Wie Musik die Psyche und Zugehörigkeit stärkt
Musik kann mehr als ein Wohlgefühl vermitteln: Allein das Lauschen der Klänge wirkt sich positiv auf Psyche und Körper aus und stärkt die Verbundenheit mit anderen. Auch wird Musik als begleitende Therapie bei Krankheiten eingesetzt.
Text: Dr. Stefanie Uhrig
Lautes Mitsingen im Auto, leise Klänge während der Massage, der Genuss eines Violinspiels oder die Begeisterung auf einem Konzert mit 60.000 Zuschauenden – Musik ist überall und nimmt uns mit. Aber warum eigentlich?
Zunächst einmal beeinflussen Lieder nicht nur die Gefühle, sondern haben echte Auswirkungen auf den Körper. Die Klänge können vor allem das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren. Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin werden ausgeschüttet, vermitteln ein positives Gefühl und regen weitere Prozesse an.
Gleichzeitig müssen verschiedene Funktionen des Körpers zusammenarbeiten. Wir hören die Töne und verarbeiten und interpretieren die Signale im Gehirn. Gefällt uns die Musik, singen oder tanzen wir vielleicht mit. Und schon sind motorische Fähigkeiten gefragt – ein nahtloses Zusammenwirken von Gehirn- und Körperteilen.
Musik und Gemeinschaftsgefühl
Der Musikpsychologe Prof. Dr. Stefan Kölsch beschreibt zudem verschiedene psychologische Wirkungen. So sei die Musik grundsätzlich inklusiv: „Durch festgelegte Elemente wie den Takt oder die Tonleiter können Menschen sich schnell in Musikstücken zurechtfinden und mitmachen.“
Zusammen klatschen oder mitsingen stärke dann das Gemeinschaftsgefühl. In seinem Buch „Good Vibrations – Die heilende Kraft der Musik“ beschreibt Kölsch, wie wir über Musik mit anderen kommunizieren, unsere Aufmerksamkeit und Gefühle teilen und uns dadurch zusammengehörig fühlen.
Lieder können aber auch auf einzelne Personen wirken. Und zwar auf ganz verschiedene Weise: beruhigend, begeisternd, tröstend oder aufheizend – Musik kann immer genau das bieten, was gerade gebraucht wird, wenn wir sie richtig einsetzen.
Spannend dabei: Um uns etwa in schwierigen Situationen besser zu fühlen, brauchen wir nicht unbedingt fröhliche Songs. Stefan Kölsch sieht vielmehr unterschiedliche Arten von Menschen: Manche muntern sich tatsächlich mit Guter-Laune-Musik auf. „Andere suchen hingegen in traurigen Liedern Unterstützung bei ihrem Kummer und können sich damit erst einmal ausweinen.“
Wichtig sei es allerdings, dass diese Leute irgendwann auch wieder zu gehobenerer Musik finden. Wer niedergeschlagen sei und dann nur noch tragende Songs höre, rutsche leicht in eine Abwärtsspirale, so der Forscher.
Musik machen oder nur hören?
Ob es ausreicht, nur passiv Lieder anzuhören, oder ob Betroffene lieber selbst musizieren sollten, ist wissenschaftlich ebenfalls schwer zu sagen. Stefan Kölsch findet zwar, dass eine aktive Mitarbeit besser funktioniert: „Dadurch werden immerhin mehr geistige und körperliche Fähigkeiten benötigt und aktiviert.“
Das Wichtigste sei aber, sich keinen Stress zu machen. Denn schließlich gehe es darum, positive Empfindungen hervorzurufen. Wer sich also lieber beim Zuhören in den Klängen verliert, anstatt selbst zu singen oder ein Instrument zu spielen, darf ruhig die Lieblingssongs auflegen.
Vielleicht regt das Lied zum Klatschen oder zu Bewegung an – und schon entsteht wieder eine aktive Verbindung zur Musik.
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Musik als gezielte Hilfe bei Krankheiten
Als Stütze für Krisenzeiten schlägt Stefan Kölsch vor, sich gezielt eine Playlist zusammenzustellen. Anfangen kann sie mit melancholischen Liedern, um die Trauer zu begleiten. Irgendwann kommt der Übergang zu den leichteren Titeln, die entspannt oder fröhlich sein dürfen.
Abgesehen von solchen einfachen Maßnahmen, die praktisch jede und jeder selbstständig nutzen kann, gibt es die „echte“ Musiktherapie bei Erkrankungen. Hier sollen die Lieder helfen, Symptome zu lindern und die Betroffenen auf andere Gedanken zu bringen.
So eine Musiktherapie kann ganz unterschiedlich aussehen. Manchmal singen die Patientinnen und Patienten, manchmal musizieren sie oder hören einfach zu. Das geht allein oder in Gruppen.
Häufig kommen solche Therapien bei Demenzerkrankungen zum Einsatz. Die Betroffenen sind oft ängstlich, unruhig oder – vor allem in späten Stadien – aggressiv. Die Musik kann sie emotional unterstützen und ihnen Halt geben.
Wissenschaftliche Studien gibt es zur Musiktherapie zwar, jedoch sind die meisten nicht sehr aussagekräftig. Denn dafür braucht es genügend Teilnehmende und einen relativ starren Versuchsaufbau, damit sich die Musiktherapie gut mit anderen Möglichkeiten vergleichen lässt. Das wiederum passt aber schwer zu einer individuellen Behandlung, bei der die Fachleute genau auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen.
Praktisch gesehen hat die Musiktherapie allerdings deutliche Vorteile: Sie ist frei von Nebenwirkungen und kann ohne großen Aufwand durchgeführt werden. Dabei ist sie immer als Unterstützung der eigentlichen Behandlung gedacht, nicht etwa als Ersatz oder eigenständige Therapie.
Dr. Stefanie Uhrig
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