosophin zeigt, dass Unmenschlichkeit und Grausamkeit der Überangepasstheit an Normvorgaben entspringen. Umrissen wird eine Form pathologischer Normalität, die verheerende Folgen zeitigt.

Heikel wird es, sobald im Kontext von Zugehörigkeit und Anhängerschaft jedes selbsttätige Nachdenken eingestellt wird. So lag ein Hauptbeweggrund des Karrieristen Eichmann darin, in der Nazibewegung „Heimat“ gefunden zu haben.

Großmannssucht und Phrasendrescherei, die konsequente Verweigerung einer eigenständigen Gewissensprüfung kennzeichnen laut Arendt diesen Tätertypus. Damit verbindet sich eine „nahezu totale Unfähigkeit, jemals eine Sache vom Gesichtspunkt des anderen her zu sehen“. Eichmann spricht in Klischees und leeren Worthülsen, die wie ein Schutzwall „gegen die Gegenwart anderer, und daher gegen die Wirklichkeit selbst“ wirken.

Nur das Denken verleiht dem Menschen Tiefe

Auch heute wachsen Hass und Gewaltbereitschaft gegen Außenstehende allzu leicht im Klima eingeschworener Kreise, deren Mitglieder eigene Ängste, Scham- oder Schwächegefühle durch Abwertung Fremder zu kompensieren suchen.

Eindämmen lassen sich solche Phänomene nur durch eine Praxis steter Gewissensbildung, aus der allein ein starkes Selbst hervorgehen kann. Sorgsames Nachdenken muss das Leben permanent begleiten, damit Personen nicht zu Vasallen illegitimer Herrscher herabsinken und von Grund auf korrumpiert werden.

Wer sein Leben durchdenkt, wird sich, so Arendt, extreme Verletzungen der Menschlichkeit nicht erlauben können, wenngleich dann immer noch hinreichend Spielraum für moralische Fehltritte bleibt.

Arendt mag sich, wie Nachforschungen zeigen, in der Einschätzung Eichmanns geirrt haben. Dennoch akzentuiert ihre neugewonnene Sicht auf das Böse etwas Bedenkenswertes: Das Böse entspringt einer seichten, nachlässigen Lebensweise. Es breitet sich aus und „kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert.“

Nur das Denken, das selbstständige, vorbehaltlose Nachdenken, verleiht dem Menschen Tiefe, weil er sich darin den eigenen Taten und Erinnerungen stellt. „Tief und radikal ist immer nur das Gute.“

Denken wie Sokrates

Denken wird hier keinesfalls mit wissenschaftlicher Rationalität und logischen Schlussfolgerungen gleichgesetzt. Was also versteht Arendt unter ‚Denken‘? Sie engagiert sich für eine mentale Praxis, die – so ihre Überzeugung – dem ursprünglichen Wesen des Menschen entspricht. „Das Denken gehört zum Leben wie das Atmen.“

Differenziert erläutert sie das lebensnahe Philosophieren am Beispiel des Sokrates, dem es letztlich nicht um Wissen und Erkenntnis ging, sondern um eine besondere Weisheit des Nichtwissenkönnens.

Im Wirken des antiken Lehrers wird eine Haltung beschrieben, die sich im permanenten Wechsel zwischen nachdenklichem Innehalten und aktiver Teilnahme an der Welt vollzieht — ein Modus unablässiger Selbstkorrekturen durch Erfahrungsoffenheit.

Fortlaufender Prozess des Infragestellens

Wenn wir zu denken beginnen, unterbrechen wir alltägliche Routinen. Hier liegt eine Gefahr: Wir könnten meinen, beim Nachdenken in einen Raum allgemeingültiger Wahrheiten einzutreten.

Das heißt: Weil Denken eine zeitweilige Abkehr vom Handeln erfordert, wird die falsche Vorstellung genährt, man könne durch geistige Schau in eine Sphäre endgültige Einsichten gelangen

Doch das ist, wie Arendt betont, illusionär, da sich auch der vermeintlich ruhende Geist weiterhin in einem Zustand latenter Aktivität befindet. Stets wird er aus tieferen Motiven neu dazu angestachelt, Erfahrungen erneut zu prüfen und zu überdenken.

Ergebnisse bleiben immer vorläufig. Das Lebendige lässt sich niemals abschließend systematisieren, weil das Beobachtete vom lebendigen Ganzen abgetrennt wird. Selbst wenn wir zu allgemeinen Schlussfolgerungen kommen, die sich fraglos ergeben können, sind sie stets von flüchtiger Dauer.

Kein noch so gefestigtes Wissen kann nach Arendt letztlich „dem Wind des Denkens“ standhalten. Sobald sich Strukturen etablieren und Wahrheiten fraglos werden, meldet sich das Denken wie ein Plagegeist und stellt vieles wieder in Frage, wie es in dem berühmten Satz des Sokrates zum Ausdruck kommt: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“.

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Die Vielfalt ist das Gesetz der Erde

Mit Arendt gewinnen wir die Idee einer lebensnahen denkerischen Praxis, in der die Selbstwerdung des Individuums dezidiert mit sozialer und politischer Verantwortung verschränkt ist. Denken als stumme innere Zwiesprache ist eine Erfahrung innerer Dualität oder Zweiheit: Wir sind die Person, die fragt, und ebenso die, die Antworten finden muss.

