Der schwierige Weg zur Versöhnung

noppasin/ shutterstock
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Eine amerikanische Jüdin auf den Spuren ihrer Vergangenheit

Judith Levi, 72, ist eine amerikanische Professorin für Linguistik und sehr sprachgewandt. Doch was die Geschichte ihrer jüdischen Familie betrifft, herrschte Jahrzehnte lang Schweigen. Eine Reise nach Deutschland brachte die Wende. Heute wirbt Levi für Versöhnung. Sie möchte die Spiralen des Hasses überwinden.

Judith Levi, 72, ist eine amerikanische Professorin für Linguistik mit deutschen Wurzeln. Sie ist eine sprachgewandte Frau und im Gespräch sprudelt es nur so aus ihr heraus. Doch was die Geschichte ihrer jüdischen Familie betrifft, herrschte Jahrzehnte Schweigen.

Sie gehört zur so genannten zweiten Generation, also derer, die außerhalb Deutschlands geboren wurden und keine direkte Erfahrung mit dem Holocaust haben. Geboren wurde sie am Ende des Zweiten Weltkriegs in New York. Dort verbrachte sie auch ihre Kindheit und Jugend. Sie hatte deutsch gelernt, schon früh an der Universität, ganz einfach weil sie sich für Sprachen interessierte.

Aber eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln ihrer jüdischen Familie in Deutschland? Nein, das hat sie jahrzehntelang so gar nicht beschäftigt. Sie glaubte, dass die Geschichte ihrer Familie in Deutschland nichts mit ihr zu tun habe. Im besten Fall war ihre Auseinandersetzung mit Deutschland von Desinteresse geprägt, manchmal auch von Verachtung.

Foto: Hentrich & Hentrich Verlag Berlin

Foto: Hentrich & Hentrich Verlag Berlin

Auch in Judith Levis Familie wurde nach dem Krieg geschwiegen. Die Erfahrungen der erzwungenen Vertreibung aus dem deutschen Heimatland war in der Familie kein Gesprächsthema. Der Vater ging schon 1929 aus wirtschaftlichen Gründen in die USA. Doch die Großeltern väterlicherseits blieben noch bis Januar 1939 und erlebten den aufkommenden NS-Terror vor Kriegsbeginn in Mayen, in der Nähe von Koblenz.

Der Großvater starb zwei Jahre später im amerikanischen Exil, wahrscheinlich an gebrochenem Herzen – so fest verwurzelt, wie er in Deutschland war. Sie lernte ihn nicht mehr kennen. Die Großmutter, die eine sehr wichtige Rolle für ihre amerikanische Enkelin spielte, war später nach Israel gezogen und lebte noch 23 Jahre allein weiter. Sie liegt in Jerusalem begraben.

Versöhnungsreise ins Land der Täter

Oft gibt es diese Wendepunkte im Leben. Im Dezember 1997 war Judith Levi bei ihrer Cousine Chaggit in Israel zu Gast. Diese war im Sommer erstmals auf Deutschland-Reise gewesen, auch in Mayen, dem Heimatort von ihren und Levis Großeltern. In der Kleinstadt in der Eifel hatte Levis Großvater Albert lange Jahre als de facto-Rabbi gedient, als spiritueller Leiter der jüdischen Gemeinde von ungefähr 75 Familien. Chaggit war zurückgekehrt an diesen Ort mit großer familiärer Vergangenheit und machte folgende Beobachtung:

„Einmal im Jahr treffen sich die Bürger von Mayen heute zu einem Schweigeweg und ziehen vom Platz der Synagoge zum Haus meines Großvaters, dann zum jüdischen Friedhof und weiter zu der Stelle, wo sich die Juden, auf ihrem Weg in “den Osten“ sammeln mussten. Sie zünden Kerzen an und halten einen Gedenkgottesdienst ab.“

Als Judith Levi dies hörte, war sie überrascht und zutiefst bewegt, dass dieser Schweigeweg am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, stattfand. Offenbar stellten sich die Deutschen ihrer Vergangenheit und erwiesen ihrem Großvater mehr Ehre, als sie es je getan hatte, konstatiert Levi in ihren Erinnerungen, die in einer Kurzfassung in dem Aufsatz „Blumen auf einem Feld von Asche“, erschienen sind. Am Ende der Begegnung der beiden Cousinen vereinbarten sie, den Feierlichkeiten zum 9. November im nächsten Jahr zusammen beizuwohnen und damit die nächste Reise nach Deutschland gemeinsam anzutreten.

