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Friedensarbeit braucht viel Geduld

Foto: Michael Gleich

Das internationale Netzwerk der Friedensstifter

Friedensappelle reichen nicht“, sagt der Journalist Michael Gleich und startete 2003 ein weltweites Netzwerk für Friedensstifter. Diese treffen sich jedes Jahr, um sich für die Arbeit in ihren Ländern zu stärken, Traumata zu bearbeiten und Kollegen in Notlagen zu helfen. Denn gewaltsame Konflikte zu lösen, ist harte Arbeit und birgt Gefahren.

 

Wie geht Frieden – und zwar ganz konkret in gewaltsamen Konflikten? Diese Frage bewegte Michael Gleich. Als Journalist ist er wortgewandt, doch es war klar: Frieden entsteht nicht durch schöne Worte, Rhetorik und Absichtserklärungen. Frieden zu schaffen, bedeutet harte Arbeit inmitten von Gewalt und Schmerz.

2003 startete Gleich das Medienprojekt Peace Counts. In dem Rahmen wurden einige der engagiertesten zivilgesellschaftlichen Friedensstifter in 60 Konfliktregionen weltweit für journalistische Dokumentationen bei der Arbeit beobachtet. 2015 gründete Gleich das Global Peacebuilders Network, das jährlich Friedensstifter:innen an einem Ort zusammenbringt.

Die Idee war: Alle arbeiten isoliert voneinander, dabei gibt es so viel, was sie verbindet: „Die Konflikte und die Lösungen sehen an der Oberfläche sehr unterschiedlich aus, aber in der Tiefe gibt es oft ähnliche Strukturen. Da geht es meistens um Exklusion. Es ist eine der Hauptursachen für gewalteskalierende Konflikte, dass bestimmte Gruppen von Macht oder Ressourcen ausgeschlossen werden“, reflektiert Gleich.

Diesem Ausschluss wirken die Friedensstifter entgegen und agieren als Brückenbauer. Sie versuchen, durch interreligiöse Dialoge oder Machtteilung wieder zu verbinden, was zerrissen wurde. Denn Frieden ist nicht bloß Waffenstillstand. Positiver Frieden ist viel mehr und umfasst Machtteilung, Stabilität, gleichberechtigten Zugang und Angstfreiheit.

Friedensstifter brauchen inneren Frieden

2016 fand im Rahmen dieses Engagements der erste Global Peacebuilder Summit in Berlin statt. Peacebuilder aus 35 Ländern kamen zusammen. Das Treffen verlief anders als erwartet:

„Am Anfang dachten wir, dass es gut wäre, Papiere zu produzieren und Strategien zu entwickeln. Wer sich für den Frieden engagiert, hat bestimmte Glaubenssätze: ich muss dienen, ich muss geben, ich muss liefern, ich darf nicht ruhen. Es darf mir nicht gut gehen, während meine Landsleute bombardiert werden.“

Schnell stellte sich heraus, dass vor allem Raum für inneren Frieden gebraucht wird. „Ein Raum mit der Erlaubnis, eine Woche lang Kraft zu schöpfen im Zusammensein mit Menschen, die verstehen, was Schmerz ist, was Bedrohung bedeutet, wie viel Mut es braucht, sich für Frieden einzusetzen“, so Gleich.

Bei den jährlichen Treffen der Friedensstifter gibt es heute eine Mischung aus Entspannung und Meditation sowie Open Space-Formate und selbstorganisierte Sessions, in denen die Teilnehmenden Gemeinschaft und Solidarität spüren. Bei den Treffen versuchte die Initiative auch, in den politischen Raum hineinzuwirken. Man traf sich zum Beispiel mit Ausschüssen im Auswärtigen Amt.

Viele Friedensaktivisten sind traumatisiert

Aus den Gesprächen der Friedenstifter entstand auch die Idee eines Notfallsystems. So wurde ein Joint Emergency Team gebildet, damit schnell reagiert werden kann, wenn jemand in Sicherheit gebracht werden muss.

Friedensjournalist Ousmane Touré (Mali, li.) und Menschenrechtsanwalt Babloo Loitongbam (Indien), Foto: Gleich

Seit drei Jahren begleitet auch ein Traumatherapeut die Treffen. Viele Peacebuilder sind selber traumatisiert als Opfer von Gewalt, aber auch als Täter. „Einige haben in ihrem früheren Leben aus ihrer Sicht schlimme Dinge getan. Sie haben Menschen umgebracht, bevor sie auf die Idee gekommen sind, dass man Konflikte anders lösen sollte. Zudem haben sie sehr viel Kontakt zu traumatisierten Personen“, erklärt Gleich.

Aber auch die veränderte Weltlage betrifft das Netzwerk: „Wir haben drei Teilnehmerinnen, die immer ein Herz und eine Seele waren, eine Israelin, eine Palästinenserin und ein Libanese. Aber nach dem nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 ist das Gift des Misstrauens selbst in dieses lange bestehende Netzwerk eingesickert. Wir hatten große Mühe, diese Mitglieder wieder zusammenzubringen.“

Für Gleich hat es mit Trauma zu tun, dass die Empathie für die Opfer der anderen Seite nicht mehr möglich ist. Die Palästinenser haben viele Mitarbeitende in den Bombardements verloren, und konnten keine Empathie für die vielen Todesopfer der Hamas empfinden.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

„Friedensappelle sind oft naiv“

Wie hat sich Michal Gleichs Blick auf die Möglichkeit, Frieden zu schaffen, verändert? „Ich habe damals den Kriegsdienst verweigert, aber ich würde mich heute nicht mehr als Pazifisten betrachten, der sagt, ‚man darf überhaupt keine Waffengewalt anwenden‘.“

Positiven Frieden kann man nicht mit Waffen schaffen, aber man kann Krieg stoppen: „Es gibt tatsächlich Menschen, die nur diese Sprache verstehen und die man stoppen muss, auch mit Gewalt.“ Als Beispiel nennt er das Massaker von Srebrenica während des Balkankrieges, das von UN-Soldaten vor Ort nicht verhindert wurde.

Zivilgesellschaftliche Friedensarbeit kann jedoch erst beginnen, wenn die Waffen schweigen, so Gleich: „In einem heißen Konflikt ist es fast unmöglich, etwa jetzt während des Kriges ein ukrainisch-russisches Freundschaftsforum aufzubauen.“

Auch Friedensapelle sind für Michael Gleich oft naiv und nah am Populismus: „Natürlich gibt es in einer komplexen Welt die Sehnsucht nach einfachen Lösungen nach dem Motto, ‚die müssen sich doch einfach nur an einen Tisch setzen‘. Was machen wir aber, wenn das versucht wurde und nicht fruchtet?“

Dabei ist Michael Gleich überzeugt, dass durch Friedensarbeit nach gewaltsamen Konflikten eine Heilung möglich ist: „Gesellschaften können wieder heil werden, nachdem sie zerrissen sind, aber das dauert sehr lange. Friedensarbeit braucht viel Geduld.“

Foto: privat
Foto: privat

Mike Kauschke

ist fester, freier Autor bei Ethik heute. Zudem arbeitet er auch als Übersetzer, Dialogbegleiter und als Redaktionsleiter beim Magazin evolve. Er begleitet auch die Online-Dialoge im Netzwerk Ethik heute. www.mike-kauschke.de

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