Es kommt auf uns an!

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Interview über bewusstes Leben heute

Wie können wir bewusst leben in einer Zeit des Umbruchs? Die Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt spricht im Interview über die Bedeutung innerer Präsenz in Krisenzeiten, über unseren “Haltungsspielraum” und warum es aus ihrer Sicht heute wichtiger denn je ist, Beziehungen zu pflegen.

 

Das Gespräch führte Mike Kauschke.

Wie können wir den Krisen unserer Zeit angemessen begegnen?

Kurt: Indem wir versuchen, dem, was ist, möglichst viel Bewusstheit entgegenzubringen. Es gibt den schönen Satz des Künstlers Joseph Beuys: „Wer nicht denken will, fliegt raus“. Gemeint ist ein ganzheitliches, lebendiges Denken, über bloß Rationales hinaus.

Mit einer solchen Betrachtungsweise zeigt sich, dass die gegenwärtigen Krisen schlicht unvermeidlich sein dürften, denn: Die Menschheit hat sich in eine historisch beispiellose, faktisch unhaltbare Lage manövriert.

Inwiefern?

Kurt: Die biophysischen Belastungsgrenzen unseres Planeten sind erreicht – nicht nur im Blick auf das Klima, sondern genauso auf das Artensterben und den Verlust fruchtbarer Böden.

Und ausgerechnet jetzt, wo ein weltweiter Kraftakt nötig ist, um binnen kürzester Zeit die Weichen neu zu stellen in Richtung Erhalt der Lebensgrundlagen, geschieht das genaue Gegenteil:

Zum einen halten unsere Gesellschaften an überkommenen Vorstellungen von Wohlstand fest, verbunden mit dem ökologisch nicht zukunftsfähigen Dogma des Wirtschaftswachstums. Zum anderen erleben wir weltweit ein kaum für möglich gehaltenes Erstarken kollektiver Egoismen, von Imperialismus und Machtmissbrauch.

Kurz: der aktuell vorherrschende Bewusstseinszustand unserer Spezies führt sich gerade selbst ad absurdum. Die Praktiken unserer Zivilisation sind derart ignorant und respektlos gegenüber dem Lebendigen, dass sie bei Licht betrachtet gar keine Zukunft haben können. Trotzdem erscheint mir das Aufkommen einer global lebensdienlichen Zivilisation auf längere Sicht nicht unmöglich zu sein.

Die Krise zwingt uns, in innere Präsenz zu kommen.

Wie finden wir in diesem großen Geschehen unsere eigenen Schritte zu einem bewussten Leben?

Kurt: So klein unser Handlungsspielraum sein mag, so groß ist unser Haltungsspielraum. Tatsächlich haben wir ja zum Beispiel die Freiheit, im eigenen Umfeld nicht noch mehr Negativität einzubringen, sondern nach Kräften Sinn stiftend tätig zu sein. Das geht auch im ganz Kleinen – und kann nur konstruktiv sein.

Genauso kraftvoll ist es, weniger als bisher im Modus des „um zu“, also auf Ziele hin tätig zu sein. Sondern so zu leben und zu arbeiten, dass alles, was wir tun, in jedem Moment seine Stimmigkeit und Gültigkeit ganz in sich selbst trägt, völlig losgelöst von vermeintlichem Erfolg oder Misserfolg.

Das bringt eine große Befreiung. Denn beim zielgerichteten Hinarbeiten auf ein fixes, gar messbares Ziel unterliegen wir allzu oft unseren vielen mentalen Gewohnheiten, Konditionierungen und Automatismen.

Nur zu leicht bleibt dabei eine alles entscheidende Qualität auf der Strecke, nämlich innere Präsenz. Tatsächlich zeigt sich jetzt deutlich: Um zukunftsfähig zu werden gilt es, gegenwartsfähig zu sein.

Ich versuche, im kreativen Wir tätig zu sein.

Was können wir konkret tun, um mehr Bewusstheit ins Leben zu bringen?

Kurt: Wir können in jedem Moment frei entscheiden: Wollen wir verbissen und verzweifelt an etwas festhalten, das nicht mehr haltbar ist und nicht mehr trägt? Oder wollen wir eine Geisteshaltung pflegen, die offen, empfänglich, fragend, zuhörend ist?

Denn das, was jetzt an lebensdienlich Neuem gebraucht wird, lässt sich nicht mehr „machen“, sondern es will erkannt und eingeladen werden. Der Weg führt über eine resonanzbereite Geisteshaltung, genährt aus innerer Präsenz.

Gibt es Gewohnheiten oder Praxisformen, die dich dabei unterstützen?

Kurt: Ja, eine ganze Reihe: Ich meditiere in der Früh und trainiere regelmäßig für Kraft- und Muskelaufbau. Wider Erwarten ergänzt beides sich wunderbar.

Wo immer möglich schaffe ich Raum für Stille im Tagesablauf, gerne zum Beispiel auch beim Kochen. Ich grenze mich sehr bewusst gegen Berieselung, Zerstreuung und Ablenkung ab und pflege mit Freude ein in materiellen Dingen einfaches Leben.

Als Kulturschaffende war ich früher eher einzeln unterwegs, zum Beispiel beim Bücherschreiben. Jetzt liebe und erkunde ich zunehmend Spielarten des „kreativen Wir“, also eines ko-kreativen Miteinanders um konkrete lebensdienliche Anliegen herum – sinnorientiert, selbstorganisiert und selbstreflexiv.

Ebenfalls wichtig: Ich pflege vielfältige Beziehungen, besonders auch solche, wo ich schenke, mich fürsorgend einbringe. Das tut der Seele und dem Geist gut.

Nicht zuletzt: Wenn ich einen Fehler mache, was oft geschieht, und es bemerke, gehe ich nicht darüber hinweg, sondern bitte um Verzeihung. Auch wenn das mitunter echt schwerfällt. Und wenn jemand mir Unrecht getan hat, versuche ich zu verzeihen.

Foto: Lydia Schend

Dr. Hildegard Kurt, Mitbegründerin des und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V. in Berlin, ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und praktisch auf dem Feld des Erweiterten Kunstbegriffs (Beuys) tätig. Zu ihren Büchern zählen Wachsen! Über das Geistige in der Nachhaltigkeit, Die rote Blume. Ästhetische Praxis in Zeiten des Wandels (mit Shelley Sacks) und Die neue Muse. Versuch über die Zukunftsfähigkeit. www.und-institut.de, www.hildegard-kurt.de

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Foto: privat
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Mike Kauschke

ist fester freier Mitarbeiter in der Redaktion von Ethik heute. Zudem arbeitet er auch als Übersetzer, Dialogbegleiter und als Redaktionsleiter beim Magazin evolve. Er begleitet auch die Online-Dialoge im Netzwerk Ethik heute. www.mike-kauschke.de

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