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Enttäuschung kann ein Weckruf sein

Foto: Unsplash I Sarah Kilian

Eine philosophische Erkundung

Mit Enttäuschungen konstruktiv umgehen zu können ist Teil der Lebenskunst. Die Philosophin Ina Schmidt ermutigt in Anlehnung an Camus, Sartre und die Stoiker dazu, Enttäuschungen zu akzeptieren und idealisierte Vorstellungen zu überprüfen. Nur so kann man auch in der Krise handlungsfähig bleiben.

Text: Dr. Ina Schmidt

 

Schon seit Wochen freuen wir uns auf die Auszeit am Meer, und dann kommt die Grippe. Oder das Konzert unserer Lieblingsband ist so schnell ausverkauft, dass wir keine Tickets mehr bekommen. Und obwohl wir uns gründlich auf ein Bewerbungsgespräch vorbereitet haben, erhält jemand anders den Job.

All diese Momente haben etwas gemeinsam: das Gefühl der Enttäuschung. In manchen Momenten steht die Enttäuschung uns plötzlich ins Gesicht geschrieben, sie kann sich aber auch schleichend einstellen, wenn in uns eine Erkenntnis wächst: Manche Dinge werden sich nicht mehr ändern, ein bestimmter Wunsch nicht mehr erfüllen, ein Lebenstraum ist geplatzt.

Etwas, das wir erwartet haben, tritt nicht ein, wir haben uns getäuscht, und eben genau das gilt es anzuerkennen. Wir wissen, dass es anders ist, als erhofft oder erwartet – und zwar schlechter.

Aber muss das Empfinden von Enttäuschung deshalb ebenfalls rein negativ sein? Könnte Sie auch zu einer konstruktiven Form der „Ent-täuschung“ führen und damit zu einem klareren Bild für die Wirklichkeit, in der wir gerade eines Besseren belehrt werden?

Enttäuscht ist, wer eine Erwartung hatte

Damit wir von etwas oder jemandem enttäuscht sein können, müssen wir eine Erwartung an eine Person, den Verlauf einer Situation oder eines Ereignisses gehabt haben. Nicht immer sind wir uns dieser Vorstellung bewusst und nicht selten werden wir tatsächlich erst dieser Kluft gewahr, wenn wir spüren, dass wir enttäuscht (worden) sind.

Es muss also nicht zwingend um ein Scheitern, einen Verlust oder eine existenzielle Krise gehen, sondern um eine „Nichtübereinstimmung“ von Erwartung und tatsächlichem Erleben und dies kann auch in vermeintlich kleinen oder banalen Zusammenhängen stattfinden.

In jedem Fall ist das Empfinden von Enttäuschung immer ein Moment, in dem wir innehalten können, um dem nachzugehen, was da nicht in Deckung zu bringen ist und warum.

Welches Empfinden ringt hier mit welchen Bewertungen oder Vorurteilen? Wovon bin ich in meinen Erwartungen wie selbstverständlich ausgegangen: Wie hat eine gute Freundschaft auszusehen? Welches Recht habe ich auf einen beruflichen Aufstieg? Was schuldet das Leben mir und tut es das eigentlich überhaupt?

Enttäuschungen fordern uns auf und heraus, den Blick auf die eigene Perspektive zu richten und mögliche Alternativen zu entwickeln – ein neues Zusammenspiel aus Erwartungen und realistischen Umsetzungsmöglichkeiten oder Handlungsspielräumen zu entwerfen und neue Wege zu finden, die wir eben nicht erwartet hatten.

Sisyphos – ein glücklicher Mensch?

Dieser Prozess des Hinterfragens kann im besten Fall dazu führen, dass die eigenen Widerstandskräfte gestärkt und wir ermutigt werden, Scheitern als notwendigen Bestandteil eines lebenslangen Lernprozesses zu betrachten.

Darin liegt weniger die simple Idee, in jeder Krise eine Chance zu sehen und die Enttäuschung zu einer persönlichen Sinnquelle umzudeuten.

Vielmehr geht es um die Akzeptanz einer philosophischen Notwendigkeit: Dass es dem Leben innewohnt, uns in unseren Erwartungen zu enttäuschen. Einfach weil es zu komplex ist, um den Plänen und Vorstellungen einzelner zu entsprechen. Immer wieder kommt etwas dazwischen und hin und wieder ist das ziemlich enttäuschend.

Denn in all den komplexen Wechselwirkungen geht es ungerecht zu, und wir können nicht an allem etwas ändern. Das mag eher frustrierend und wenig ermutigend klingen, und doch gehen Menschen sehr unterschiedlich mit Erfahrungen um, in denen sie Enttäuschung erleben.

Eine Denkschule aus dem 20. Jahrhundert macht menschliche Enttäuschung auf besondere Weise zum Thema: Die Existenzphilosophie bzw. der französische Existenzialismus, der besonders von Denkern wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus vertreten wurde.

Diese philosophische Strömung versucht in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zur „Existenz“ des menschlichen Daseins vorzudringen, egal wie widrig oder krisengebeutelt die Zeiten auch sein mochten.

Die Akzeptanz von Leid und Not, von Sorge und Unsicherheit war Teil der philosophischen Denkanstrengung. Albert Camus forderte sogar dazu auf, sich den ewig scheiternden Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen, der beständig und immer wieder aufs Neue die Aufgabe annimmt, seinen Stein den Hügel hinaufzurollen.