Es ist nicht bei dieser einen Reise nach Deutschland im November 1998 geblieben. Bis heute ist Judith Levi zwölf weitere Male nach Deutschland gereist. Sie ist hier und in den USA im deutsch-jüdischen Dialog aktiv und hält Vorträge über ihre bewegende Familiengeschichte. Für ihre Arbeit zur Versöhnung zwischen Deutschen und Juden ist sie 2015 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

1998 blieb sie auf ihrer ersten Reise nur sechs Tage, davon drei in Mayen. Levi entdeckte hier ein wichtiges Puzzleteil ihrer Identität: den deutschen Teil. Letztendlich merkte sie, dass ihre familiären Wurzeln in Deutschland ein zentraler Teil ihrer eigenen Identität sind. Für sie als Sprachwissenschaftlerin blieb die wichtige Erkenntnis, dass Deutsch genauso wie Hebräisch und Englisch Teil ihrer Familie ist: „Mir war, als ob eine gutmütige Kraft und nicht mein eigener Wille mich zurück zu meinen Wurzeln geführt hätte, damit ich mit Deutschen auf Deutsch über unsere gemeinsame Geschichte sprechen kann.“

Der Aufenthalt in Deutschland war für sie der Anfang einer langen Reihe von Versöhnungsreisen.

Die befreiende Kraft der Vergebung

Von da an spielte in ihrem Leben das Thema Versöhnung eine zentrale Rolle. Schon früher hatte sie begonnen, sich aktiv mit der Vergebung auseinanderzusetzen. Levi fühlte sich von ihrer früh verstorbenen Mutter im Stich gelassen. Sie starb mit 42 Jahren, da war sie erst acht Jahre alt. Der Vater heiratete wieder, doch die Stiefmutter strafte Judith Levi mit Kälte und Abweisung. Sie musste im Leben viel vergeben lernen – ihrem Vater dafür, dass er sie nicht vor dem negativem Einfluss der Stiefmutter beschützte, der Stiefmutter, weil sie nicht die war, die Levi sich wünschte und brauchte, und ihrer Mutter, die sie durch ihren Tod so früh verlassen hatte.

Vergebung und Versöhnung sind in Levis Augen befreiende Kräfte. Sie geht heute davon aus, dass erst die Vergebung in ihrer Familie eine Versöhnung mit den Deutschen möglich machte.

Sie kennt aber auch die Hindernisse auf dem Weg zur Versöhnung aus eigener Erfahrung. In ihrem Tagebuch hat sie dazu folgendes notiert:

„Die Opferidentität, die so viele Opfer verständlicherweise annehmen—an der sie sich aber unüberlegt um jeden Preis festhalten—ist ein enormes Hindernis für Versöhnung, weil sie die Aufmerksamkeit wieder und wieder auf das Unrecht lenkt, das einem der andere zugefügt hat. Sie ist wie ein Standbild in der persönlichen Geschichte oder der kollektiven Identität der Opfer, das niemals aufgelöst oder verwandelt wird…“

Im Mai 2016 war Judith Levi erneut zu Gast in Deutschland. Ethik heute traf sie nach der Lesung ihres gerade erschienen Buches „Reise der Versöhnung. Eine Jüdin entdeckt ein verändertes Deutschland“ in Hamburg. Immer wieder kommt sie dabei auf das Thema der Identität zu sprechen. Sie will wegkommen von der Opfer-Identifikation und die Hürden zu einer neuen Identität nehmen.

In einer Welt, die voll sei von Geschichten von Rache, Vergeltung und einer sich endlos drehenden Spirale des Hasses, sei es schwer, geeignete Rollenmodelle für Alternativen zu finden. Erstaunlicherweise fand sie einige Vorbilder in Deutschland, die ihr halfen, den Wert von Versöhnung zu entdecken. Zentral bleibt für Levi jedoch das Gefühl der Verbundenheit – nicht so sehr durch eine gemeinsame deutsche Identität, sondern vielmehr durch das Menschsein.

Stefan Ringstorff

Hier geht es zur Webseite von Judith Levi

Buchcover LeviJudith N. Levi: Reise der Versöhnung
Eine Jüdin entdeckt ein verändertes Deutschland
Aus dem Englischen übersetzt von Isabelle Wagner
286 Seiten, 30 Farb- und S/W-Abb., Klappenbroschur, 17 x 23 cm
€ 19,90, ISBN 978-3-95565-144-2
Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, 2016

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