Foto: tiefpics/photocase.de
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Ein Leben im Zeitraffer

Eine Geschichte von Gabriele Georgi

Gabriele Georgi hat vor drei Jahren das kreative Schreiben begonnen. Lesen Sie ihre Kurzgeschichte über die Höhen und Tiefen einer Anwaltskarriere, die zum Nachdenken über das menschliche Leben anregt.

Während ich diese Geschichte erzähle, werde ich ein letztes Mal auf die kleine, goldene Uhr vor mir schauen. Als Schöpfer meiner Erzählung und Herr über meine Zeit werde ich nicht mehr als fünf Minuten für die ersten 48 Jahre meines Daseins benötigen.

Nach dem erfolgreichen Abschluss meines Jura-Studiums wirbelte mich die Zeit durch unzählig viele Strudel von Ereignissen, von denen ich mich immer schneller mitreißen ließ, ohne Luft zu holen oder gar am Ufer eine Pause einzulegen.

Ich war Anwalt geworden und gründete mit fünf jungen Kollegen eine Kanzlei. Hätten wir eine Fahnenstange vor der Tür gehabt, so wäre dort sicher auf blutrotem Grund eine Justitia in weißem Gewand, mit goldener Augenbinde und mit goldenen Waagschalen geflattert, so leidenschaftlich hatten wir uns der Gerechtigkeit verschrieben.

Anfangs konnten wir uns noch ganz gut unsere Zeit einteilen, bald aber hatten wir keine überflüssige Stunde mehr. Und dann ließen wir uns von hronos durch die Jahre hetzen oder wir rannten ihm hinterher, ohne ihn einzufangen, geschweige denn hielten wir an, um eine Bestandsaufnahme unserer bisherigen Erfahrungen machen zu können.

Natürlich rückte dabei das Komma der schwarzen Zahlen auf unseren Privatkonten immer mehr von links nach rechts. In gleichem Maße nahm auch unsere linke Gesinnung aus den Studientagen immer mehr rechte Züge an und unser anfänglicher Vorsatz, auch mittellosen Menschen ohne Honorar beizustehen, hatten alle, bis auf einen Kollegen, ganz und gar vergessen.

Inzwischen waren drei von uns verheiratet und zwei davon hatten eine Familie gegründet. Einer der Familienväter wurde wieder geschieden, und sie alle mussten gezwungenermaßen mehr Wert auf Geld verdienen, als auf Wohltätigkeit legen.

Einer von uns fünf entdeckte mit einem Mann seine Homosexualität und lebte sie mit allen Annehmlichkeiten und Problemen einer Ehe. Immerhin vertrat der aber noch unentgeltlich die Klienten, die nicht zahlen konnten. Der letzte der fünf wählte bewusst ein Single-Leben mit viel Arbeit, betäubenden Vergnügungen und ohne ernste Bindungen. Im Kreise seiner Freunde und Freundinnen spürte er nie Einsamkeit und ließ erst recht keine aufkommen.

Unermüdlich sorgte er dafür, dass immer etwas los war, wie spektakuläre Gerichtsverhandlungen, beeindruckende Feste, wilde Partys und nicht verpflichtende Affären mit Frauen. Er schwamm in seinem Reichtum wie ein unanständig fetter Ölfleck auf dem Meer. Er war auf seinem Höhepunkt angelangt und nur immer mehr Alkohol, mehr Zigaretten, Sex und Drogen konnten ihn vor einem Abtrudeln in die von ihm gefürchtete Mittelmäßigkeit und Langeweile noch eine gewisse Zeit bewahren und dadurch natürlich auch vor einer Beschäftigung mit sich selbst.

Er hatte sich zum Promi-Anwalt, über den man in Klatschspalten von Hochglanz-Illustrierten lesen konnte, aufgeschwungen und schaukelte, wie ein kleiner Junge, der keine Gefahren kennt, in schwindelerregende Höhen. Sie werden ahnen, lieber Leserinnen und Leser, das war ich.

Den ersten Infarkt in unserer Gruppe bedauerten wir zwar, aber er ließ uns noch nicht aufhorchen. Erst beim zweiten war etwas wie Sorge und Unruhe zu spüren und kurze Zeit später, vor ungefähr drei Jahren, brach ein Schlaganfall in unserer Mitte nicht nur in ein Menschenleben ein, sondern begann dadurch unsere Gemeinschaft noch nicht erkennbar, aber doch schon sanft spürbar, zu zerstören.

Plötzlich begann das Ticken der Uhren anders zu klingen. Der raue Ton schmerzte in unseren Ohren. Ausgerechnet mich hatte der Schlag brutal und unangekündigt getroffen, vielleicht haben sie es schon geahnt, werter Leser.

Im Hospital der „Barmherzigen Brüder“, in dem ich nach vielen Tagen wieder aufwachte, entschied ein höheres Gericht, das sicher hier eine Zweigstelle hatte, für mein Weiterleben. Was nützte mir jetzt die späte Erkenntnis, wie sehr meine Lebensweise mich kaputt gemacht hatte, wie schlecht ich für mich gesorgt hatte, dass ich nicht merkte, wie schlimm es um mich stand.

Immer hatte mir mein Beruf maßloses Vergnügen bereitet, darin war ich gut, ich war so gut, dass ich dachte, ich hätte alles im Griff und mir könnte keiner etwas vormachen. Die Kräfte der Todesangst rissen jetzt an mir, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.

