Über eine bahnbrechende Studie
Unser gestörtes Verhältnis zur Natur steht im Zentrum der Umweltkrisen, sagt der Forscher Prof. Miles Richardson. In seiner Theorie der Naturverbundenheit zeigt er, wie wir uns wieder mit der Natur verbinden und für ihren Erhalt einsetzen können. Ein praktisches Beispiel in Indien zeigt, wie das gehen kann.
Prof. Miles Richardson von der University of Derby, Großbritannien, hat 2024 in seiner bahnbrechenden Studie „Modelling Nature Connectedness Within Environmental Systems 1” einen alarmierenden Befund über die Entfremdung des Menschen von der Natur dokumentiert. Demnach haben wir als Menschheit in den letzten 225 Jahren im Durchschnitt 60 Prozent an Naturverbundenheit verloren. Wie ist das messbar?
Richardsons Herangehen basiert auf der Biophilie-Hypothese. Er geht davon aus, dass Menschen eine angeborene, genetische Affinität zum Leben und zu natürlichen Systemen haben. Die Naturverbindung entstammt unserer evolutionären Vergangenheit und dem Eingebundensein in die natürliche Umwelt. Wir sind Teil der natürlichen Welt.
Richardsons Forschung zufolge liegt die Naturverbundenheit, also die psychische Verbindung des Menschen zur natürlichen Welt, im Jahr 1800 bei 100 Prozent und hat im Zuge der Industrialisierung abgenommen – bis auf 60 Prozent. Ausdruck davon sind die Urbanisierung, aber auch die Hinnahme der Umweltzerstörung, was gerade heute besonders sichtbar ist.
Inzwischen hat Richardson eine Skala entwickelt, die zeigt, in welchen Regionen auf der Erde die Naturverbundenheit höher oder niedriger ist. Wir in Deutschland stehen ziemlich am Ende der Skala, bei unter null Prozent. An erster Stelle bei den Ländern steht Nepal.
Richardsons Forschungsfrage ist daher, wie wir unsere verlorene Verbindung zur Natur wiederfinden können. Denn damit würden wir selbst einen Zustand gesteigerten Wohlergehens erleben, mehr Glücksgefühle, eine robustere Gesundheit verbunden mit Tatkraft und Leistungsfähigkeit.
Das hätte zur Folge, dass sich mehr Menschen für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen engagierten und Ideen entwickelten, wie wir gemeinsam die Erde bewahren könnten. Denn unsere gestörte Beziehung zur Natur stehe im Zentrum der Umweltkrisen.
Fünf Wege, mehr in Kontakt mit der Natur zu kommen
Mit seiner Forschungsgruppe definierte Richardson die wirkungsvollsten Interventionen zur Stärkung von Naturverbundenheit. Der erste Weg ist, die Sinne zu aktivieren im direkten Kontakt mit der Natur, etwa den Duft von Blumen oder das Zwitschern der Vögel bewusst mit allen Sinnen wahrzunehmen. Das trägt zweitens dazu bei, die eigenen Emotionen zu spüren. Gefühle wie Freude, Ruhe oder auch Staunen in der Natur erhöhen die Naturverbundenheit signifikant.
Obwohl es hilft, die ästhetische Seite der Natur wertzuschätzen und sich an ihrer Schönheit zu erfreuen ist drittens der direkte Kontakt mit den Elementen der Natur noch wichtiger, z.B. beim Anbau von Gemüse und Früchten. Dieser Weg führt von der nützlichen Tätigkeit zur Einsicht in die tiefere Bedeutung unserer Naturverbundenheit, der vierte Weg, auf dem wir erfahren, wie sehr wir systemisch als Menschheit mit der Erde verbunden sind.
Der Weg des Mitgefühls ist schließlich der fünfte Weg zur Naturverbundenheit. Das Mitgefühl äußert sich in der Sorge für andere Lebewesen oder wenn wir Verantwortung dafür übernehmen, eine lebenswerte Umwelt zu erhalten.
