Ein kritisches Buch über das Reisen
Der Massentourismus hat eine unrühmliche Vorgeschichte und ist ein schmutziges Geschäft. Neben den perfekten Urlaubsressorts in überwiegend ärmeren Ländern leben viele Menschen in prekären Verhältnissen. Ein Buch, das die Augen öffnet für unsere Art zu reisen.
Das Buch „wo zeit stehen bleibt. vom tourismus und seiner gewalt“ – ist gut lesbar und gleichzeitig schwer verdaulich, teilweise zumindest. Es ist eine Sammlung von lose miteinander verbundenen, teils kritisch essayistischen und teils persönlich gefärbten Texten und handelt vom weltweiten Tourismus (einem globalen Industriezweig, dessen Anfänge weit zurückreichen) und seiner dunklen Geschichte.
Es geht also um luxuriöse Urlaubsparadiese und deren Entstehung, um Gewalt und Zerstörung auf der einen Seite und um die schönen Illusionen auf der anderen Seite. Der Autor erzählt von historischen Begebenheiten, allerdings ohne zu belegen. Er geht vermutlich davon aus, dass die Vorgeschichte von bestimmten Orten und Gegenden einfach bekannt ist.
Hinter vielen Touristenzentren steckt eine seit dem 19. Jahrhundert agierende Ökonomie. Diese handelte rein aus wirtschaftlichen Interessen heraus und schreckte in ihrer kolonialen Geschichte bis weit ins 20. Jahrhundert – das berichtet der Autor – nicht vor Gewalt zurück: an den Menschen (Massenmord , Genozid) sowie an der Natur (Umweltzerstörung).
Perfekte Illusion und harte Realität
Der Autor, Sinthujan Varatharajah, der sich lieber als nicht-binäre Person lesen lassen will, ist tamilischer Abstammung. Er wurde in einem Geflüchtetenlager geboren, wuchs in Deutschland auf und konnte seine Heimat erst 30 Jahre später – eben als Tourist erstmals besuchen; er musste ein Visum beantragen und Geld dafür bezahlen:
Varatharajah kennt die Perspektive der westlichen Menschen auf jene traumhaft schönen Gegenden, auf diese Sehnsuchtsorte, in denen man eine angenehme Urlaubszeit verbringen kann, sowie die andere Perspektive: das Schicksal jener Menschen, die an solchen Orten früher mal gelebt haben und etwa im Zuge des Kolonialismus vertrieben oder getötet worden sind.
Mit der Lektüre dieser teils autobiographischen, teils gesellschaftskritischen Schilderungen wächst die innere Empörung und Fassungslosigkeit über das Verhalten der anderen, aber auch über die eigene Sorglosigkeit, mit der ich mich früher habe blenden lassen.
Dabei wusste ich schon lange, dass es in Ländern wie Tunesien, Marokko und Algerien, Ägypten und Türkei (um nur ein paar Beispiele zu nennen) mindestens zwei Wirklichkeiten gibt: eine äußere Fassade für die zahlenden Touristen und eine von politischer Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausbeutung geprägte Lebenswelt.
Täglich 130 Flüge
Das Buch ist als Ganzes nicht leicht zu lesen, wohingegen die einzelnen Passagen durchaus einen Sog entwickeln. Der Aufbau des Buches scheint mir rein assoziativ zu sein. Ich hatte den Eindruck, dass ich auch irgendwo aufschlagen und starten könnte, weil es eben eine lose Sammlung ohne innere Dramaturgie ist.
Damit hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten, bis ich einfach weiter las und auch hin und her sprang, um überall interessante Ausführungen zu finden.
Dabei gibt es Themen, die gar nicht so bekannt sind: der politische Hintergrund der koreanischen Insel Jeju-do, die heute eines der am meisten besuchten Urlaubsziele weltweit zu sein scheint und eine düstere Vergangenheit hat.
In Südkorea soll diese Insel als das „koreanische Hawai“ bezeichnet werden. Sinthujan Varatharajah berichtet, dass allein von Seoul aus täglich etwa 130 Flüge in Richtung Jeju-do abgehen, um jährlich über 14 Millionen Touristen an jenen Ort zu bringen, der auf die Bedürfnisse von erholungsbedürftigen und zahlungswilligen Gästen perfekt abgestimmt ist.
Und er fasst die Vorgeschichte dieses Urlaubsparadieses in wenigen Sätzen zusammen: In den 1950-er Jahren, als Südkorea unter US-amerikanischer Schirmherrschaft stand, kam es zu Protesten der Bevölkerung, die blutig niedergeschlagen wurden.
In den 1960-er Jahren experimentierte die damalige südkoreanische Diktatur auf der Insel herum und errichtete schrittweise, was heute als begehrtes Urlaubs- und Erholungsziel bekannt ist. Die Einwohner wurden gewaltsam umgesiedelt, damit sie mit den Besuchern nicht in Kontakt kamen – und umgekehrt.
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Das Buch verändert den Blick
Tourismus war in der Vergangenheit und ist auch heute teilweise noch ein fragwürdiges Geschäft. Es ist vor allem ein Geschäft, auch wenn das stets freundliche Hotelpersonal und die lächelnden Strandwärter einen anderen Eindruck zu vermitteln suchen. Nach der Lektüre dieses Buches blättern wir mit anderen Augen in den reich illustrierten Hochglanzprospekten der Reiseanbieter. Garantiert.
Die malerischen Sandstrände – sie wurden großenteils künstlich angelegt und müssen auch heute noch unter Zuhilfenahme von technischen Geräten den natürlichen Kräften von Sonne, Wasser und Wind trotzen. Wenn wir uns das zu Gemüte führen, anstatt uns von den Versprechen einer global agierenden Branche einlullen zu lassen, dann können wir auch einen Beitrag zur Erhaltung unseres natürlichen Lebensraumes leisten.
Jetzt noch eine Anmerkung zum Buch selbst: Der Autor, der sich selbst als „Autor*in“ bezeichnet und überhaupt das Gendern liebt, hat seine Eigenheiten, über die einer getrost hinweg lesen kann, die aber erwähnenswert sind.
In den persönlich gefärbten Passagen weniger, doch in den sachlich kritischen Ausführungen überschlagen sich die Genderismen und nehmen teilweise sonderbare Formen an. Wir lesen nicht nur von Fischen und Algen, sondern von „Fisch*innen“ und „Alg*innen“. Dort, wo der Autor gelegentlich ein „man“ verwendet, schreibt er konsequent „man*“. Hinter den Jahreszahlen steht konsequent ein „(e. Z.)“, was darauf hinweisen soll, dass es sich hier um die europäische und nicht um eine globale Zeitrechnung handelt, die es gar nicht gibt.
Das kann man so machen, und es ist jedenfalls nicht verkehrt, wenn es auch etwas merkwürdig und manieriert wirkt. Dessen ungeachtet kann ich die Lektüre dieses über 400-seitigen Werkes aber empfehlen.
Sven Precht
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