Charles Taylors Weg zu Romantik und Poesie
Als einer der einflussreichsten Philosophen der Gegenwart wendet sich Charles Taylor in seinem neuen Werk der Poesie zu. Es ist seine Antwort auf die Entfremdung und Zerstörung, die wir heute erleben. Sein Anliegen ist, wie wir uns wieder mehr mit dem Leben verbinden können und dabei politisch bleiben.
Charles Taylor gilt als einer der wichtigsten Philosophen unserer Zeit. Seine vielen Veröffentlichungen haben weitreichende Impulse im Verständnis des Menschen in der Moderne angeregt. Sein Thema sind die großen Dilemmata unserer Kultur.
In seinem 1989 erschienenen Buch Die Quellen des Selbst beispielsweise untersuchte er die Entstehung des modernen Individualismus. Wie konnte ein getrenntes, isoliertes Selbst entstehen, das eine der Ursachen der heutigen ökologischen, sozialen und spirituellen Krisen wurde?
Taylor bezeichnet dabei die moderne Form der Individualität als das „gepufferte“ Selbst, in dem wir uns von der Welt abschneiden und unter Entfremdung leiden. Einen weiteren Grund für diese Entfremdung sieht Taylor im Prozess der Säkularisierung, den er in seinem zweiten Hauptwerk Ein säkulares Zeitalter von 2007 nachvollzieht.
Hier zeigt er auf, wie die liberalen Gesellschaften erfolglos versucht haben, sich der Religion zu entledigen. Für Taylor hat der Prozess der Säkularisierung auch viele positive Seiten, wie die Entstehung demokratischer Gesellschaften. Aber er lehnt die These ab, dass Religionen in offenen, demokratischen Gesellschaften keine Rolle mehr spielen oder spielen sollten.
Politischer Philosoph und Katholik
Taylor ist nicht nur Philosoph, sondern auch gläubiger Katholik. Er plädiert sowohl für ein neues Verständnis von Religion als auch eine Offenheit in demokratischen Gesellschaften für den Wert und die Relevanz religiösen Lebens.
Dabei argumentiert er für einen religiösen Pluralismus, wenn er sagt: „Ich bin davon überzeugt, dass Wege nach vorn uns nicht zu einer universellen einzigen Form von Spiritualität führen können, sondern dass die Wege so irreversibel vielfältig sind wie die Spiritualitäten, aus denen wir Menschen uns nähren.“ (Interview in der ZEIT 30/2024: „Wie kommt der Zauber zurück in die Welt?“)
Neben diesen philosophischen und religiösen Gedanken ist Taylor zudem ein ausdrücklich politischer Philosoph, der sich in vielen Veröffentlichungen über die Krise der Demokratie geäußert hat und darüber nachdenkt, wie ein Gemeinwesen gestaltet werden kann, das eine demokratische Kultur begründet. In Kanada, wo er lebt, hat er sich auch immer wieder politisch engagiert.
Mit Sprache gestalten wir die Welt
In einem späten Hauptwerk, dem 2017 erschienenen The Language Animal (dt. Das sprachbegabte Tier), hat er sich mit der Bedeutung unserer Sprachbildung beschäftigt.
Hier bezog er sich auf die Gedanken der deutschen Romantik, insbesondere Humboldt, Herder und Hamann. Der Grundgedanke ist, dass wir durch Sprache nicht einfach die Dinge benennen, die wir in der Welt vorfinden, sondern sie durch Sprache immer auch mitgestalten.
Für Taylor ist eine Sprachform, die diese schöpferische Dimension unseres sprechenden Menschseins besonders betont und erforscht, die Poesie. Ihr widmet sich Taylor in einem neuen umfangreichen Werk, an dem er in den letzten 30 Jahren arbeitete.
Er versteht es als eine „Anwendung“ der Ideen seines Bandes Das sprachbegabte Tier. In dem Werk Cosmic Connections: Poetry in the Age of Disenchantment will er die poetischen Gedanken der Romantik, insbesondere der Frühromantik, und von Dichtern, die sich in der Folge darauf beziehen, als eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit zugänglich machen.
Auf seinem denkerischen Weg hat ihn die Poesie immer begleitet, seitdem er als 15-Jähriger die Lyrik von John Keats las. Mit seinem neuen Buch möchte er nun, mittlerweile 94-jährig, „das Programm der Romantik philosophisch fortsetzen.“ (ZEIT-Interview und „Cosmic Connections“ 2024)
Mit der Romantik eröffnet sich die Welt der Subjekte
Seine Grundthese ist, dass wir Zugänge zu Erfahrungen der Verbundenheit verloren haben. Solche Erfahrungen bringen uns aber erst in eine Beziehung mit der Welt, können uns das Gefühl von Zugehörigkeit und Verantwortlichkeit schenken, aus dem Sinnempfinden und ethisches Verhalten entstehen.
