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Die vergessenen Philosophinnen

Akademische Lücke: 11 moderne Denkerinnen

Ist die Philosophie eine Männerdomäne? Nein, sagt die Wissenschaftlerin Kristin Gjesdal. Sie stellt in ihrem Buch 11 Denkerinnen vor, die die Philosophie und moderne Geisteswelt maßgeblich beeinflusst haben, unter ihnen  Germaine de Staël, Rosa Luxemburg und Angela Davis.

 

Text: Maria Köpf

Vor vielen Jahren stellte die Philosophieprofessorin Kirsten Gjesdal im tradierten Kanon „großer Philosophen“ eine riesige Lücke fest – es fehlten die großen Philosophinnen, also Frauen, die in der Aufklärung, der Romantik und Neuzeit maßgeblich mitwirkten.

Kirsten Gjesdal portraitiert in ihrem Buch 11 Denkerinnen: Germaine de Stael, Karoline von Günderrode, Bettina Brentano von Arnim, Hedwig Dohm, Anna J. Cooper, Clara Zetkin, Lou Andreas-Salomé, Rosa Luxemburg, Gerda Walther, Simone de Beauvoir, Angela Davis.

Schon im Vorwort stellt die Autorin klar: Gemessen an ihren schriftlichen Werken und mündlichen Reden müssten sie Seite an Seite mit Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud genannt werden. In der akademischen Männerdomäne werde ihnen dieser Platz im philosophischen Kanon bis heute systematisch verwehrt.

Zum Beispiel Germaine de Staël, die zurzeit der französischen Revolution wirkte. Diese beeindruckende Frau war mit den bedeutenden philosophischen Werken ihrer Zeit vertraut.

Rousseaus Ideen zur untergeordneten Stellung der Frau kritisiert sie ebenso wie Kants Idealismus rund um die „Freiheit und Spontaneität des Ichs“, die sie als realitätsfern darstellte.

Doch obgleich Germaine de Staël ebenso wie andere Philosophinnen zu Lebzeiten selbst von berühmten Männern alter Schule geachtet wurde – so schwärmte Wilhelm von Humboldt über Germaine de Staëls Gedankengut in einem Brief an Goethe –  legte sich sofort nach ihrem Ableben der Schleier des Vergessens über sie.

Das ist Kirsten Gjesdal zufolge eigentlich unglaublich – bedenke man nur, dass sich selbst Napoleon von Germaine de Staëls Gedanken so bedroht fühlte, dass er Truppen ausschickte, um 10.000 Exemplare eines ihrer Bücher zu vernichten, bevor der Verlag sie ausliefern konnte.

Ihr provokantes Frauenbild wurde dem französischen Oberhaupt offenbar zu viel. Denn es reflektierte den Analysen Kirsten Gjesdals zufolge „das Bild einer starken und reflektierten Frau“, das sogar forderte, Frauen das Recht auf Scheidung zu gewaehren, wenn sie in ihrer Ehe unglücklich waren.

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Denkerinnen der Aufklärung, Romantik und Neuzeit

Dies ist nur ein Beispiel. Germaine de Staël war die erste Philosophin der Neuzeit, über deren Lebensweg einiges bekannt ist.  Kirsten Gjesdal portraitiert weitere zehn Denkerinnen und zieht eine Linie der frühen Feministinnen der Aufklärung, Romantik und Neuzeit.

Allen von der Autorin hervorgehobenen Frauen sei gemein, abgesehen von Karoline von Günderrode, dass sie den Code der Gesellschaft ablehnten, wonach positive Errungenschaften den Männern vorbehalten  waren.

Nicht alle waren mit den gleichen Vorzügen ins Leben gestartet: Einige der Frauen stammten aus der reichsten Oberschicht, wie de Staël, oder waren zumindest gut betucht oder adelig wie Bettina Brentano von Arnim oder Clara Zetkin.

Manche waren privilegierte Bildungsbürgerinnen wie Anna J. Cooper und Lou Andreas-Salomé. Doch allen war gemein, dass sie sich für die Belange von Frauen und oft auch für die Arbeiterschicht einsetzten. Einige von ihnen engagierten sich gegen die Sklaverei, wie die Amerikanerin Angela Davis, die in den 1970er Jahren gegen Rassismus kämpfte.

Das Buch ist sehr bereichernd, vor allem weil es viele Basiskenntnisse zu philosophischen Schulen vermittelt. Es verleitet dazu, länger in den Abend hinein zu lesen, als geplant war.

Immer wieder streut Kirsten Gjesdal erzählerische Beschreibungen ihres eigenen Lebens und ihrer anregenden Gespräche mit Studierenden ein. So springt ihre Faszination für die Tugendethik, für Politik, Gesellschaft und die Rolle der Frauen und andere Minderheiten auf die Leserinnen und Leser über.

Schade ist höchstens das zu breite Aufgebot an elf Philosophinnen. Doch es zeigt, wie Frauen aus dem akademischen Kanon der großen Philosophen ausgeschlossen wurden. Denn bis heute werden an Universitäten für die drei Epochen Aufklärung, Romantik und Neuzeit ausschließlich männliche Philosophen vorgestellt.

Kirsten Gjesdal: Rebellinnen der Philosophie. Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben. Hardcover-Buch, 336 Seiten, Eichborn Verlag, 1. Auflage 2025.

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