Ein Hindernis für all das sind Digitalisierung und Medienkonsum. Das sagt mir auch mein 13-jähriger ukrainischer Nachhilfeschüler, der noch zuhause, als 10-Jähriger, im ukrainischen Schulsystem gelernt hat, Weizen zu sähen, die Spreu vom Weizen zu trennen, das Korn zu mahlen und daraus Brot zu backen.
Diese Erfahrung war für ihn so tiefgreifend, dass er heute schon ernsthaft über den Erhalt der Vielfalt in der Natur nachdenkt. Trotzdem: Das Handy ist der ständige Begleiter und sei’ es nur für den Stundenplan.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Mit dem Anlegen von Gärten fängt es an
Könnte man mit städtischem Gärtnern die Welt ernähren? Das fragte schon 1982 die Künstlerin Agnes Denes, als sie am damals neu errichteten World Trade Center ein zwei Hektar großes Weizenfeld anlegte.
Das Kitchen Garden Project der Anisha Foundation 2, initiiert 2016 im Distrikt Chamarajnagar im indischen Karnataka, ist ebenfalls eine zukunftsweisende Antwort auf Richardsons theoretische Befunde. Schülerinnen und Schüler lernen in der Schule zu gärtnern, um dann zuhause eigene Nutzgärten anzulegen.
Was ursprünglich nur die Ernährungssicherheit in diesem Gebiet verbessern. Sollte, ist ein Praxisprogramm mit überzeugenden Ergebnissen an Schulen geworden.
2024/25 nahmen 1.605 Schüler in 34 Schulen an dem Programm teil. 97,9 Prozent der begleiteten Schüler führten erfolgreich Hausgärten in ihren Familien. Alle zusammen ernteten 6.569 Kilogramm Gemüse im Wert von umgerechnet über 3.000 Euro.
Sie sparten ihren Familien damit erhebliche Ausgaben. 254 Kilogramm spendeten sie darüber hinaus für das Schulessen. Schließlich sammelten sie Samen für die nächste Saison, ein wichtiger Beitrag zur nachhaltigen Ernährung.
Gleichzeitig hat Anisha mit dem Anlegen der Gärten zuhause auch die Beziehungen zwischen den Generationen gestärkt und die Gemeinschaft der Eltern, Nachbarn und Lehrerenden belebt.
Freunde und Familie teilen dabei nicht nur die aktive Naturerfahrung der Kinder und freuen sich an den Früchten. Sie übernehmen auch eine wichtige Funktion bei der Beratung, wie z.B. neu bebaute Flächen vor Tieren oder Dieben zu schützen sind.
Richardsons Botschaft ist jedenfalls klar: Wir können uns überall – und er unterstreicht hierbei besonders die Bedeutung der Stadtentwicklung – ganz praktisch in den Kreislauf der Natur einbringen und uns wieder mit ihr verbinden.
Anisha zeigt in einer “Reverse Innovation” – mit Innovationen, die aus den Ländern des Südens zu uns kommen – den Weg dorthin. Er ist einfach und gleichzeitig revolutionär.
Auch in Europa gehen ihn bereits einige Städte bewusst. Wer Lyon, Luxemburg, Alkmaar, Barcelona oder Lleida besucht, kann bereits sein grünes Wunder auf unserem Kontinent erleben.
Quellen:
1 https://www.mdpi.com/2673-4834/6/3/82
2 s. https://www.anisha.org.in/recognitions.html

Antje Boijens hat Russisch, Politikwissenschaften und Freie Kunst studiert und war seit 1996 selbständig tätig als Management-Trainerin, Beraterin und Coach. Sie ist Langzeitmeditierende und besonders der Tradition des Mountains and Rivers Order (John Daido Loori) verbunden. Für Ethik heute hat sie Seminare zu Dialog und Weisheit durchgeführt; jetzt, im (Un-)Ruhestand, verbringt sie ihre Zeit v.a. mit ehrenamtlicher Arbeit, Lesen und Schreiben. Buchveröffentlichung: Requisiten für die Trauer, 2021, Dielmann Verlag
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