Ein Interview über die Arbeit mit Jungen
Viele Männer sind heute überfordert: Sie sollen empathisch und stark, sensibel und männlich sein. Frauenfeindlichkeit greift weltweit um sich, befeuert von sozialen Netzwerken. Joel Wardenga arbeitet mit Fachkräften aus der Sozialarbeit und sagt: Es sei wichtig, jungen Männern positive Entwicklungsangebote zu machen. Doch bei Jugendarbeit wird gekürzt.
Ein Gespräch mit Joel Wardenga, Bildungsreferent bei der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen*- & Männer*arbeit Baden-Württemberg, geführt von Kirsten Baumbusch
Frage: Wie geht es jungen Menschen männlichen Geschlechts heute?
Joel Wardenga: Die Lage, die uns Fachkräfte aus Sozial- und Jugendhilfe schildern, ist widersprüchlich. Viele Jungen haben wenig Zuversicht. Pandemie, Klimakrise, politische Konflikte und neoliberaler Leistungsdruck überfordern sie.
Psychische Belastungen sind während Corona stark gestiegen und bleiben hoch. Zugleich prasseln widersprüchliche Erwartungen auf junge Männer ein: sensibel, einfühlsam und gleichberechtigt sollen sie sein, zugleich stark in jeder Hinsicht und erfolgreich.
Ein Beispiel?
Wardenga: Körper und Aussehen sind heute für viele junge Männer zentrales Thema. Über soziale Medien werden Muskeln, Fitness, Männlichkeit und damit Dominanz und Erfolg inszeniert. Das führt teils zu Essstörungen und Selbstverletzungen, die früher ausschließlich als „Mädchenthemen“ galten. Gleichzeitig sollen Jungen Gefühle zeigen. All das steht nebeneinander, widerspricht sich und verunsichert.
Sind alle gleichermaßen betroffen?
Wardenga: Nein. Herkunft, soziale Klasse oder sexuelle Orientierung spielen eine große Rolle.
Wenn etwa migrantische Jugendliche von Seiten der Politik und erwachsenen Bezugspersonen als „kleine Paschas“ bezeichnet werden, kann das dazu führen, dass sie die Rolle trotzig übernehmen, teils ironisch gebrochen, aber immer als Reaktion auf Zuschreibung.
Soziale Medien verstärken oft autoritäre Tendenzen.
Was verschärft die Lage?

Wardenga: Die patriarchale Verheißung existiert fort: Wer sich „richtig männlich“ verhält, erhält Macht, Status, Anerkennung und die Rolle als Familienoberhaupt. Doch wer da nicht mitzieht, gilt als unmännlich und riskiert Anfeindungen bis hin zu Gewalt.
Gleichzeitig sollen Männer empathisch und partnerschaftlich sein. Dieses unlösbare Dilemma erzeugt Druck, der sich dann auch in extremen Ansichten und Gewalt entladen kann.
Ist das neu oder ein altes Muster?
Wardenga: Die „Krise der Männlichkeit“ ist ein Dauerbrenner. Schon die Antike kannte die Klage über verweichlichte Männer und die Furcht vor dem damit verbundenen Zerfall der Zivilisation. Neu ist das nicht.
Ich bin in den 1990er Jahren in der Pfalz aufgewachsen, da war männliche Gewalt auf dem Schulhof Alltag. Neu ist die mediale Verstärkung. Plattformen verstärken oft autoritäre Tendenzen und setzen auf Empörung, Algorithmen belohnen Polarisierung.
„Männlichkeitscoaches“ und autoritäre Ideologen profitieren vom Selbstzweifel der Jungen und machen sich die Verunsicherung zunutze: ein Geschäftsmodell, das radikale politische Dimensionen bekommt.
Spielt das Gefühl, bedroht zu sein, eine Rolle?
Wardenga: Ja. Manche Männer fühlen sich ihres vermeintlich angestammten Platzes beraubt, obwohl dieser nur ein Phantom war. Sie sind groß geworden in dem Gefühl, dass sie irgendwann als Patriarch über Frau, Kinder und Güter beliebig verfügen können.
Die Aggressivität frauenfeindlicher Bewegungen speist sich aus diesem Selbstverteidigungsgefühl und dieser narzisstischen Kränkung.
Wer die traditionelle Männerrolle ablegt, gewinnt Freiheit
Wie kann man in der Jungenarbeit darauf reagieren?
Wardenga: Indem man ehrlich sagt und zeigt: Die traditionelle Männerrolle lohnt sich nicht. Niemand sollte solch eine Rolle innehaben. Außerdem ist sie ein ungemein starres Korsett. Immer der Beste, Schnellste und Stärkste zu sein, bedeutet, verletzliche Teile zu unterdrücken und sein Wesen nicht ausleben zu können.
Wer diese Rolle ablegt, gewinnt Freiheit. Der Druck, immer stark sein zu müssen, fällt weg. Das ist ein echter Gewinn an Lebensqualität. Jungen Männern fehlt in dieser Hinsicht Emanzipation:
Mädchen haben sich seit Generationen mehr und mehr Spielräume erstritten – zum Beispiel käme heute jenseits stark religiöser Kreise kaum jemand auf die Idee, ein Mädchen, weil es Jeans tragen möchte, schräg anzuschauen. Gleichzeitig erregt ein Junge, der ein Kleid anziehen möchte, größtenteils noch immer Sorge, Aufsehen und Ablehnung.
Was berichten Fachkräfte aus der Sozial- und Jugendhilfe, die mit den Jungen arbeiten?
Wardenga: Jugendarbeit leidet derzeit massiv unter Kürzungen. Stellen werden gestrichen, viele Häuser schließen. Das ist so bedrohlich, gerade angesichts der massiven Probleme. Das macht einen sprachlos.
Ohnehin ist es bei manchen Jugendlichen nicht gelungen, sie von digitalen Angeboten zurück in die analoge Welt zu holen. Dabei wäre das so dringend erforderlich. Oft werden Jugendliche sich selbst überlassen. Gerade im digitalen Raum gibt es da Nachholbedarf an progressiven Angeboten sowie an staatlicher Regulierung jugend- wie demokratiegefährdender Inhalte.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Mannsein und Selbstbestimmung
Was bleibt zu tun?
Wardenga: Schulen müssen Orte der Demokratie, Teilhabe und Vielfalt werden. Junge Menschen verbringen dort enorm viel Zeit. Außerdem brauchen sie Räume als Sozialisationsinstanzen, in denen sie jenseits ihrer Herkunftsfamilie und Bildungsinstitution andere Erfahrungen und Begegnungen machen und sich ganz klassisch ausprobieren können.
Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit können dort erlebt und erfahren werden. Jungen*arbeit kann dazu beitragen, denn sie ist Beziehungsarbeit.
Es geht nicht darum, Jungen als Gefährder in den Blick zu nehmen, sondern neugierig auf ihre je individuellen Themen, Bedürfnisse, Fähigkeiten und Probleme zu bleiben, Grenzen zu setzen und Alternativen vorzuleben.
Für Jungen ist wichtig, dass jemand da ist und da bleibt, auch wenn es schwierig wird. Problematisches Verhalten muss benannt werden, aber es gilt, sie zu begleiten auf der Suche nach alternativen Verhaltensweisen. Da ist die Pädagogik gefragt. Das Ich entsteht am Du – gerade hier beginnt echtes Mannsein im Sinne von Selbstbestimmung und Verantwortung.
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