Über die Endlichkeit meines Lebens nachzudenken, war mir bisher niemals in den Sinn gekommen, ich hatte ja auch keine Zeit dazu, wobei Sterben sowieso nur andere Menschen betroffen hatte, aber doch nicht mich. Mitempfinden, was da so panisch in mir vorging, konnte das eigentlich nur mein schwuler Kollege, der mich jeden Tag besuchte und mit mir redete, solange, bis meine Angst verschwunden war. Ich hatte ihn immer gemocht, obwohl ich seine Beziehung zu einem Mann nie nachfühlen konnte. Jetzt wurde er mein Freund, ein Freund, dem ich vertrauen konnte.

Der dann folgenden zehnjährigen Zeit widme ich nun drei Minuten, denn weniger ist manchmal mehr. Eigentlich war ich ganz gut davon gekommen, meinten die Ärzte aus der Reha, als sie mich nach Hause schickten. Meine linke Gesichtshälfte war unflexibler geworden und hing über das Kinn hinaus, gelähmt und ziemlich unschön, nach unten und beeinträchtigte meinen Mund beim Sprechen, das dadurch meistens in ein läppisches Lallen glitt. Auch mein linker Arm funktionierte nicht mehr wie vorher und schlingerte schlaff an mir herab, wie eine nutzlose Gummiklatsche.

Nach drei Plädoyers am Gericht, wo ich mir selbst mit meinen äußeren Handicaps lächerlicher vorkam, als die Menschen im Gerichtssaal das empfanden, beschloss ich, nicht mehr öffentlich aufzutreten. Die Scheu vor Frauen, die solch einen Krüppel aus Mitleid nicht mehr ansahen, wuchs in mir, wie meine Erinnerungen an den Sex mit ihnen.

Meine Kollegen hätten dieses erbärmliche Aushängeschild von Anwalt am liebsten im Keller versteckt, denn die Klientel nahm ab und damit rutschte das Komma auf den Saldo-Zahlen wieder nach links. Bis auf meinen schwulen Freund, Gerhard, mieden sie mich alle so gut es ging. Und ich begriff in dieser Zeit, wie allein ich war und wie sehr das schmerzte.

Einen letzten Fall wollte ich noch abschließen und bestellte meine Mandantin ein, eine Scheidungssache, die mich nicht viel Kraft kosten würde. Danach wollte ich vorzeitig in Rente gehen. Als sie in mein Zimmer trat, erkannte ich sofort Ines, eine alte Bettgenossin, die ich damals ziemlich brutal abserviert hatte. Als sie auf mich zukam, nahm sie nicht meine rechte, sondern die baumelnde, linke Hand und drehte und schüttelte meinen Arm, der das erbärmlich widerstandslos erdulden musste. Darauf kniff sie mehrmals in meine linke Backe und grinste mich gehässig an. „ Lieber Rainer, ich freue mich so, dich wiederzusehen. Du hast dich sehr verändert, kaum zu glauben, was alles mit einem passieren kann.“

Ich schaute in ihre Augen, von denen ich kein Mitleid zu erwarten hatte. Aber was wollte sie von mir? Sich nach so vielen Jahren immer noch an mir rächen, das wäre ihr wohl jetzt an diesem hilflosen Krüppel gelungen, dachte ich. Sie öffnete ihre Tasche und legte eine Geburtsurkunde auf den Schreibtisch. „Das ist deine siebenjährige Tochter, die mit einem Down-Syndrom in einem Heim lebt. Nach einem Vaterschaftstest will sich jetzt mein Mann von mir scheiden lassen, und so wirst du ab jetzt gefälligst für sie sorgen!“ Sie knallte die Adresse des Pflegeheims mit entsprechender Bankverbindung auf meinen Tisch und verließ schnurstracks das Büro. Ich war fassungslos.

Noch eine Minute brauche ich für die nächsten zehn Jahre, an deren Ende meine Erzählung aufhört. Ich verkaufte die Kanzlei an meine Mitstreiter, von denen ich mich innerlich so weit entfernt hatte, dass sie mir fremd und fast schon unmenschlich erschienen.

Bis auf Gerhard natürlich, mit dem ich an dem Tag, an dem ich meine persönlichen Dinge aus meinem Kanzleizimmer eingepackt hatte, im Straßencafé um die Ecke noch ein Glas Wein trinken wollte. Es waren zwei schöne Stunden, in denen wir uns noch einmal unserer Freundschaft versicherten.

Keiner hatte das Auto sehen können, das wie aus dem Nichts auf den Fußgängerweg zuraste, weil der Fahrer zu viel Promille im Blut hatte. Gerhard musste dabei sterben, und sein Lebensgefährte und ich betrauerten ihn mit wunden Herzen.

Ich bin seitdem querschnittsgelähmt. Ich habe gelernt, mich rollenderweise durch mein Leben zu bewegen, wobei der Weg, auf dem ich rolle, immer öfter zu mir selbst führt. Die Zeit hat für mich eine Qualität bekommen, in der jeder Augenblick kostbar ist. Egal, ob ich Nachbarn und Hilfesuchende kostenlos in rechtlichen Angelegenheiten berate, ab und zu meine kranke Tochter besuche, ein gutes Gespräch mit einem Freund führe, mich in ein Buch vertiefe oder einfach nur im Park den Enten zusehe, ich schätze jede einzelne Minute. Dazu brauche ich ausschließlich meinen Kopf, und der funktioniert noch immer ausgezeichnet. Weder eine Uhr noch eine vorgegebene Zeit stören mich. Für mich ist immer Jetzt, egal wie lange es dauert.

Gabriele GeorgiGabriele Georgi schloss ihre Berufsausbildung zur Buchhändlerin und Handelsfachwirtin ab und eröffnete 1996 eine eigene Buchhandlung, die sie bis 2011 betrieb. Danach widmete sie sich der Theorie und Praxis des Schreibens. In einer Werkstatt für kreatives Schreiben bei Andrea Liebers wagte sie sich vor drei Jahren erstmals an Kurzgeschichten heran.

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