Kein Leben kann je in der Lage sein, alle Erwartungen zu erfüllen, und die bestmögliche Annäherung daran liegt nach Ansicht der Existenzialisten darin, Vergänglichkeit und Unsicherheit anzunehmen.

Diese Akzeptanz führe erst zu einer angemessenen Lebensweise, so dass Sartre in dieser Sicht auf die Welt den eigentlichen Humanismus erkennen will.

Es gilt, die eigenen Erwartungen neu und anders auszurichten und die mit ihnen möglicherweise verbundene Enttäuschung zu einem notwendigen Bestandteil der eigenen Entwicklung zu machen. So könne man zu einem tieferen Verständnis seiner Selbst und der Beziehung zur Welt gelangen.

Idealisierte Wunschbilder überprüfen

Die Frage ist also, wie wir mit dem Enttäuschtsein und den Ursachen, die zu dieser Erfahrung geführt haben, umgehen und wie mutig wir sind, uns dieser Auseinandersetzung zu stellen.

Auch der dänische Denker Søren Kierkegaard, ein Vordenker des Existenzialismus, sah in der Enttäuschung so etwas wie einen Weckruf, den wir nutzen können, um illusorische Vorstellungen und idealisierte Wunschbilder zu überprüfen.

In seinem Werk „Die Krankheit zum Tode“, beschreibt er das Gefühl der Verzweiflung als eine Form der Enttäuschung, die aus der Diskrepanz zwischen dem wahren Selbst und dem idealisierten Selbstbild entsteht.

Er hält sich nicht mit den Erwartungen an andere oder dem Erreichen von Zielen auf, sondern richtet den Blick auf sich selbst. Er argumentiert, dass wahre Erfüllung nur durch die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz und durch die Annahme eines höheren Sinns möglich ist.

Um sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, müssen wir den „Sprung ins Ungewisse“ wagen, so Kierkegaard: Nur so stellen wir uns den existenziellen Fragen des Menschen nach Sinn, Freiheit und Verantwortung. Sowohl als moralische Debattenpfeiler, aber auch ganz konkret und pragmatisch.

Unser YouTube-Kanal

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Was steht in unserer Macht – und was nicht?

Auch im Denken der Stoiker, wie z.B. bei Epiktet, finden sich wichtige Einsichten im Umgang mit Enttäuschung. Für ihn lag der Schlüssel weniger darin, zu ergründen, was Enttäuschung sei oder wie sich der Mensch auf seine Existenz besinne, sondern in der recht pragmatischen Frage: Was steht in unserer Macht – und was nicht?

Wenn wir die Grenzen des Handelns erkennen und anerkennen, dann gibt es auch in den Erwartungen an die Folgen unserer Handlungen weniger Raum für Enttäuschung.

Gemeint ist dabei aber nicht, sich ständig mit der kleinsten denkbaren Lösung zufriedenzugeben, um nicht enttäuscht werden zu können. Vielmehr ist es ein Aufruf, sich darauf vorzubereiten, dass das, was man sich vorgestellt hat, nicht eintritt.

Man bereitet sich also auf mögliche Folgen vor, die im Rahmen des Machbaren und Denkbaren liegen, im Guten, aber eben auch im Schlechten: Heute würden wir das als „worst case scenario“ bezeichnen, wobei wir uns auch hier verschiedene Ausgänge vorstellen können.

Handlungsfähig bleiben

Ganz schlicht: Wenn ich mich wahrhaftig auch mit den unerwünschten, aber möglichen Folgen des eigenen Tuns beschäftige, kann ich eine Enttäuschung einkalkulieren, auch wenn ich dadurch dem schmerzhaften Gefühl nicht aus dem Weg gehen kann.

Die Idee ist nicht, Enttäuschungen zu vermeiden, sondern vielmehr sich im Angesicht einer nicht erfüllten Erwartung mit anderen, neuen Möglichkeiten wieder in den Raum des Möglichen zurückzukämpfen und handlungsfähig zu bleiben.

Die Auszeit am Meer kann man nachholen und vielleicht ist das Wetter dann sogar noch besser. Die Lieblingsband tritt möglicherweise in einer anderen Stadt auf, und ich mache gleich ein ganzes Wochenende daraus.

Dass es mit dem Job nicht geklappt hat, muss verarbeitet werden, aber wer weiß, ob es nicht auch die Möglichkeit gibt, beruflich einen anderen Weg einzuschlagen? Nicht immer lässt sich aus dem Gefühl der Enttäuschung ein Neuanfang machen. Aber die Enttäuschung zwingt uns, eine Erwartung über Bord zu werfen.

Und so wäre es klug, aus dem, was neu entsteht, das Bestmögliche zu machen – auch wenn es vielleicht nicht immer genau das ist, was wir erwartet hatten.

Foto: privat
Foto: privat

Dr. Ina Schmidt

ist Buchautorin, Gründerin einer philosophischen Praxis und Referentin. Sie hat Kulturwissenschaften und Philosophie studiert. Ihre Doktorarbeit prägte ihren Wunsch, Philosophie im Alltag zu fördern. Sie hält Vorträge, Hochschulvorlesungen und Gremientätigkeiten. Ihre jüngsten Sachbücher: „Die Kraft der Verantwortung“ in der Edition Körber (2021) und „Wo bitte geht´s zum guten Leben?“ im Carlsen Verlag (2022). Ihr jüngstes Kinderbuch: “Das kleine Ich auf der Suche nach sich selbst” im Carlsen Verlag (2021).

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