„Der Kapitalismus kann nicht stillstehen“

Der Kapitalismus beruht auf der Verbrennung fossiler Energie.
Der Kapitalismus beruht auf der Verbrennung fossiler Energie. Foto: Kamilpetran/ Shutterstock

Interview mit dem Historiker Sven Beckert

Prof. Sven Beckert hat eine 1000-jährige Geschichte des Kapitalismus vorgelegt. Im Interview spricht er über die erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Systems, die Gewalt, die seine Geschichte begleitet hat, und die Möglichkeit, die Welt anders zu gestalten.

 

Mit „Kapitalismus – Geschichte einer Weltrevolution“ hat Prof. Sven Beckert von der Harvard University ein kapitales Werk geschrieben. Seine Recherche führt bis in das 11. Jahrhundert zurück, nach Aden, heute im Jemen. Dort gründeten Händler verschiedener lokaler islamischen Dynastien ein unabhängiges regionales Handelszentrum und schufen so erstmalig die Möglichkeit, Kapital zu akkumulieren.

Bis sich der Kapitalismus systematisch in Europa ausbreitete, dauerte es noch bis zum 15./16. Jahrhundert. Detailgenau beschreibt Beckert anhand lokaler Gegebenheiten die positiven, aber auch verheerenden Folgen des Kapitalismus bis in die Gegenwart.

 

Das Interview führte Antje Boijens

Haben Sie Ihr Buch über die Geschichte des Kapitalismus im Sinn Walter Benjamins, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten, geschrieben, oder entwerfen Sie eher einer andere neue große Erzählung des Kapitalismus?

Beckert: Ich haben mich in meiner gesamten Laufbahn als Historiker mit Aspekten der Geschichte des Kapitalismus beschäftigt. Jetzt wollte ich alles zusammenbringen, um den Kapitalismus als Ganzes zu verstehen. Und dabei habe ich dessen Geschichte auch gegen den Strich gebürstet.

Aber ich habe mich vor allem mit dem Kapitalismus beschäftigt, weil er für unser Leben heute so wichtig ist. Er ist allgegenwärtig, weswegen heute viele Menschen über dieses Wirtschaftssystem nachdenken. Der Kapitalismus strukturiert die größten Zusammenhänge, aber zum Teil auch die intimsten Aspekte unseres Lebens. Um unser Leben zu verstehen, müssen wir den Kapitalismus verstehen.

Um unser Leben zu verstehen, müssen wir den Kapitalismus verstehen.

Welche Leitideen hatten Sie beim Schreiben?

Beckert: Dieses Projekt ist von zwei Ideen beeinflusst, nämlich einmal, dass wir den Kapitalismus nur historisch verstehen können. Viele Menschen sehen nicht, dass der Kapitalismus eine spezifische, historische Logik des Wirtschaftens ist. Es ging mir also darum, die Geschichte dieses real existierenden Kapitalismus zu schreiben und nicht die eines Kapitalismus, wie er vielleicht in einem Wirtschaftslehrbuch zu finden ist, aber nicht in der realen Welt.

Zweitens war mir von Anfang an klar, dass wir die Geschichte des Kapitalismus zum Teil missverstehen, weil wir sie zu stark aus einer rein europäischen Perspektive geschrieben haben. Dem setze ich eine globale Perspektive entgegen.

Am Ende, nach acht Jahren Arbeit, ist daraus eine tausendjährige Geschichte dieser eigenartigen, exotischen und bizarren ökonomischen Logik geworden. Es ist auch ein Versuch, die gesamte Geschichte des Kapitalismus zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, und uns zu helfen, uns neu zu verorten.

Kapitalismus und Natur stehen im Spannungsverhältnis.

Das extreme Wachstum des Kapitalismus heute hängt ursächlich mit der Verbrennung immer größerer Mengen fossiler Energieträger zusammen. Wir sehen jetzt, wie schnell sich die Klimakrise, angetrieben von fossilen Brennstoffen, verschlimmert. Ist es auch eine Aufgabe für den Historiker, diesen aktuellen Zusammenhang klarzumachen?

Beckert: Auf jeden Fall. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass die Verbrennung fossiler Energieträger das Klima erwärmt. Und aus historischer Sicht kann ich beobachten, dass der Kapitalismus ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine fossile Brennstoffzivilisation ist. Das extrem schnelle Wachstum der kapitalistischen Weltökonomie ist ursächlich verbunden mit der Verbrennung immer größerer Mengen der fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und jetzt auch Gas. Bis jetzt gibt es keine Anzeichen, dass das eine von dem anderen entkoppelt wird.

