Funkstille in der Familie

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Chance für einen Neuanfang

Wir haben die Erwartung, in einer perfekten Familie zu leben. Doch die Realität sieht oft anders aus. Manchmal bricht sogar der Kontakt vollständig ab. Das kann aber auch positive Seiten haben. Es kann gut sein, sich aus negativen Beziehungen zu lösen und neu anzufangen.

Eltern machen mit Sicherheit nicht alles richtig. Bei der Kindererziehung gibt es verschiedenste Ansichten und Möglichkeiten. Am Ende zählt aber doch: Eltern sollten ihre Kinder lieben. Und im Idealfall erwidern diese das Gefühl. So jedenfalls ist das vorherrschende Bild in unserer Gesellschaft.

Wer näher hinschaut, erkennt jedoch, wie komplex es eigentlich ist. Denn Kontaktabbrüche innerhalb von Familien kommen häufiger vor, als viele Menschen sich vorstellen.

Ein erwachsenes Kind, das sich nicht mehr bei den Eltern meldet. Trennungskinder, die den Kontakt zu einem der Elternteile verweigern. Oder auch Mama und Papa, die nichts mit ihrem Nachwuchs zu tun haben wollen. Jede Situation ist eine individuelle Geschichte, mit ihren eigenen Hintergründen und Gefühlen.

Wie häufig das vorkommt, ist schwer in Zahlen zu fassen. Eine langfristige US-amerikanische Studie mit Daten aus 1979 bis 1993 und 1994 bis 2018 etwa fand heraus, dass rund sechs Prozent der Kinder den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen hatten, bei den Vätern sogar 26 Prozent. Mit Blick auf das Familienideal recht hohe Zahlen. Wie gut sie sich auf andere Länder verallgemeinern lassen, ist allerdings unklar.

Plötzlicher Bruch oder schleichende Entfremdung?

Zudem gibt es schon Uneinigkeit darüber, was ein „Kontaktabbruch“ überhaupt ist. Bedeutet es, dass die Betroffenen nicht mehr miteinander reden? Oder notfalls nur über Anwälte? Dürfen sie sich gar nicht sehen oder sich gezwungenermaßen bei Familienfeiern noch über den Weg laufen? Geht es um körperliche oder emotionale Distanz oder beides?

Und – muss der Bruch deutlich kommuniziert werden, also ein „Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben!“ beinhalten? Oder zählt auch, wenn sich die Menschen schlicht nichts zu sagen haben und sich schleichend entfremden?

Solche Fragen sind in der Wissenschaft wichtig, für Betroffene allerdings weniger relevant. Denn auf welche Weise auch immer der Kontakt abbricht: Psychisch belastend ist es häufig für alle Beteiligten.

Trauer, Schock, Wut oder Enttäuschung kommen bei den Verlassenen ebenso wie bei denen vor, die sich für einen Abriss der Beziehung entscheiden. Aus dem Nichts kommt das in der Regel nicht. Oft gibt es einen bestimmten Auslöser wie einen heftigen Streit, doch schon vorher erleben viele Betroffene Ängste, Verletzungen, Misshandlung, unterschiedliche Werte oder andere Erfahrungen, die das Fundament für die Entfremdung legen.

Kontaktabbruch kann gute Seiten haben

Belastend ist häufig zudem das Gefühl, als Familie versagt zu haben. Die Erwartung an eine „perfekte Familie“, die so tief in der Gesellschaft verankert ist, führt zu Stigmatisierung: Wenn Eltern und Kinder den Kontakt verlieren oder absichtlich abbrechen, müssen sie doch etwas falsch gemacht haben!

Dieser Gedanke sorgt jedoch dafür, dass sich viele Betroffene zurückziehen, nicht darüber reden – und entsprechend auch keine Hilfe und Unterstützung bekommen. So sind sie häufig mit ihren Gefühlen allein, was die Isolation und Trauer verstärken kann. An diesem Punkt bräuchten wir weniger Verurteilung und mehr Verständnis dafür, dass Familien nicht automatisch zusammenpassen können.

Das bedeutet gleichzeitig: Nicht jeder Kontaktabbruch ist schlecht für die Psyche. Dieser Aspekt wird häufig vergessen, der Fokus liegt auf den negativen Konsequenzen. Für manche Betroffenen beinhaltet die Funkstille aber auch die Chance auf einen Neuanfang, eine Selbstfindung oder das Verlassen von traumatisierenden Umständen.

In wissenschaftlichen Interviews sprechen einige davon, dass ihnen die Abgrenzung von der Familie persönliches Wachstum ermöglichte – oder gar Heilung. Sie beschreiben, wie sie die Negativität hinter sich lassen mussten, um ein glücklicheres Leben zu führen.

Eine Wiederannährung ist möglich

Ob es nun zu mehr Zufriedenheit oder zu Trauer und Ängsten führt: Eine Psychotherapie hilft nicht immer, kann aber den Prozess unterstützen. Auch Selbsthilfebücher oder der Fokus auf Dinge, die persönlich guttun, werden von Betroffenen als hilfreich beschrieben. Grundsätzlich geht es vermutlich darum, sich mit sich selbst und den eigenen Werten und Bedürfnissen auseinanderzusetzen.

Auf die Abgrenzung und die Aufarbeitung kann auch eine Versöhnung folgen. Tatsächlich nehmen die Verlassenden häufig nach einer Weile den Kontakt zu ihren Verwandten von sich aus wieder auf.

Auf der anderen Seite können Eltern oder Kinder bei einem Kontaktabbruch etwa mit Briefen eine Annäherung versuchen – dabei sollten sie allerdings auf Vorwürfe, Schuldzuweisungen oder moralischen Druck verzichten und stattdessen Bereitschaft zur Reflexion signalisieren. Das gilt auch, wenn es zu einem Treffen kommt: Zuhören bringt dann weiter als der Versuch, das eigene Verhalten zu erklären.

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Dr. Stefanie Uhrig

ist Wissenschaftsjournalistin mit Schwerpunkt Neurowissenschaften, Medizin, Psychologie und Biologie. Darüber schreibt sie für Print- und Online-Medien und spricht und produziert Radiobeiträge. Mehr Infos
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