Wie Laien bei psychologischen Problemen helfen können
Psychische Gesundheitsprobleme sind weit verbreitet, doch zu wenige Menschen wissen, wie man Betroffene unterstützen kann. Jetzt gibt es Erste Hilfe-Kurse für die seelische Gesundheit. Sie versetzen die Teilnehmenden in die Lage, Symptome psychischer Erkrankungen bei anderen zu erkennen, anzusprechen und den Menschen beizustehen.
Ein Drittel der Deutschen sind jährlich von psychischen Gesundheitsproblemen betroffen. Das heißt, in jedem Betrieb, jedem Büro, jedem Klassenzimmer, jedem Verein und jeder Arztpraxis gibt es jemanden.
Aber während viele schon einmal einen Erste Hilfe-Kurs für die körperliche Notfallversorgung absolviert haben, ist die Erste Hilfe für die psychische Gesundheit „Mental Health First Aid“ (MHFA) deutlich weniger bekannt.
Entwickelt wurde das Programm in Australien. In den letzten 25 Jahren hat es sich zu einer Bewegung mit acht Millionen Ersthelfenden weltweit entwickelt.
Fast 400 Forschungsarbeiten belegen die Wirksamkeit des Programms: Wer einen solchen Kurs besucht hat, so die Ergebnisse, verfügt nicht nur über ein besseres Wissen, sondern hat auch ein größeres Handlungsrepertoire in praktischer Hilfe und traut sich zu, Menschen mit psychischen Störungen beizustehen.
Die Psychotherapeutin Dr. Simona Maltese aus dem Leitungsteam von MHFA Ersthelfer in Deutschland sagt: „Ich habe für diese Aufgabe Feuer gefangen und es hat mich nicht mehr losgelassen.“ In Deutschland ist das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim Träger des Programms MHFA Ersthelfer.

In den letzten fünf Jahren wurden mehr als 450 Instruktorinnen und Instruktoren geschult. Sie rekrutieren sich aus Fachleuten der Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Pflege oder Sozialpädagogik.
Die Fortbildung hilft ihnen, niederschwellig und praxisnah Laien die Erste Hilfe für psychische Gesundheit zu vermitteln. Seit 2020 wurden so insgesamt 50.000 Ersthelferinnen und -helfer, in Präsenz und online, ausgebildet. Sie kommen aus allen Berufs- und Altersgruppen.
Den Teufelskreis des Schweigens durchbrechen
Die 12-stündigen Kurse vermitteln, wie man Symptome für Depressionen, Angststörungen, Substanzabhängigkeit oder Psychosen erkennt. Darüber hinaus wird geübt, hinzusehen, Veränderungen anzusprechen und zu handeln.
Ein einfaches „Ich mache mir Sorgen um Dich!“ ist oft der erste Schritt, weiß Maltese. Das Angebot, gemeinsam Hilfe zu suchen, kann in vielen Fällen Schlimmeres verhindern. Ein wichtiger Punkt, denn gerade bei psychischen Erkrankungen ist die Prognose bei frühzeitiger Behandlung deutlich günstiger.
Betroffene von psychischen Gesundheitsproblemen, sagt die Expertin, „wünschen sich vor allem Akzeptanz, Zuspruch und über Probleme reden zu können“. Aber: So groß das Bedürfnis ist, dass ihnen zugehört und geholfen wird, so sehr fürchten sie negative Reaktionen durch das Umfeld. Das wiederum spüren Angehörige, Freundeskreis, Kolleg:innen und tun häufig nichts. Und genau so beginnt der Teufelskreis des Schweigens, den die Kurse durchbrechen.
Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Gebraucht wird aber psychische Stabilität und die Motivation, eigene Unsicherheit überwinden zu wollen. Während des Kurses werden auch Ängste ausgeräumt. Zum Beispiel die Sorge, durch Gespräche über Suizid Menschen erst auf den Gedanken zu bringen.
„Es ist wissenschaftlich belegt, dass das nicht stimmt“, unterstreicht Maltese. „Die meisten Menschen wollen nur das Leiden beenden, nicht ihr Leben. Wer mögliche Suizidgedanken anspricht, kann Leben retten.“
Helfen ist gut, aber man muss wissen, wie
Um Erste Hilfe zu leisten, benötigen die Teilnehmenden Grundwissen. Sie sollten erkennen, wann ein psychisches Gesundheitsproblem vorliegt und sich eine Krise entwickelt. Sie sollen auf keinen Fall Anzeichen oder Symptome ignorieren oder annehmen, diese würden wieder von selbst weggehen.

Praktische Übungen, Videobeispiele, ein ausführliches Handbuch und eine vertrauensvolle Gruppendynamik vermitteln Handlungssicherheit. Weiterhin bekommen die Teilnehmenden ein einfaches Handlungsprinzip vermittelt, welches nach dem Baukasten-Prinzip flexibel in unterschiedlichen Situationen angewendet werden kann.
Dabei geht es darum, aufmerksam zu sein, wenn nahestehende Menschen sich verändern, das Bemerkte anzusprechen und die betroffene Person zu unterstützen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber auch auf eigene Ressourcen zu schauen.
Wer das verinnerlicht hat, kann nicht nur Erste Hilfe leisten, sondern auch einen wichtigen, gesellschaftlichen Beitrag. Das haben immer mehr Unternehmen und Organisationen erkannt. „Wir registrieren ein riesiges Interesse an den Kursen vom kleinen Verein, über Schulen, Gemeinden, Behörden bis hin zum DAX-Konzern“, berichtet Maltese.
Das Signal, psychische Gesundheitsprobleme ernst zu nehmen, bewirke einen Kulturwandel. Und reduziert riesige Belastungen. 60 Milliarden Euro kosten Psychische Erkrankungen und ihre Folgen die deutsche Volkswirtschaft jedes Jahr. 16 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage entfallen darauf. Und die Fehltage sind bei solchen Erkrankungen dreimal so hoch wie bei anderen, fast 33 Tage im Schnitt.
Der Zivilcouragetrainer und frühere Kriminalbeamte Günther Bubenitschek hat vor kurzem einen MFHA Ersthelfer-Kurs absolviert. Als Präventionsbeauftragter der Opferorganisation WEISSER RING in Baden-Württemberg weiß er, wie viele Hürden oft zu überwinden sind, bis jemand unterstützt. „Wer helfen will, muss wissen wie“, betont er.
Besonders beeindruckt hat ihn eine Übung, bei der er sich in die Lage eines Menschen mit Psychose versetzen konnte. Eine Herausforderung, die ihm deutlich machte, wie groß die Not ist, in der sich Betroffene befinden.
Sein Fazit: „Ich habe gespürt, was im Kopf von jemanden vor sich geht, der an einer solchen psychischen Störung leidet. Das werde ich nie vergessen.“
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Kirsten Baumbusch
ist Journalistin und arbeitet in der Kommunikation einer großen Stiftung in Heidelberg. In ihren Ausbildungen zur Coach und Mediatorin hat sie erkannt, wie viel Freude es machen kann, Menschen bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu fördern. Sie ist stets auf der Suche nach Mutmachergeschichten. Mehr Infos
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