Interview mit Peter Spiegel

Der Zukunftsforscher Peter Spiegel beschäftigt sich intensiv mit Bildungsfragen. Schule sei zu sehr an kognitivem Wissen ausgerichtet und sollte mehr praktische und soziale Kompetenzen vermitteln, aber auch innere Haltungen und Achtsamkeit. „Schule neu denken“ – das ist sein Anliegen.

 

Das Gespräch führte Stefan Ringstorff

Frage: Ein großer Teil Ihres Engagement gilt der Zukunft des Themas Bildung. Neben biografischen Erfahrungen haben Sie sicherlich auch gesellschaftliche Entwicklungen dazu motiviert?

Spiegel: Gerade der Blick auf den Umgang unterschiedlicher Kulturen mit dem Thema Zukunft der Bildung lohnt ungemein. Der langjährige Leiter des Wissenschaftszentrums in Berlin, Wolf Lepenies, warnte schon vor Jahren davor, dass Deutschland sich immer noch als „Weltmeister fast aller Klassen“ wähnt und genau deshalb resistent bleibt gegenüber neuen Entwicklungen, Chancen und Anforderungen.

Zur gleichen Zeit bewegten sich viele Schwellenländer unvergleichlich offener, schneller und besser. Das gilt für aufholende Länder der letzten Jahrzehnte in Europa wie Finnland oder Estland, aber ebenso für solche aus Asien oder Lateinamerika wie Singapur, China, Vietnam oder Kolumbien.

Besonders hat mich ein Beispiel aus Kolumbien beeindruckt. Aus den dortigen ländlichen Regionen ist ab den 1950er Jahren ein Großteil der Bevölkerung in die Städte geflohen, weil sie sich dort bessere Lebensbedingungen erhofften. Die gut Ausgebildeten gingen auf der Suche nach besseren Jobs zuerst in die Städte.

Eine Gruppe von Wissenschaftlern fand sich in den 1970er Jahren zusammen – aus Sorge, dass der ländliche Raum kollabieren könnte. Doch ihre Studien kamen zu einem unerwarteten Ergebnis: Da ausnahmslos alle Lehrbücher von Städtern geschrieben waren, existierte kein Lernmaterial, das modernes Wissen auf ländliche Lebensbedarfe aufbereitete.

Gerade die guten Schülerinnen und Schüler sahen daher nur in den Städten Perspektiven. Hinzu kam noch, dass viele ländliche Gebiete von den Rebellen der FARC beherrscht waren. Deshalb verließen auch sehr viele Lehrer diese Gebiete und neu Ausgebildete wollten unter keinen Umständen dorthin gehen.

Wie kam die Bildung dann zurück aufs Land?

Spiegel: Der Lösungsansatz der Forscher in Kolumbien beruhte auf der unmittelbaren Zusammenarbeit mit der ländlichen Bevölkerung. Gemeinsam entwickelten sie völlig neue Lernmaterialien, die modernes Wissen auf ländliche Lebensbedarfe anwandten. Damit wurden dann Einheimische zu Tutoren ausgebildet, die mit diesen Materialien interaktiv arbeitende Bildungsgruppen gründeten.

Das so erworbene Wissen floss dann unmittelbar in praktische Projekte für die ländliche Weiterentwicklung. Die Verantwortlichen stimmten den gesamten Unterrichtsplan mit den Schülern jeweils direkt an die konkreten Anforderungen im Dorf ab. Die Lerngruppen sind für Schüler jeden Alters offen, so dass oftmals drei Generationen aus einer Familie in solchen Lerngruppen zusammenkommen.

Als das Kultusministerium sich wieder traute, Abgesandte in die Rebellengebiete zu senden, waren diese höchst erstaunt über die Erfolge dieses gänzlich anders arbeitenden Bildungssystems. Sie attestierten diesem, dass deren Schülerinnen und Schüler jenen in den normalen staatlichen Schulen in jeder Hinsicht weit voraus sind – „mindestens eineinhalb Jahre“, so die Feststellung der Offiziellen, und weitaus umsetzungskompetenter.

Das Projekt wurde frühzeitig in eine „Stiftung für die Anwendung modernen Wissens auf ländliche Entwicklung“ (FUNDAEC) überführt und von dieser seither konsequent weiterentwickelt. Der Erfolg ist auch messbar an Zahlen. Mehr als 30.000 Abiturienten wurden ausgebildet, ohne dass auch nur einer z.B. an Mathematik gescheitert wäre.

