Portrait einer Sufi-Lehrerin
Rosina-Fawzia Al-Rawi ist Sufi-Lehrerin und in Orient und Okzident zu Hause. Schon in der Kindheit erwachte ihr Interesse an tieferen Lebensfragen. Mike Kauschke zeigt ihren Weg in die Spiritualität und was das überhaupt bedeutet: „Der Kern eines Menschen ist unendliche Güte”.
Schon mehrfach hatte ich die Gelegenheit, mit Rosina-Fawzia Al-Rawi Interviews zu führen und begegnete dabei einer Frau mit einer klaren und liebevollen Präsenz. Mit verständlichen und berührenden Worten kann sie die tiefen Erfahrungen und Einsichten der Mystik des Sufismus so formulieren, dass sie für Menschen heute verständlich sind.
Der Weitblick und die Weisheit, die sich in ihren Worten zeigt, hängen wohl auch damit zusammen, dass sie in verschiedenen Kulturen gelebt hat und sich auch als Brückenbauerin zwischen Orient und Okzident erlebt.
Fawzia Al-Rawi wurde 1965 in Bagdad geboren. Als sie ein Kind war, floh ihre Familie wegen des Regimes von Saddam Hussein nach Libanon, wo sie ein Teil ihrer Kindheit verbrachte. Als dort ein Bürgerkrieg ausbrach, wurde sie zu Verwandten nach Europa geschickt, um die Schule zu beenden.
Schon in der Kindheit erwachte ihr Interesse an den tieferen Fragen des Lebens: „Als Kind habe ich sehr gerne beobachtet, vor allem Erwachsene. Sie kamen mir verwirrt vor, sie machten alles so kompliziert. Das hat mich dazu gebracht, zu fragen: Kann man das Leben anders verstehen? Was bedeutet es, glücklich zu sein. Das sind Fragen, ich jetzt so formulieren kann. Damals war es mehr ein Gefühl, aus dem eine Suche begann.“
Diese Suche führte Sie zunächst zum Studium der Arabistik, Islamwissenschaften und Ethnologie (heute Kultur- und Sozialanthropologie) in Wien und Kairo. Sie promovierte mit einer Arbeit über Dialekte in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate.
„Wer sich gesehen fühlt, kann innerlich reifen“
In der Zeit des Studiums erwachte auch ihr Interesse an Spiritualität: „Es begann mit einem Erlebnis in Kairo. Ich war ungefähr 20 und bin durch die Straßen gegangen. Da saß ein alter Mann am Boden, vor ihm ein Karton, auf diesem eine Kanne Tee und eine Tasse stand. Er verkaufte Tee.
Ein junger Mann lief vorbei, stieß den Karton um und die Tasse zerbrach. Der alte Mann stand langsam auf und wiederholte: Gepriesen sei Gott. Das war für mich ein Moment, wo die ganze Welt stillstand. Sein einziges Einkommen wurde gerade zerstört und anstatt zu schimpfen, hat er Gott gepriesen. Das war so berührend für mich, dass ich die ganze Welt plötzlich anders gesehen habe.“
Aus dieser Erfahrung heraus beschäftigte sie sich mit dem Sufismus, der für sie ein Weg der Liebe und Selbsterkenntnis ist: „Ich habe immer gespürt, dass das einzige, das uns wirklich retten kann, die Liebe ist. Deshalb habe ich mich für diesen Weg interessiert.“
Nach dem Studium lebte sie zwölf Jahre in Jerusalem, wo sie am Institut für Förderung der palästinensischen Agrikultur und an der Jerusalem-Universität arbeitete. Sie heiratete den Sohn ihres spirituellen Lehrers und zog ihre drei Kinder auf.
In Jerusalem traf sie den Sufi-Lehrer Sidi Shaykh Muhammad al-Rifai, bei dem sie in der Theorie und Praxis des Sufismus ausgebildet wurde. Über die Rolle des Lehrers im Sufismus sagt sie: „Eine der Grundbedingungen für die innere Reifung ist es, gesehen, angenommen und geliebt zu werden, wie man ist. Darin erkennt man die Schönheit, die man in sich trägt. Und dann möchte man dem Schönsten, das man in sich trägt, auch Ausdruck geben. Hier beginnt die Verwandlung. Das habe ich bei meinem Lehrer gesehen und das sollte die Grundhaltung eines jeden Lehrers sein.“
„Wir brauchen Klarheit von innen“
2001 zog sie mit ihrer Familie nach Wien und begann dort, den Sufi-Weg zu lehren. Um einen festen Ort der Begegnung zu schaffen, gründete sie 2006 mit Unterstützung einiger anderer Frauen das „Haus des Friedens – Zentrum für Sufismus und weibliche Spiritualität“ in Wien und den Verein Safa, der den Aktivitäten, die an diesem Ort stattfinden, einen Rahmen gibt.
