Ein Standpunkt von Ines Maria Eckermann
Nuhrs Witz über Femizide zeigt altes männliches Denken und eine Täter-Opfer-Umkehr, die Frauen mitverantwortlich für Gewalt macht. Doch Frauen wehren sich, allen voran Gisèle Pelicot im Prozess gegen ihren Mann. Ines Eckermann erklärt, warum es Muster der Gewalt gibt und Frauen zurecht lauter werden.
Dieter Nuhr steht am 18. Juni 2026 auf der Bühne von „Nuhr im Ersten XXL” und rechnet vor: 300 bis 350 Frauenmorde im Jahr, aber Millionen Männer in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit für eine Frau, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, „praktisch null“.
Seine Pointe: Man solle den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einmal kennenlernen. Das Publikum lacht, applaudiert. Im Netz geht der Ausschnitt viral – aber aus anderen Gründen als Nuhr sich vermutlich gewünscht hätte.
Die Journalistin Yasmin Oshin widerspricht der Prämisse direkt: Frauen werden selten von Männern ermordet, die sie gerade eben in einer Bar kennengelernt haben. Femizide passieren im nahen Umfeld.
Viele Social-Media-Nutzende werden Nuhr in ihren zahlreichen Kommentaren Täter-Opfer-Umkehr vor. Und im österreichischen Magazin „Der Standard“ schreibt Beate Hausbichler am 22.6.: „Bei Dieter Nuhr müssen selbst Femizide für eine Pointe herhalten.“ Wenig später klagt der sonst so von der Meinungsfreiheit begeisterte Komiker gegen diesen Kommentar.
Kriminalbeamter warnt vor Männern
Wenige Wochen zuvor sitzt Dirk Peglow, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, im ZDF heute journal. Moderatorin Dunja Hayali fragt ihn, was er Frauen angesichts der Kriminalstatistik rate, nachdem er über einen deutlichen Anstieg bei Vergewaltigungen und Sexualdelikten gesprochen hat.
Peglow antwortet ohne Umschweife: „Geh lieber keine Beziehung mit einem Mann ein.” Und ergänzt: „Wenn Sie dies tun, ist das Risiko, Opfer psychischer oder physischer Gewalt zu werden, viel höher.” Auch Peglows Analyse löste Empörung aus: vor allem bei Männern in sozialen Medien, die von „Gehirnwäsche“ und „Spaltung“ sprechen.
Pelicot verleiht Opfern eine Stimme
Die Geschmacklosigkeit der Täter-Opfer-Umkehr wird besonders deutlich, wenn wir auf den Fall von Gisèle Pelicot blicken. Im Prozess gegen ihren Mann prägt Pelicot 2024 ein Satz, der seither als Formel für einen Kulturwandel zitiert wird: „Die Scham muss die Seite wechseln.“
Pelicot weigert sich, den Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen. Sie besteht darauf, dass die Videobeweise gezeigt werden, sie macht aus ihrem eigenen Leid einen öffentlichen Fall. Das ist eine grundsätzliche Verschiebung: Nicht die Frau muss sich erklären, warum sie ihrem Mann vertraut hat, sondern die Gesellschaft muss sich fragen, wie ein solches Verbrechen jahrelang möglich war und unentdeckt bleiben konnte.
Nuhrs Pointe tut das Gegenteil. Pelicot und ihr Mann waren 50 Jahre verheiratet – und das, wie sie in ihrem Buch selbst schildert, sogar glücklich. Nuhrs vermeintliche Logik versucht, die Scham dort zu belassen, wo sie seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden war: bei den Opfern von Gewalt durch den Partner.
Beauvoir: Der Mann galt als die Norm
Mediale Sprache trägt ihren Teil dazu bei. Nach einer Tötung ist noch immer häufig von Beziehungstat oder Familiendrama die Rede, Begriffe, die das Verbrechen in den Privatbereich verschieben und ihm damit die gesellschaftliche Dimension nehmen.
Ein Femizid wird so zu einem bedauerlichen Einzelfall zwischen zwei Menschen mit mangelhaften Fähigkeiten zur Emotionsregulation. Weltweit tötet ein Partner oder Familienangehöriger etwa alle zehn Minuten eine Frau oder ein Mädchen. Das entspricht rechnerisch etwa 0,1 Femiziden pro Minute oder knapp 140 Morden jeden Tag.
Simone de Beauvoir liefert eine Erklärung, die älter ist als jede aktuelle Debatte. In „Das andere Geschlecht“ beschreibt sie: Der Mann gilt als Norm, als das Absolute, während die Frau zum Anderen wird, zu einer Abweichung, deren Erfahrung sich der allgemeinen, angeblich neutralen Sprache entzieht.
Wer eine Tötung privatisiert, wer sie Beziehungstat nennt statt Femizid, bedient genau dieses Muster. Die Sprache macht aus einem gesellschaftlichen Problem eine Reihe unzusammenhängender Einzelfälle, jeder für sich tragisch, aber keiner für sich politisch.
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Frauen werden lauter
2024 registrierte das Bundeskriminalamt 187.128 Frauen als Opfer häuslicher Gewalt, ein Anstieg von 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 132 Frauen wurden in Deutschland von ihrem Partner getötet, bei Partnerschaftsgewalt insgesamt waren 80 Prozent der Betroffenen weiblich. Gleichzeitig liegt die Anzeigequote laut der Opferbefragung LeSuBiA bei Partnerschaftsgewalt unter fünf Prozent, bei sexualisierter und digitaler Gewalt meist unter zehn Prozent.
Diese beiden Zahlen zusammen ergeben eine wichtige Einschränkung für jede steigende Statistik. Die registrierten Fälle nehmen zu, das lässt sich nicht bestreiten. Ob dahinter tatsächlich mehr Gewalt steckt oder eine wachsende Bereitschaft, Gewalt überhaupt anzuzeigen, lässt sich aus den Zahlen allein nicht trennen.
Das BKA selbst fordert, dass mehr Betroffene den Mut finden sollen, Taten anzuzeigen. Die angezeigten Fälle scheinen da nur die Spitze des Eisbergs zu sein.
Im Netz widersprechen Frauen Nuhr in Echtzeit, mit Verweis auf genau diese Zahlen, mit eigenen Erfahrungen, mit einer Direktheit, die sich Jahrhunderte lang angestaut hat.
Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung dieser Debatte: Nicht dass zwingend mehr Gewalt geschieht, sondern dass immer weniger Frauen bereit sind, als Opfer schamvoll zu schweigen. Frauen werden lauter. Das Schweigen muss ein Ende haben.
Dr. Ines Eckermann
ist feste freie Autorin bei Ethik heute. Sie machte einen Doktor in Philosophie. Sie arbeitet als Journalistin, Illustratorin und Buchautorin. Als ausgebildete Yogalehrerin und Seelsorgerin gibt sie Entspannungs- und Yogakurse. www. satzzeichnerin.de
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