Doch gerade diese nur im Rückzug von Anderen erfahrbare ursprüngliche Zweiheit des Selbst „heilt“, wie Arendt formuliert – „die Alleinigkeit des Denkens“, denn schon „seine wesentliche Dualität verweist auf die unendliche Vielzahl, die das Gesetz der Erde ist.“

Das hier anklingende Thema der Pluralität war zunehmend bestimmend für Arendts Denkweg. Sie sagt sich damit von einer philosophischen Tradition los, die dazu anleitet, Pluralität als „eine Schwäche der menschlichen Natur zu überwinden und zu kompensieren“. Demnach sollen wir „uns in souveräner Freiheit von anderen halten“. Doch dieser Anspruch läuft in der Regel darauf hinaus, dass Personen „nicht so sehr eine souveräne Herrschaft über sich selbst“ gewinnen als „willkürliche Herrschaft über andere beanspruchen.“

Diese philosophietypische ‚Neigung zum Tyrannischen‘ ist es, die Arendt veranlasst, sich als politische Denkerin zu definieren. Es geht ihr nicht um wissende Überlegenheit, sondern um eine ‚Liebe zur Welt‘, die menschliche Vielfalt anerkennt. Dies ist eine Haltung, die sich der Fremdheit und Widersetzlichkeit Anderer stellt, ohne diese Anderen unablässig durch den eigenen Weltentwurf einfangen zu wollen.

Schon im inneren Zwiegespräch öffnen wir uns einer erweiterten Perspektive, die aus subjektiver Befangenheit herausführt. Wir wägen ab und fragen uns:

  • Wie stellt sich das gegenwärtige Problem einem neutralen Betrachter dar?

  • Wie würden wir urteilen, wenn wir nicht betroffen wären, sondern dieselbe Angelegenheit bei einem anderen zu bewerten hätten?

  • Wie nimmt sich die Sache aus der Perspektive meines Gegenübers, vielleicht Kontrahenten, aus?

  • Wie würde ich mich selbst aus der Außenperspektive beurteilen?

  • Wie werde ich in zwei Wochen darüber denken, wenn meine Emotionen zur Ruhe gekommen sind?

Das Anerkennen der Vielfalt aus Liebe zur Welt

Allerdings: Dieses „Zwei-in-einem“, dieser Akt prüfender Selbstdistanzierung, ist irritierend, weil er bedeutet, sich in Dingen unsicher zu fühlen, „die über jeden Zweifel erhaben schienen, als man noch gedankenlos tätig war“.

Nur in der Einsamkeit des Nachdenkens bekommt man es mit sich selbst zu tun und erfährt den letztlich unauslöschlichen Zwiespalt innerhalb der eigenen Identität. Doch so wird man begegnungsfähig.

Arendt betont, dass das sinnorientierte Nachdenken absolut kein Privileg der Gelehrten und Intellektuellen ist. Es setzt, wie sie unmissverständlich klar macht, nicht einmal eine besondere Form höherer Bildung voraus:

„Das Denken im nichtkognitiven, nichtspezialisierten Sinne als ein natürliches Bedürfnis des menschlichen Lebens (…) ist kein Vorrecht der wenigen, sondern eine stets bereitliegende Fähigkeit jedes Menschen“.

Jeder kann sich dem Energiestrom des Denkens verweigern und Zuflucht zu bequemen Scheinwahrheiten nehmen, die sich vollständig von der lebendigen Wirklichkeit abgekoppelt haben.

Über viele Varianten der Abschottung kann man sich jeder Belehrung durch die eigene Erfahrungswelt entziehen, z.B. indem man ‚angesagten‘ Denkmoden folgt oder indem man in hochgeistige Sphären realitätsferner Begriffsdrechselei entschwebt.

„Denkunfähigkeit“ ist für Arendt „nicht ein Mangel an Hirn bei den vielen, sondern eine stets bereitliegende Möglichkeit bei jedem – auch bei Wissenschaftlern, Gelehrten und anderen geistigen Spezialisten.“

Bei jedem kann es dazu kommen, „daß er jenem Verkehr mit sich selbst ausweicht, dessen Möglichkeit und Wichtigkeit Sokrates als erster entdeckt hat. (…) Ein Leben ohne Denken ist durchaus möglich; es entwickelt dann sein eigenes Wesen nicht – es ist nicht nur sinnlos, es ist gar nicht recht lebendig. Menschen, die nicht denken, sind wie Schlafwandler.“ Es ist unsere Zerrissenheit, die belebend und heilsam wirkt.

Tipps zum Lesen – Bücher von Hannah Arendt:

  • Denken ohne Geländer. Texte und Briefe. Piper 2006
  • Vom Leben des Geistes. Das Denken, das Wollen. Piper 1998
  • Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Piper 2007
Foto: Jo Magrean
Foto: Jo Magrean

Dr. Heidemarie Bennent-Vahle

ist Philosophin und Logotherapeutin, sie betreibt eine Philosophische Praxis in Henri-Chapelle/Belgien. Sie ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der IGPP (Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis), Mitherausgeberin des Jahrbuchs und Mitglied des BVPP (Berufsverband Philosophische Praxis). Autorin mehrerer Bücher, u.a. “Besonnenheit – eine politische Tugend” 2020 und “Weltverflochtenheit, Verletzlichkeit und Humor” 2022.

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