Weiter sehen wir aus der Geschichte, dass der Kapitalismus nicht stillstehen kann, weil er ein Zustand permanenten Wirtschaftswachstums ist. Das ist sein Kern, sein Wesensmerkmal.

Die Logik des Kapitalismus ist also immerwährende Expansion. Die Logik der Natur ist aber eine ganz andere, denn die Natur setzt Schranken. Damit stehen Kapitalismus und Natur in einem Spannungsverhältnis.

Der Kapitalismus ist kreativ und anpassungsfähig.

Der Kapitalismus darf – davon sprechen Sie im Buch – auch auf positive Errungenschaften zurückblicken, wie etwa die enorm gestiegene Lebenserwartung zumindest in einigen Teilen der Welt, mehr Chancen durch Bildung, die Sozialgesetzgebung oder der medizinische Fortschritt. Könnte das nicht zu einer globalen Entwicklung werden?

Beckert: Ja, natürlich, Wandel gab es immer, z.B. technischen Wandel und Wirtschaftswachstum, aber auch ökologische Krisen.

Beckert ist Professor für Geschichte an der Harvard University, Foto: privat

Ein Beispiel dafür ist die Zuckerindustrie auf Barbados im 17. Jahrhundert. Sie war anfangs extrem wichtig, kam dann aber an ihre Grenzen wegen verheerender ökologischer Auswirkungen auf die Landwirtschaft und den Widerstand der versklavten Arbeiter.

Doch der Kapitalismus umschiffte diese Krise, wie viele andere auch. Zucker wurde nun in Form von Zuckerrüben in Europa produziert. Ich habe an diesem und vielen anderen Beispielen gelernt, wie kreativ und undogmatisch der Kapitalismus ist. Er ist schon häufig totgesagt worden, aber er hat immer wieder neue Wege gefunden, sich zu reproduzieren.

Könnten Sie sich auch vorstellen, dass die Kapitalisten, um zu überleben, das gemeinsame Erwirtschaftete mit allen in einer Art gewinnorientierter, nachhaltiger Gemeinwohlwirtschaft teilen? Kapital dafür ist ja im Überfluss vorhanden. Ist das denkbar?

Beckert: In gewissem Rahmen kann ich mir das vorstellen, denn aus der Geschichte des Kapitalismus lässt sich nicht vorhersagen, dass die Formen der sozialen Ungleichheit, die wir heute haben, für alle Zukunft fortgeschrieben werden.

Es könnte andere Ordnungen der sozialen Ungleichheit geben, wie es ja auch in Westeuropa ab den 1950er und noch in den 1970er Jahren der Fall war.

Aber es gibt zwei Grenzen: Die eine Grenze ist das Prinzip der Gewinnmaximierung: Profit zu erwirtschaften ist der Kern dieser Wirtschaftsordnung.

Die zweite Grenze ist der Zwang des Kapitals zu ständigem Wachstum. Eine Gewinnmaximierung, von der alle profitieren, wäre für mich daher schon eine andere Form des Wirtschaftens, in gewisser Weise außerhalb des Kapitalismus

Natürlich finden wir auch heute schon innerhalb des Kapitalismus andere Logiken des Wirtschaftens. Der Sozialstaat, gemeinwohlorientierte Unternehmen oder die Reproduktionsarbeit in der Familie folgen nicht der Logik des Kapitals und befinden sich quasi außerhalb, an den Rändern des Kapitalismus.

Der Kapitalismus könnte in verschiedene Richtungen weiterentwickelt werden.

Ich möchte mit Ihnen auf die gewaltsamen Mittel zur Durchsetzung des Kapitalismus zurückkommen, also die Enteignungen, Ausbeutung, Kriege usw. Was sollten wir als Leser und Leserinnen unbedingt lernen?

Beckert: Was wir unbedingt lernen sollten, ist erstens, dass diese eigenartige Logik des Wirtschaftens historisch von Menschen gemacht worden ist. Das klingt banal, aber bedeutet, dass das nicht eine quasi göttliche Ordnung ist, sondern eine Ordnung, die wir auch wieder ändern können.

Zweitens, wird die Geschichte des Kapitalismus oft als eine Geschichte der Ausbreitung menschlicher Freiheit und des Friedens erzählt. Tatsächlich ist diese Geschichte genauso auch eine Geschichte der Enteignung, der Versklavung, des Kolonialismus, und des Krieges.