Die Prinzipien dieser neuen Bildung sind ein Exportschlager in ganz Lateinamerika. Viele kirchliche und private Schulen haben das Konzept übernommen. Das Gute ist, dass etwa 85 Prozent der FUNDAEC-Schülerinnen und Schüler trotz bester Studienaussichten in den ländlichen Regionen verbleiben und ihre Kräfte auf deren beste Entwicklung fokussieren.

Diese positiven Erfahrungen aus anderen Kulturen haben mich dazu motiviert, der Frage nachzugehen, was bei uns fehlt und zu so großer Frustration an unseren Bildungseinrichtungen führt.

Neue Wege in der Bildung gehen

Nun haben wir in Deutschland einen großen Tanker, den wir bewegen müssen, wenn wir das Bildungssystem betrachten. Seit etwa 15 Jahren führen wir, ausgelöst durch die PISA-Studien, eine Bildungsdebatte. Sehen Sie denn schon positive Entwicklungen?

Spiegel: Ja, sehr wohl. Es gibt positive Beispiele, die wir in den Blickpunkt rücken sollten. Ich habe einige Jahre die Konferenz „Vision Summit“ veranstaltet, die zweimal den Schwerpunkt Bildung hatte, und später die Nachfolgekonferenz „EduAction Bildungsgipfel“ konzipiert.

Wir wollten mit bereits umgesetzten Praxisbeispielen zeigen, wie Schule anders funktionieren kann. Diejenigen, die Schule schon anders machten, fühlten sich so ernst genommen und wertgeschätzt wie noch nie. Sie waren zudem vollkommen überrascht darüber, wie viele Akteure bereits Schule neu denken und gestalten. Die Konferenz bot ihnen neue Vernetzungsmöglichkeiten und ermutigte viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrerseits neue pionierhafte Projekte einer zukunftsgestaltenden neuen Bildung zu entwickeln und umzusetzen.

Wir haben uns für diese Konferenz nicht nur innerhalb des Bildungssystems nach Innovatoren umgeschaut. Leitend war die Frage: Wo finden wir auch innerhalb der Wirtschaft Anregungen, die wir im Bildungssystem aufgreifen können?

„Design Thinking“ ist so ein Beispiel, wo Menschen unterschiedlicher Disziplinen zusammenkommen, um ein Problem gemeinsam zu lösen und neue Ideen zu entwickeln.

Wir brauchen nicht immer auf die Bildungsadministration zu schauen, wenn wir Innovationen wollen. Wir können aus der unabhängigen Zusammenarbeit beim Design Thinking ganz neue Bildungstools und Kompetenzen entwickeln, die die Wirtschaft und Gesellschaft dringend braucht.

Sie wünschen sich einen Paradigmenwechsel weg von der reinen Wissensvermittlung hin zum Erlernen von Schlüssel-Kompetenzen. Müssen wir die Schulen dann nicht komplett umgestalten?

Spiegel: Wissen ist heute kein Engpass mehr. Eine der Schlüssel-Kompetenzen der Zukunft ist, sich völlig unterschiedliche Lernwege anzueignen: Praxislernen, durch Projekte Kompetenzen erwerben, Wissen konkretisieren, durch Erfahrungen lernen – in diese Richtung kann und sollte es viel mehr gehen. Darauf sind die Lehrer an den Schulen aufgrund ihrer auf kognitive Wissensvermittlung ausgerichteten Ausbildung heute kaum vorbereitet.

Leider beschreitet auch die Bildungsforschung oft nur ausgetretene Pfade. Ein positives Beispiel ist die Hochschulausbildung an der SRH Hochschule Heidelberg, die nach dem CORE-Prinzip (Competence Oriented Research and Education) arbeitet. Hier gilt das Prinzip, dass man am besten lernt, wenn man in Projekten arbeitet. Das Fachwissen wird durch die Projektanwendung vermittelt. Die Erfahrung ist, dass das Wissen dann systemisch in reale Praxisbedarfe eingeordnet werden kann.

Doch die Gräben in der Wissenschaft sind tief und Heidelberg ist nicht mehr als ein Leuchtturm, auf den andere nicht gerade mit großer Neugier schauen.

„Wir brauchen eine Wertschätzungskultur“

Ich möchte auf das Thema Geld schauen. Sind Sie bekümmert, wie wenig finanzielle Ressourcen in die Bildung fließen, um Dinge zu verändern?

