Foto: Michael Schrenk
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Eine Unternehmerin setzt auf den Menschen

Das Geheimnis der Textilfirma von Sina Trinkwalder

In der Textilfirma manomama arbeiten ausschließlich Menschen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Für die Gründerin Sina Trinkwalder ist der Mensch das Geheimnis ihres Erfolges: Respekt, ein gutes Miteinander ist für sie die Basis.

1999, mit gerade einmal 21 Jahren, hatte Sina Trinkwalder schon ihre eigene Werbeagentur, die sie zusammen mit ihrem Ehemann führte. Sie war erfolgreich und führte ein Leben, das sie in ihrem Buch „Wunder muss man selber machen. Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stelle“ so beschrieb: „Ein großes Auto, mit 25 schon fünf Rolex-Uhren und jeden Abend essen gehen“. Erfolg, Geld und Spaß dominierten ihr Leben, das ganz vom Job bestimmt war.

Doch schon damals stellte sie in manchen Stunden fest, dass sie im Grunde ein verantwortungsloses Leben führte. Mit der Geburt ihres Sohnes stellte sie sich zunehmend der Frage, was sie in ihrem Job denn wirklich tat: War das eine sinnvolle Arbeit, hatte sie eine positive Wirkung auf die Gesellschaft?
Nein, das war es nicht und so zog sie mit Ende 20 schonungslos Bilanz. Sie wollte ihrem Sohn das zurückgeben, was sie als eine Welt kennen gelernt hatte, die in ihrer Kindheit noch einigermaßen in Ordnung schien – eine Welt mit weniger Gier, frei von maßlosem Konsum, mit einer intakten Umwelt und einem zwischenmenschlichen Umgang, der von Fairness und Ehrlichkeit geprägt ist. In ihrem Buch bringt sie es auf eine einfache Formel: Sie wollte die Welt verbessern.

Über 100 Näherinnen beschäftigt

Sina Trinkwalder ist ein tatkräftiger Mensch und so machte sie sich bald daran, ihren Entschluss umzusetzen. Um neue, unkonventionelle Ideen ist sie nie verlegen. Sie beschäftigte sich mit der Geschichte ihrer Heimatstadt Augsburg, einst eine deutsche Hochburg der Textilproduktion mit mehr als 40.000 Beschäftigten. Doch in den 1970er Jahren veränderte sich dieser Industriezweig in Deutschland gewaltig. Viele Firmen mussten schließen, weil sie auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig waren. Wer weitermachte, ließ in anderen Ländern produzieren, z.B. in Asien, wo die Lohnkosten niedriger sind.
Doch was geschah mit den deutschen Näherinnen? Älter geworden waren sie und galten in ihrer Branche in Deutschland als chancenlos. Viele wurden arbeitslos, andere hielten sich irgendwie mit Hilfs-Tätigkeiten über Wasser.

Sina Trinkwalder eröffnete 2010 in Augsburg eine Näherei. Dafür erlernte sie zuerst einmal selbst das Nähen und arbeitete sich in die Welt der Stoffe ein. Ihr erspartes Kapital steckte sie in das neue Unternehmen, das sie „manomama“ nannte. Die Manufaktur sollte über das Internet selbst hergestellte Kleider und T-Shirts verkaufen. Ein risikoreiches Unternehmen in diesen Zeiten.

Trinkwalder brauchte dafür Geschäftspartner. Die Unternehmerin wusste schon immer zu überzeugen. So auch den Chef der Drogeriemarktkette dm, Erich Harsch, der mit ihr eine Kooperation für Einkaufstaschen anschob. Damit konnten 40 Näherinnen eine neue Anstellung erhalten. Inzwischen gehören auch Edeka und real zu ihren Kunden und die Anzahl der beschäftigten Menschen ist in fünf Jahren auf über 150 angewachsen.

Es gibt keine Hierarchien

Trinkwalder setzt auf Menschen und deren Power: ihre eigene und die des Teams. Sie beschäftigt ausschließlich Menschen, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben: Alleinerziehende, Behinderte und Langzeitarbeitslosen. Die Stundenlöhne liegen bei mindestens 10 Euro für alle.
Die Firma verfolgt das Prinzip der regionalen Wertschöpfung. In einem Bericht bei Spiegel Online hat sie das Prinzip so erklärt: „Teilhabe an der Gesellschaft geht nur über Arbeit. Nur wenn wir möglichst viel vor Ort produzieren und auch einfache Arbeiten anbieten, können wir den regionalen Wirtschaftskreislauf in Schwung halten.“ Dabei erwartet sie nichts von der Politik, sondern sieht die Unternehmen in der Verantwortung.

So etwas wie Führung im gewöhnlichen Sinne gibt es bei manomama nicht. In der Werkshalle hängen Zettel, in denen die Prinzipien der Zusammenarbeit aufgeschrieben sind: „Wir sind alle gleich. Wir sind ehrlich zueinander. Wenn mir etwas nicht gefällt, sage ich es. Wir halten zueinander. Wir sind manomama.“
Sina Trinwalder kommentiert: „Wir entscheiden alle zusammen und sind ein hierarchiefreies Unternehmen. Wer Lust hat mitzuwirken, macht einfach mit bei der Entscheidungsfindung. Einzig in höchster wirtschaftlicher Not, müsste ich allein entscheiden.“ Dass es soweit nicht kommt, dafür sorgt die Chefin selbst.

Ihre Prinzipien wirken einfach, klar und verständlich. Und sie sind von menschlichen Werten getragen: „Ich setze auf Sinn, Sicherheit und Wertschätzung. Die Basis menschlichen Handelns sollte der Respekt gegenüber dem Menschen sein. Dann funktioniert auch soziales Miteinander und Gemeinschaft“, so Sina Trinkwalder im Gespräch mit Ethik heute. Und das ist auch das Geheimnis ihres Erfolges. Denn heutzutage gibt es nur wenige deutsche Textilunternehmen, die nicht im Ausland produzieren lassen. manomama gehört dazu.

Stefan Ringstorff

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