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Die resonante Kraft hörender Herzen

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Philosophische Kolumne: Wie ein Aufbruch gelingen kann

Der Blick aus dem Fenster lässt keinen Zweifel, es dämmert bereits am späten Nachmittag, der Himmel kennt nur noch eine Variation von Grautönen und beginnt, sich schon am frühen Abend schwarz zu färben, die dunkle Jahreszeit macht ihrem Namen alle Ehre. Und auch die Gedanken werden nicht selten dunkler, zumindest hier und da ein wenig schwerer.

Im November wird wie in keinem anderen Monat der Vergänglichkeit gedacht, der Totensonntag als letzter Sonntag des Kirchenjahres ruft noch einmal all die Menschen in Erinnerung, deren Leben zu Ende gegangen ist. Für jeden von uns geht in dieser Zeit etwas zu Ende, und gleichzeitig steht etwas vor der „Tür“, etwas Neues, ein Aufbruch, selbst wenn wir uns keinerlei christlichen Tradition verbunden fühlen.

Aber wohin brechen wir da eigentlich auf? Der Blick zurück zeigt ein Jahr voller Brüche, Krisen und Entwicklungen, die wenig hoffnungsvoll in die Zukunft schauen lassen und etwas ratlos lassen viele von uns die Schultern hängen, wenn sie sich fragen, was die Zukunft wohl bringen wird. Aber ist dieser Modus der Krise, der Polykrisen, wie es derzeit heißt, tatsächlich eine solche ungekannte Zumutung?

Schon immer haben wir in unverständlichen und vergänglichen Welten sozialer und lebendiger Ordnungen gelebt, die wir wie einen gigantischen Mechanismus zu beherrschen versuchen, nur um immer wieder an die Grenzen des Vorstellbaren zu stoßen. Dass wir damit mittlerweile an den planetaren Grenzen unserer eigenen Lebenswelt angelangt sind, ist tatsächlich ohne jeden Präzedenzfall.

Die Frage aber, ob wir nicht dennoch in der Lage sein können, auf diese Begrenzung mit einem Anfang zu antworten, der trotz allem die Richtung zu wechseln in der Lage sein kann, ist und bleibt zu stellen – gerade weil wir die Zeichen der Zeit ernst nehmen, und die Krisen und Bedrohungen beim Namen nennen.

Dieser Aufbruch wird allerdings ein anderer sein müssen, als der, den wir vor Augen haben, wenn der gesellschaftlich anerkannte Aktionismus mit aufgekrempelten Ärmeln zu Taten aufruft, denn bevor wir eben dies tun können, müssen wir lernen, genauer hinzuhören, im wahrsten Sinne des Wortes auf-zu-hören, damit wir auf neue Verbindungen stoßen, andere Zusammenhänge erkennen und sehen lernen, die entdeckt werden wollen und den Weg ins Tun erst ermöglichen.

Diese Zusammenhänge sind „unverfügbar“, wie es der Soziologe Hartmut Rosa nennt, weil sie nicht den Methoden von Leistung, Disziplin und Ordnung gehorchen. Sie entziehen sich, wenn wir uns allzu sehr bemühen und fordern uns auf, neue und andere, vielleicht bescheidenere Formen der Annäherung zu wagen.

Das, was wir – jeder einzelne, aber auch wir als Gemeinschaft – dafür mitbringen müssen, ist, was Rosa in seinem jüngsten Buch „Demokratie braucht Religion“ ein „hörendes Herz“ nennt, ein Herz, das offen ist, sich Zeit nimmt und wohlwollend auch das überprüft, was gewohnt und vermeintlich das Richtige ist.

Viele Ohren und Herzen scheinen verschlossen, mit sich selbst beschäftigt und auch aus gutem Grund nicht mehr in der Lage, einer anderen Perspektive, anstehenden Veränderungen oder neuen Informationen zuzuhören. Und doch liegt es an jedem von uns, sich zu fragen, wie es um das eigene Herz bestellt ist und welche Bedingungen sich ändern lassen, um im wahrsten Sinne des Wortes mit und auf etwas zu hören, was uns als ein Gegenüber anruft.

Dieses andere kann in der Musik liegen, in einem Gedanken verborgen sein, durch das Lächeln eines anderen Menschen oder die Schönheit der Natur hervorgerufen werden, aber es kann auch aus dem Zusammenspiel scheinbarer Alltäglichkeiten hervorgehen, für die wir uns gerade in schweren und unsicheren Zeiten „trotzdem“ einen Sinn bewahren müssen, um nicht im Dunkel dessen verloren zu gehen, was wir nicht mehr sehen können.

Der Blick aus dem Fenster kann uns sicher nicht vor dem Grau und der anbrechenden Dunkelheit bewahren, aber selbst in den Schattierungen von Grautönen oder der Erfahrung von Dunkelheit, die die Kostbarkeit des Lichts nur umso deutlicher macht, kann eine Einsicht liegen, die zu einem Dafür werden kann – einem Dafür, auf das unser Herz nicht nur hören, sondern an das es weiter glauben kann.

Ina Schmidt, 27. November 2022

Dr. Ina Schmidt ist Buchautorin, Gründerin einer philosophischen Praxis und Referentin. Sie hat Kulturwissenschaften und Philosophie studiert. Ihre Doktorarbeit prägte ihren Wunsch, Philosophie im Alltag zu fördern. Sie hält Vorträge, Hochschulvorlesungen und Gremientätigkeiten. Ihre jüngsten Sachbücher: „Die Kraft der Verantwortung“ in der Edition Körber (2021) und „Wo bitte geht´s zum guten Leben?“ im Carlsen Verlag (2022). Ihr jüngstes Kinderbuch: “Das kleine Ich auf der Suche nach sich selbst” im Carlsen Verlag (2021).

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