Spiegel: Bedingt. Weltweite Studien der OECD zum Bildungsstand zeigen, dass nicht die Menge an Geld ein gutes Bildungssystem ausmacht, sondern der Blick auf die Qualität der Entwicklung von Lebensschlüssel-Kompetenzen. Natürlich wird Geld gebraucht, aber wir sollten die Diskussion nicht darauf verengen. Geld kann an den falschen Stellen ausgegeben werden. Es bindet Zeit, Kraft und ganze Bürokratie-Apparate, die ihre Legitimation daraus ziehen, dass sie dieses Geld verwalten.

Andreas Schleicher, der die PISA-Studien für die OECD koordiniert hat und dem immer noch der Ruf nachhängt, es ginge ihn um mehr Pauken, hat längst eine grundlegend andere Rangfolge der wichtigsten Lerndimensionen festgelegt, bei der der Wissenserwerb nur noch auf Platz vier landet.

Davor stehen die praktischen Schlüssel-Kompetenzen auf Platz drei, die Haltungen, wozu unter anderem soziale und Kommunikationskompetenz sowie die Achtsamkeit gehören, auf Platz zwei. An erster Stelle steht die Werteorientierung.

Damit sind nicht nur die traditionellen Werte gemeint, sondern auch die Werte, die notwendig sind, um die globalen Herausforderungen zu lösen, mithin also eine globale Problemlösungskompetenz im Sinne der 17 Ziele der nachhaltigen Entwicklung (SDGs) der Vereinten Nationen.

Akademikerkinder verfügen heute über eine etwa sechsmal so hohe Chance, ein Studium aufzunehmen wie junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern. Warum ist um die soziale Durchlässigkeit im deutschen Bildungssystem im Vergleich mit anderen OECD-Staaten so schlecht bestellt?

Spiegel: Wir brauchen eine ganz andere Wertschätzung für die Lehrerinnen und Lehrer. Für ihre wichtige Aufgabe benötigen sie nicht nur Unterstützung, sondern zu allererst Anerkennung. Auch hier gibt es eine Reihe von OECD-Studien, die zeigen, dass die soziale Durchlässigkeit in dem Maße sinkt, wie mangelnde Wertschätzung zu Frustration bei den Lehrkräften führt.

Außerdem brauchen wir eine hohe Wertschätzungskultur für alle Lernenden, beispielsweise für jene, die handwerkliche Berufe erlernen, aber auch für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund.

In all jenen Ländern, in denen Migranten besonders willkommen sind, weil die Bevölkerung weiß, dass deren Kinder und Jugendliche mit Offenheit und Wertschätzung ganz besondere Leistungen erbringen, ist deren Integration, Lerneifer und Lernerfolg radikal anders als das, was wir in Deutschland wahrnehmen mit einer relativ distanzierten Haltung und Erwartung.

Wir sollten im Kontext von Bildung nicht als erstes den Ruf nach immer mehr Personal erheben und die Probleme an den Schulen beispielsweise durch mehr Sozialarbeiter zu lösen versuchen, sondern auf mehr Wertschätzungskultur setzen. Wir sollten einer Lernkultur für den Erwerb von Werten, Haltungen und Kompetenzen eine völlig andere Bedeutung in allen Bildungseinrichtungen und -ebenen geben.

Doch gibt es dafür nicht auch zu wenig Vertrauen an die positiven Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen, an das „Gute“?

Spiegel: Ja natürlich. Ich habe beobachtet, dass die Folge von mangelndem Vertrauen oft ein noch Mehr an Bürokratie ist. Dies bedeutet mehr Gängelung und das wiederum behindert das Vertrauen und Zutrauen noch mehr. Wir brauchen aber weniger Bürokratie, damit sich beispielsweise Vielfalt und Achtsamkeit entwickeln können. Die Schulen brauchen ganz einfach mehr Freiraum, mehr Luft zum Atmen.

Foto WeQ Institute

Der Zukunftsforscher Peter Spiegel (67) ist Gründer und Leiter des WeQ Institute, das zu nachhaltiger Zukunftsgestaltung und einer „Wir-Orientierung“ arbeitet. Initiator und Programmleiter der Leitkonferenzen Vision Summit und EduAction Bildungsgipfel. Der Soziologe und Publizist ist Mitinitiator der Global Marshall Plan Initiative und vormals u.a. Generalsekretär des Club of Budapest International. Autor des Buches „WeQ Economy. Wege zu einer Wirtschaft für den Menschen“, 2019, das eine Hinwendung zu einer Wirtschaft mit Grundwerten wie Teilhabe, Empathie und Verantwortung skiziert.