Sie machen in Ihrem Buch auch die Entstehung von Harvard aus kolonialem Raub öffentlich. Geht es Ihnen da auch darum, den Opfern des Kapitalismus Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? 


Beckert: Ja. Einmal möchte ich zeigen, dass nicht nur die glorreichen Kaufleute aus Florenz und Amsterdam oder die Erfinder aus Manchester die Welt geschaffen haben, in der wir heute leben, sondern auch viele Menschen, die in dieser Geschichte völlig ignoriert worden sind.

Daher schreibe ich viel über die versklavten Arbeiter auf Barbados, die Bauern auf La Reunion, die Bahnarbeiter im Senegal oder die Stahlkocher im Saarland. Menschen in allen Regionen der Welt, teilweise sehr arme Menschen, haben den heutigen Wohlstand mit geschaffen.

Es ist wichtig zu sehen, dass die gegenwärtigen Ungleichheiten in der Welt historisch entstanden sind. Das betrifft auch das Beispiel der Harvard University, die heute eine prominente Rolle im globalen Bildungssystem spielt. Ihre Existenz beruht zum Teil darauf, dass sie in der Vergangenheit Gewinne von Menschen abgeschöpft hat, die im Sklavenhandel oder in der Zuckerproduktion ihr Geld verdient haben.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Wir sind den Strukturen nicht wehrlos ausgeliefert.

Betrachtet man den heutige Zustand der Welt, ist es ja fast, als kämpften wir um das Überleben der Menschheit. Schaffen wir das?

Beckert: Das kann ich natürlich nicht vorhersehen, aber grundsätzlich endet das Buch mit einer optimistischen Note. Mein Optimismus kommt aus zwei Quellen. Einmal zeige ich, dass der Kapitalismus eben menschengemacht ist. Er hat in verschiedenen Regionen der Welt und zu unterschiedlichen Zeiten ganz unterschiedliche Formen angenommen. Das könnte auch in Zukunft der Fall sein. Wir können die Welt auch anders gestalten, wir sind den Strukturen nicht wehrlos ausgeliefert.

Das Zweite ist, dass wir in einer welthistorisch ungewöhnlichen Situation leben dank der Produktivitätsexplosion, die aus dem Kapitalismus kommt. Wir sind heute materiell und technisch in der Lage, die Probleme der Menschheit im großen Ganzen zu lösen.

Wir können allen Menschen ausreichend Zugang zu Nahrung geben, zu ordentlicher Gesundheitsversorgung, Bildung, zu menschenwürdigen Wohnverhältnissen. Das ist materiell und technisch alles möglich. Und das ist erstaunlich, weil das in der Vergangenheit nicht der Fall war. Daraus können wir die Zuversicht schöpfen, dass wir diese Probleme lösen können und auch lösen sollten.

Können wir also aus der Geschichte Mut schöpfen?

Beckert: Natürlich erscheint die Zukunft heute dunkel, wenn Sie die Nachrichten über die Klimakrise oder die politischen Entwicklungen etwa in den USA lesen. Aber die Zukunft ist offen. Es gibt mehrere mögliche Zukünfte.

Es ist immer leicht, ein schlechtes Szenario zu entwerfen. Aber auf der anderen Seite bestehe ich darauf, dass es an uns liegt, welche Zukunft wir tatsächlich aufbauen werden.

Ein gutes Beispiel ist die Abschaffung der Sklaverei, die ab dem 16. bis in das 19. Jahrhundert zentral war für den globalen Kapitalismus. Aber der Widerstand der versklavten Arbeiter und auch die Mobilisierungen der Gegner der Sklaverei in Europa führten dazu, dass dieser Grundpfeiler des globalen Kapitalismus kollabiert ist und andere Systeme der Arbeit entstanden sind.

Aus dieser Geschichte können wir, so glaube ich, auch die Zuversicht nehmen, dass der Kapitalismus anders gestaltet werden kann

Vielen Dank für dieses wunderbare Schlusswort, Herr Prof. Beckert, und vielen Dank für das Gespräch!

Sven Beckert ist Professor für Geschichte an der Harvard University in den USA. Seine Bücher und Artikel zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte wurden vielfach ausgezeichnet. Beckert ist gewähltes Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Sein neuestes Buch: Kapitalismus: Geschichte einer Weltrevolution, erschien 2026 bei Rowohlt.

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