Ein großartiges Leseerlebnis
Robert Macfarlane ist einer der bekanntesten Naturschriftsteller. Auch sein neuestes Buch bringt uns mit anmutiger Prosa zum Staunen. Es berichtet von Reisen zu drei großen Flüssen zu Fuß und im Kanu – mit all den Abenteuern, der Faszination und Zerstörung. Und der Botschaft: Wir müssen das Lebendige schützen, von dem wir Menschen nur ein Teil sind.
„Wasser fließt in und durch uns. Bewegen wir uns fort, sind wir Flüsse. Wenn wir sitzen, sind wir Tümpel.“ Es sind solche Sätze des bedeutenden Naturschriftstellers Robert Macfarlane, die dieses Buch zu einem großartigen Leseerlebnis machen. Es hebt die Trennung zwischen Mensch und Natur auf – so wie es der Autor selbst auf seinen Reisen zu drei großen Flüssen hautnah erlebt hat.
Die Ausgangsfrage des Buches lautet: Sind Flüsse Lebewesen? Wenn Macfarlane seinen neunjährigen Sohn fragt, rollt dieser mit den Augen und antwortet: Ja natürlich, wie kann man darüber ein langes Buch schreiben?
Doch in unserer heutigen Zivilisation sind wir von diesem Gefühl der Naturverbundenheit Lichtjahre entfernt. Menschen beuten die Natur aus, vergiften Flüsse, stören ihren Lauf durch Wasserkraftwerke, holzen Wälder ab, betätigen sich als Klimamacher. Ganz so, als stünden sie außerhalb der Natur.
Macfarlane begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, die ihn mitten in die Natur führt: zuerst ins nördliche Ecuador, wo ein einzigartiger Nebelwald und seine Flüsse durch den Abbau von Metall bedroht sind. Der Nebelwald gilt als Habitat mit der weltweit größten Biodiversität.
Zu Fuß durchstreifen der Autor und sein Team wochenlang den Wald. Hier glühen nachts Pilzgeflechte so weit das Auge reicht, denn Pilze sind biolumineszent. Wir verstehen, wie sehr Wald, Wasser und Flüsse zusammenhängen: Blaue Bäche und Flüsse durchziehen das Grün des Waldes wie Adern.
Kann man Flüsse töten?
Weiter führt die Reise nach Chennai, Südindien. Die Wanderung zur Mündung dreier Flüsse beginnt mit der Frage: Kann man Flüsse töten? Auch hier haben die Menschen bereits ganze Arbeit geleistet: Flüsse, Bäche und Lagunen sind hochgradig vergiftet, es gibt keine Fische mehr.
Nicht einmal Schildkröten, die hier schon 120 Millionen Jahre heimisch sind, haben eine Überlebenschance. Die Lichtquellen der Stadt irritieren sie, die Strände sind von chemischen Stoffen verunreinigt. Kein guter Ort für die Aufzucht der Nachkommen.
Die letzte Tour führt den Naturschriftsteller in den Nordosten Quebecs – auf eine 150 Kilometer lange Kanutour den Wildfluss Mutehekauhoch. Es ist die herausfordernste Etappe seiner Reise mit extremer körperliche Belastung. Natur ist eben nichts, was sich beherrschen lässt.
Immer wieder spürt er „den gewaltigen beänstigenden Willen des Flusses“ und muss sich diesem überlassen. Gefährliche Wasserfälle und Stromschnellen mit Walzen, Wirbeln und Löchern machen mit den kleinen Booten, was sie wollen.
Auch hier im kanadischen Norden versuchen Menschen, die Natur zu bezwingen: Konzerne erzeugen mit Hilfe von Stauseen, in denen die einstigen Flüsse begraben liegen, Strom. Von den sechzehn große Flüssen in Québec wurden bis 2012 vierzehn mit Dämmen versehen. Ein Alptraum für alles, was lebt: Zufahrtsstraßen werden durch den boralen Wald gebaut und Hochspannungsleitungen mitten durch den Urwald gelegt, um den Strom weiterzuleiten.
„Wenn der Fluss fließen darf, hilft er uns“
Das Unheil begann an allen drei Orten mit der Kolonialherrschaft: der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und der Bekämpfung des Animusmus, also dem Glauben, dass die Natur belebt und daher schützenswert ist.
Auf seiner Reise lässt sich Macfarlane von mehreren Indigenen begleiten, die ihr tiefes Wissen und ihre Erfahrungen in der Natur teilen. Es ist schön, diesen Menschen in dem Buch zu begegnen.
Die kanadische Dichterin Rita Mestokosho etwa drückt ihre innige Verbindung zum Fluss so aus: „Wir müssen wieder verstehen lernen, dass der Fluss mehr ist als ›nur‹ Wasser. Er will fließen, frei fließen, und wenn er das kann, dann hilft er uns. Er hilft uns.“
Der Mensch hat sich zum Zentrum des Lebens gemacht
An allen drei Orten gibt es Flussrechte-Kampagnen, die gesetzliche Regelungen zum Schutz der Flüsse verlangen. Aus guten Gründen: Warum sollte ein Fluss, der über 10.000 Jahre alt ist, keine Rechte haben – im Gegensatz zu Konzernen, die in den meisten Ländern als Rechtssubjekte anerkannt werden, auch wenn sie gerade mal zehn Jahre alt sind?
Die Idee der Kampagnen ist, dass Flüsse das Recht haben, „zu existieren und zu fließen“, „sich natürlich zu entwickeln und erhalten und geschützt zu werden“. Für all das brauche es kein Bewusstsein.
Dieser Gedanke ist uns eigentlich nicht fremd: Naturforscher Alexander von Humboldt entwickelte vor 220 Jahren genau dieses Naturverständnis. Er begriff die Natur als ein engmaschiges Netz des Lebens, in dem nichts für sich allein existiert. Der Mensch ist nicht der zentrale Akteur, sondern nur ein Knoten in einem riesigen Netzwerk.
Vielleicht liegt der Grund für die Zerstörung der Natur und der menschlichen Unverfrorenheit genau hier: dass der Mensch sich zum Zentrum des Lebens gemacht und vergessen hat, dass er nur eine Zelle im ganzen Gefüge ist.
Macfarlane ermöglicht mit seinem „visionären Werk von kaum ermesslicher Schönheit“ (Elif Shafak), dass wir Menschen die Fesseln der Selbstbezogenheit sprengen und uns wieder selbst erkennen und verstehen. Denn dann schützen wir auch die Natur, die wir selbst sind.
Robert Macfarlane. Sind Flüsse Lebewesen? Ullstein Verlag 2025
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