Weisheitstraining online – Neuer Durchgang startet im September

Die Gefühle kennenlernen

Carlsen Verlag
Carlsen Verlag

Ein interaktives Buch für Kinder

Der bekannte Schulbuchverlag Carlsen hat 2024 den ersten Band seiner neuen Reihe „Wir leben“ veröffentlicht. Das Buch widmet sich den Gefühlen in Form von Bildern, Geschichten, Fragen und Mitmach-Tipps. Den Band hat sich für uns ein Achtjähriger angeschaut, dessen Eindrücke im Text wiedergeben werden.

Die neue Mitmachbuchreihe „Wir leben“ ist thematisch immer einem wichtigen Lebensbereich zugeordnet. So widmet sich das gelbe Buch den Gefühlen, das grüne Buch dem Denken, das Blaue dem Sterben und das Rote den Gefühlen.

Wir haben uns für diese Rezension das Buch mit einem Achtjährigen angeschaut. Er wählte das gelbe Mitmachbuch „Wir fühlen“ aus. Thematisch geht es um die wechselhaften Emotionen des Menschen.

Gerade die Gefühle Freude, Glück, Wut, Angst und Traurigkeit sind für Kinder stets einfach da: sie geraten jedoch im lebhaften Alltag von Familien zuweilen aus dem Blick.

Doch um Gefühle von Kindern einzuordnen und ihnen den Umgang damit zu verbessern, schlägt dieses Buch einen besonderen Weg ein. Es erweckt scheinbar intuitiv verschiedene Gedankenebenen: Wie mutig muss das Schulmädchen Ella bloß sein, das häufig seine beste Freundin tröstet, obwohl ihr Papa kürzlich verstarb?

Wieso muss manchmal alles so überraschend anders sein, beispielsweise wenn beim Besuch der Freundin plötzlich ihre Großeltern dabei sind? Und wie lustig, dass ein solcher Tag voller unerwarteter Wendungen meistens dennoch schön wird.

Und dann vermittelt das Buch noch Anregungen zur kindlich aufbereiteten Wahrnehmungsübungen, eine Art Achtsamkeitstraining: Wie fühlt sich ein herbstlicher Blätterhaufen an? Welches würde ich am liebsten in die Hand nehmen? Wie würde es sich wohl anfühlen?

Oder auch: Wie kann man sich Gefühle eigentlich als Gefühlssalat vorstellen: etwa als beleidigte Birne, grummelige Gurke oder hibbelige Himbeere? Und wenn Gefühle so als Salat nebeneinander vorkommen – kann man sie dann manchmal nicht fein säuberlich voneinander trennen?

Wie Gefühle nachempfunden werden

Der Einstieg in dieses wertvolle Mitmachbuch verläuft bei unserem kleinen Leser, der ein lebhafter Zweitklässler ist, ein wenig holprig. Das Schulkind, das gerade seine Sommerferien mit Spiel, Spaß, Bootsausflügen und Lesen verlebt, scheint solche Bücher noch nicht zu kennen.

Schnell wird klar: Dies ist kein Buch, das Erlebnisse vordenkt, sondern vielmehr eines, das Erfahrungen fühlbar macht und zum Mitmachen animiert. Doch schon nach wenigen Seiten fängt der Junge plötzlich Feuer.

Spätestens, als die Kinder der Rahmenhandlung am ersten Schultag von ihren Urlaubseindrücken erzählen, merkt unser Leser, das ihm ihre Gedanken recht vertraut vorkommen.

Noch aktiver wird er auf der Herbstblätterseite.

Er wählt das lilane Blatt, das gelbe Mehrblättrige und das rotorangefarbene Mehrblättrige. Nun ist er voll dabei. Er kuschelt sich noch ein wenig mehr ins Sofa und schaut mit diesem gebannten Blick, wenn er in einem Buch gefangen ist.

Als nächstes gibt es einen Impuls der Lehrerin des Buchs, sich die raschelnen Blätter im Wind vorzustellen, wie sie sich wohl anhören, wie sie sich anfühlen würden. Da pustet der Junge plötzlich wie der Wind durch seine Lippen. Einmal, noch einmal.