In ihrer Lehrtätigkeit schöpft sie aus dem reichen Schatz der traditionellen Sufi-wie Meditation, Atemtechniken, Dhikr, Drehtanz oder das Arbeiten mit den Göttlichen Namen. Ein Anliegen ist es, insbesondere Frauen auf dem spirituellen Weg zu begleiten und dazu die Praxis des Orientalischen Tanzes neu zu erschließen.
Schon als Kind wurde Fawzia Al-Rawi von ihrer Großmutter mit dem Bauchtanz als wichtigem Ausdruckselement der weiblichen Welt vertraut gemacht. Seit über 20 Jahren lehrt sie andere Frauen, sich durch diese Praxis mit der eigenen Lebenskraft zu verbinden.
Auch den Drehtanz entwickelte sie mit Blick auf die weiblichen Aspekte weiter, um körperlichen Heilung und Stärkung sowie eine Anregung der spirituellen Kräfte zu unterstützen.
Über ihr Selbstverständnis als Lehrerin sagt sie: „In der Begleitung von Menschen ist es mir wichtig, dass sie nicht durch Kontrolle von außen reifen, sondern durch Klarheit von innen. Dazu gehören innerlicher Respekt und das Annehmen der negativen Eigenschaften wie Geiz und Eifersucht. Aber auch die Güte und Großzügigkeit in sich zu sehen. Und wenn wir als Menschen ganz werden, können wir zur Schönheit dieser Welt beitragen und aufhören, die Welt zu verletzen.“
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„Wie können wir Arroganz in Liebe verwandeln?“
In ihrer Form der Vermittlung des Sufi-Weges schöpft sie aus der reichen Erfahrung, in verschiedenen Kulturen gelebt zu haben: „Meine Mutter ist Europäerin, mein Vater Orientale. Allein diese Mischung hat mich für die Unterschiede der Kulturen sensibilisiert. Sie hat mir es ermöglicht, eine Brücke zu sein zwischen dem Nahen Osten und Europa.“
Die Unterschiede zwischen den Kulturen waren dabei für sie eine Quelle der Erkenntnis. Im Nahen Osten erlebt sie die Menschen mehr eingebettet in der Familie, in der Gemeinschaft und verantwortlich vor Gott.
„Es ist eine Beziehungskultur, keine autonome Kultur. Wissen ist nicht neutral, sondern moralisch gerahmt. Leiden wird nicht als sinnlos gesehen, sondern darin liegt eine Bedeutung. Gastfreundschaft ist heilig, die Sprache poetisch. Die Geschichte wird erinnert und nicht archiviert. Glaube ist Alltag und nicht Privatsache.“
In Europa erlebt sie, dass alles vom Einzelnen her gedacht wird: „Der Mensch ist autonom, denkend, entscheidend. Wahrheit wird analysiert, zerlegt und bewiesen. Leiden wird technisch gelöst oder verdrängt. Freiheit ist ein hoher Wert, Religion wird privatisiert. Die Geschichte wird kritisch gesehen und Fortschritt ist ein moralischer Maßstab. Der Mensch fragt zuerst, was funktioniert und dann erst was es bedeutet.“
Diese verschiedenen Sichtweisen stehen häufig miteinander im Konflikt, können aber viel voneinander lernen. Fazwia Al-Rawi betont deshalb das Verbindende:
„Der Mensch ist ein komplexes, wundervolles Wesen und fähig eine Balance zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren zu halten. Es ist wichtig, dass wir nicht in einen Sinn ohne Denken oder ein Denken ohne Sinn hineinfallen.“
Im Grunde geht es in dieser Verbindung wieder um die Liebe, die der Kern des Sufi-Weges und auch der Lehre von Fazwia Al-Rawi ist. Und diese liebevolle Haltung will für sie auch Ausdruck in der Welt finden, unseren Beziehungen und unserem Handeln:
„Eine der größten Trennungen, die wir Menschen in uns tragen, ist unsere Arroganz. Wenn wir diese Arroganz in Liebe und Bescheidenheit verwandeln können, dann können wir uns selber und den anderen dienen. Wir sind aus Liebe entstanden und finden unseren Weg nach Hause durch die Liebe. Die einzige Möglichkeit für unser Wachstum als Einzelne und als Gesellschaft besteht in der Entwicklung des Herzens. Das sehe ich als meine Aufgabe in mir selbst und es ist eine große Ehre, andere dabei zu begleiten.“
Mike Kauschke
ist fester freier Mitarbeiter in der Redaktion von Ethik heute. Zudem arbeitet er auch als Übersetzer, Dialogbegleiter und als Redaktionsleiter beim Magazin evolve. Er begleitet auch die Online-Dialoge im Netzwerk Ethik heute. www.mike-kauschke.de
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