In Anknüpfung an seine früheren Werke zum Entstehen des modernen Individuums sieht er in der Romantik eine Form des Denkens und Lebens, in der sich das moderne freie, unabhängige Subjekt herausbildet.
„Erst mit der Romantik öffnet sich die Welt der Subjekte“, erklärt Taylor. „Um 1800 hat sich in Europa eine Revolution der Empfindungsfähigkeit vollzogen, die alles verändert hat und bis heute wirksam ist.“
Gleichzeitig wird in der Frühromantik die Getrenntheit und Einengung, die aus einer „Pufferung“ des Selbst entstehen kann, kritisch befragt und es werden Möglichkeiten erforscht, Erfahrungen der kosmischen Verbundenheit zu erleben, zu denken und schöpferisch zum Ausdruck zu bringen.
Die Poesie lässt Zwischenräume zu
Taylor ist klar, dass wir heute neue Ausdrucksformen oder Beschreibungen dieser Verbundenheit brauchen: „Mir geht es in meiner Arbeit um die Beziehungen des Menschen zur umgebenden lebendigen Natur, die uns etwas bedeutet. Diese kosmische Verbundenheit ist eine Quelle von Kraft und Sinn, aus der sich das moderne Selbst nährt.“ (ZEIT-Interview)
In der Romantik wird versucht, Erfahrungsräume der Verbundenheit zwischen Mensch und Welt, zwischen Gefühl und Verstand, zwischen Wissenschaft und Kunst offen zu halten und zu erforschen.
Den Zugang zu diesem Resonanzraum des Dazwischen bezeichnet Taylor als einen epistemischen Rückzug, in dem wir nicht nur nach einem vollständigen Verstehen und Wissen, sondern auch Raum lassen für das Staunen, das Geheimnis und das, was wir nicht wissen:
„Mir geht es um einen epistemischen Rückzug, und das soll heißen: nicht immer bloß auf wissenschaftliche Erklärung orientiert und fixiert sein, sondern auch die Macht des Unerklärlichen und des Unverfügbaren spüren. Die Poesie lässt zwischen dem Subjektiven und der physischen Welt offene Spielräume der Erfahrung und der Deutung, und in diesem Dazwischen kann entstehen, was uns verzaubert.“ (ZEIT-Interview)
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Ethik der Verbundenheit
Als politischen Philosophen und Aktivisten geht es Taylor aber nicht nur um eine individuelle Öffnung für Erfahrungen der „kosmischen Verbundenheit“ oder „Wiederverzauberung der Welt“. Taylor sieht in den Erfahrungsräumen unserer Ungetrenntheit von der Welt wichtige ethische Implikationen.
Trotz aller Rückschläge geht er von einem moralischen Fortschritt aus: „Ethisches Wachstum kann es nur in deren wechselseitiger Anerkennung und Versöhnung geben, auch wenn wir gegenwärtig Rückschläge erleben. … Die Geschichte hat die Form einer Spirale.
Menschen verfügen über eine Offenheit gegenüber der umgebenden Welt, die ihnen etwas zu sagen hat und mit der sie in vielfältiger Weise in Beziehung stehen. Von dieser Offenheit auszugehen, ist auch inmitten von Katastrophen nicht unvernünftig.“ (ZEIT-Interview)
Diese Offenheit versetzt uns als Menschen in eine Haltung des poetischen Staunens, in der wir auf die lebendige Welt lauschen und antworten können. Eine solche Empfänglichkeit ist für Taylor auch eine Quelle ethischen Lebens:
„Beides ist notwendig: ein politisch wirksames vernünftiges Handeln gegen die ökologische Zerstörung und ebenso ein Denken, das uns Menschen als Winzlinge in einer umfassenden Ordnung wahrnimmt, die durch unser Handeln ihre machtvolle Schönheit verlieren kann und gerade uns etwas zu sagen hat. Der Kampf gegen den Klimawandel muss durch eine Koalition dieser beiden Kräfte erfolgen.“
Quellen:
- Charles Taylor, Cosmic Connection. Poetry in the Age of Disenchantement, Harvard University Press 2024
- Charles Taylor im Interview mit der ZEIT, Ausgabe 30/ 2024: „Wie kommt der Zauber zurück in die Welt?, 30/ 2024, online für Abonnenten
- Charles Taylor bei Sternstunde Philosophie
Mike Kauschke
ist fester, freier Autor bei Ethik heute. Zudem arbeitet er auch als Übersetzer, Dialogbegleiter und als Redaktionsleiter beim Magazin evolve. Er begleitet auch die Online-Dialoge im Netzwerk Ethik heute. www.mike-kauschke.de
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