Es ist überraschend, wie sinnlich er das Buch auffasst. Sein Blick und sein ins Kinn gelegter Kopf verraten, wie gebannt er auf den Fortgang ist. Und auch das Gefühlsgedicht nimmt ihn gefangen. Beim ersten Wuttropfen nickt er, wie um zu sagen „Ja, das kenn ich. Die Wut ist wirklich ein Rambazamba-Gefühl, das einfach heraus muss.“

Beim Angsttropfen hält er die Luft an, scheint Angstgefühle, die er einmal hatte, nachzufühlen. Beim Freudetropfen wieder scheint er aufzuatmen, das ist ein Gefühl, dem er sich gerne erinnert. Am Ende des Gefühlsgedichts heißt es: „Und ich fühle, fühle, fühle, denn ich bin, wer ich bin: ein wunderbares Menschenkind, ein*e Fühler*in.“

Visuell zieht das Buch in den Bann

Auf eben dieser Seite werden die Gefühle Farben zugeordnet, etwa tiefblau für Trauer oder knallrot für Wut. Kategorisch wirkt das keineswegs, eher wie Vorschläge, wie sich die Gefühle farblich einordnen lassen. Auf einer ähnlichen Seite wird das Kind aufgefordert, verschiedenen Tropfen mit einem lachenden, weinenden, überraschten oder fröhlichen Ausdruck mit „seinen“ Gefühlsfarben auszumalen.

Gerade visuell zieht das Buch den Jungen bereits auf den ersten Seiten in den Bann. Die Hauptfiguren Yahnina, Ella, Amir und Carlo mit ihren Haustieren, ihrem Skateboard und Handball oder ihrem Blumenbeet, wirken ansprechend genug, sie ins Herz zu schließen.

Ihre Lehrerin, die einen Sidecut, ein Nasenpiercing und ständig wechselnde Haartöne trägt, wird gut akzeptiert. Auch arbeitet das Mitmachbuch mit vielen wiedererkennbaren Situationen, wie einem Besuch bei der besten Freundin, einem aus dem Ruder geratenen Fußballmatch, dem Nachhauseweg oder einer Adventsstunde.

Was das Buch besonders empfehlenswert macht

Besonders empfehlenswert ist der positiv-bejahende Umgang mit Gefühlen. Das Lesebuch macht deutlich, dass Gefühle zum Menschsein dazugehören. Neben kreativen Vorschlägen, wie den Gefühlen Farben zu geben, verdeutlichen Protagonist:innen mit Vorbildcharakter, dass der Umgang mit Gefühlen ein erlernbarer Prozess ist.

Einige Gedankenreisen helfen der jungen Leserschaft, sich innerlich von einem persönlichen „Krafttier“ helfen zu lassen, wenn Gefühle wie Angst, Wut oder Freude schwer auszuhalten sind. Bei unserem Rezensenten war die Idee mit dem Krafttier am schwersten greifbar. Jedoch sah er sich die Seite eingängig an und überlegte ein wenig.

Hinzu kommen unzählige weitere Anregungen, die es wert sind, sie mit Kindern ab sechs Jahren auszuprobieren. Einziger Kritikpunkt: Als die Protagonistin Ella eingeführt wird, die kürzlich ihren Vater verloren hat, steigen unserem kleinen Rezensenten sofort Tränen in den Augen und seine Stimme wird wackelig.

Bei einem Kind mit kürzlichen Vorerfahrung eines verstorbenen Menschen könnte diese Seite vielleicht unangenehme Gefühle wecken, die nicht so gut aufgefangen werden können. Für die Mehrheit gilt jedoch: unbedingt empfehlenswert.

Maria Köpf

Sarah Sophie-Prix, Ina Schmidt, Johanna Klug, Ayse Bosse. Wir leben. Wir fühlen. Wie es ist, ein Mensch zu sein. Ein Vorlesebuch zum Mitmachen. Hamburg 2024

In der gleichen Reihe bei Carlsen sind 2024 noch erschienen: “Wir leben. Wir denken”, “Wir leben. Wir sterben”, “Wir leben. Wir lieben”.

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