Gewalt gibt es überall

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Wenn man anderen den eigenen Willen aufzwingt

Was ist Gewalt? Gewalt bedeutet, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen, mit dem Einsatz physischer oder psychischer Kraft. Das geschieht nicht nur in der großen Politik, sondern auch im Alltag. Doch wir könnten auch anders: die Bedürfnisse anderer respektieren und unterschiedliche Vorstellungen sachlich klären. 

Wir haben ein Problem mit Gewalt. Das ist auf der einen Seite offensichtlich. Und es wirft auf der anderen Seite Fragen auf. Die erste Frage lautet: Wer ist mit “wir” gemeint? Denn scheinbar haben nicht alle Menschen ein Problem mit Gewalt. Nicht alle Menschen wenden Gewalt an. Wenngleich wir schon wieder alle mit den Folgen von Gewalt zu tun haben.

Die zweite Frage lautet: Was ist eigentlich Gewalt? Hier muss man differenzieren – eine Forderung, die einige schon nicht mehr hören können. Aber tatsächlich gibt es viele unterschiedliche Formen der Gewalt. Wenn wir explizit von Gewalt sprechen, so steckt darin bereits eine Wertung. Gewalt ist meist nicht positiv besetzt. Eine dritte Frage könnte lauten: Muss es denn immer zu Gewalt kommen? Oder: Was sind die Gründe für die Anwendung von Gewalt?

Bei den Gründen für die Anwendung von Gewalt muss ich an das berühmte Zitat von Carl von Clausewitz denken: “Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.”

Des Weiteren führt Clausewitz aus, dass wir unserem Gegner im Krieg unseren Willen aufzuzwingen versuchen. Damit sind die wichtigsten Punkte angesprochen. Wenn ich “Krieg” als stellvertretend für “Gewalt” nehme:

Wenn einer Gewalt anwendet – und Gewalt richtet sich immer gegen andere Personen oder Dinge –, dann hat das zwei Gründe: Er oder sie möchte seinen Willen durchsetzen – der Gegenseite aufzwingen. Und er oder sie kommt anders nicht weiter und sieht sich scheinbar gezwungen, brachial vorzugehen: mit körperlicher oder psychischer Kraft.

Eigene Vorstellungen unbedingt durchsetzen

So können wir die große Politik lesen: Putin und sein Gefolge wollen die Ukraine in ihr vorgestelltes althistorisches russisches Reich einverleiben und greifen schließlich zu militärischen Mitteln. Im Nahen Osten wollen unterschiedliche Akteure (einschließlich Russland, China und die Vereinigten Staaten) ihre jeweils eigenen Vorstellungen der Gegenseite mit allen gebotenen Mitteln aufzwingen, und es kommt immer wieder zu einer scheinbar endlos eskalierenden Gewalt.

So können wir auch die Auseinandersetzungen im Alltag lesen, wo es zu Beschimpfungen, Handgreiflichkeiten und Sachbeschädigungen kommt, weil die eine Seite keine anderen Mittel sieht, um der anderen Seite ihren Willen oder ihre Vorstellungen aufzuzwingen.

Die Vorstellungen mögen berechtigt oder konfus und nicht zu begründen sein – das spielt erst mal eine untergeordnete Rolle. Es kommt aus drei Gründen zur Gewalt:

Erstens, es gibt mindestens zwei sich gegenüberstehende Seiten. Die anderen werden als Gegenseite begriffen. Zweitens, die eine Seite entwickelt spezifische Vorstellungen, mit denen sich die anderen aber nicht identifizieren können. Und drittens, die eine Seite will ihre Vorstellungen unbedingt durchsetzen und schreckt vor keinem Mittel zurück.

Wenn man nicht gelernt hat, sich auf Argumente zu stützen….

Damit komme ich zur zweiten Frage: Was ist eigentlich Gewalt? Wenn ich meine Vorstellungen mit Gewalt durchsetzen, einem anderen aufzwingen will, dann muss ich Widerstände überwinden oder brechen.

Im Krieg verletze ich Grenzen und Souveränität, wenn ich in ein anderes Land einmarschiere – oder Bomben abwerfe, Raketen und Drohnen abfeuere und Zerstörung anrichte. Die Gewalt von Kriegen ist am augenfälligsten. Die zu überwindenden Widerstände bestehen darin, dass ein anderes Land sich zu wehren versucht, entweder mit diplomatischen oder militärischen Mitteln.

In einer Demokratie müssen die Menschen lernen, sich respektvoll zu begegnen und argumentativ auseinander zu setzen. Das wiederum setzt guten Willen und die Bereitschaft voraus, sich umfassend zu informieren und auch mal die Perspektive der anderen Seite einzunehmen.

Allein diese Voraussetzungen sind nicht immer gegeben. Sie sind dann nicht gegeben, wenn Emotionen mit hineinspielen und die Menschen nicht gelernt und eingeübt haben, Fakten zur Kenntnis zu nehmen und Zusammenhänge zu sehen. Das sollten eigentlich schon die Schulen vermitteln und die Elternhäuser praktizieren.

Wenn die Menschen im Umkehrschluss solche zivilisatorischen Techniken nicht gelernt haben, bleiben nur die handfesteren Mittel. Wo Argumente und Worte fehlen, müssen Fäuste und Schlimmeres sprechen. Das hat eine lange, traurige Tradition. Auch hierzulande.

Gewalt gibt es auch im Alltag

Jetzt komme ich zur ersten Frage: Wer ist mit diesem “wir” gemeint? Wir haben ein Problem mit Gewalt – wir! Selbst diejenigen, die sich mit Fakten und Zusammenhängen, also mit Argumenten auseinandersetzen und das auch von kleinauf gelernt haben – auch sie haben ein Problem mit Gewalt – mit der eigenen und mit der Gewalt der anderen.

Unsere Gesellschaft ist alles andere als gewaltfrei. Heute werden die Kinder zwar nicht mehr geohrfeigt und gezüchtigt, aber verbale Angriffe gibt es. In den Klassenzimmern und auf den Schulhöfen greifen Jugendliche sogar die Lehrkräfte verbal und physisch an. Auch Mobbing in den sozialen Netzen bedeutet nichts anderes, als dass die Jugendlichen einander bewusst Gewalt zufügen.

In unserer Öffentlichkeit versuchen wir, möglichst alle Aspekte unseres Zusammenlebens mit Hilfe von Gesetzen zu regeln. Dennoch oder gerade wegen der Überfülle an gesetzlichen Regelungen üben Menschen in der einen oder anderen Form Selbstjustiz. Sie nehmen sich beispielsweise, was ihnen aus ihrer Sicht zusteht, reagieren auf Kleinigkeiten hochemotional, lassen inneren Druck in Form von Gewalt ab oder schimpfen grob verallgemeinernd auf „die da oben“.

Hinzu kommt die versteckte oder sublime Gewalt im Internet. Hier haben die Betroffenen sogar die Möglichkeit, im Schutze der Anonymität, die auch noch von den Datenschützern hochgehalten wird, ausfallend, beleidigend, herabwürdigend zu werden und Menschen des öffentlichen Lebens massiv zu bedrohen.

Kann Frieden herrschen, wenn alle zufrieden sind?

Mit “wir” sind wir alle gemeint. Es reicht nicht aus, selbst auf Gewalt zu verzichten. Solange die andere Seite – der Nachbar, die geschätzte Kollegin, der Vorgesetzte – in den Kategorien von Krieg und Gewalt, Abgrenzung und Identifikation, Durchsetzung und Eigennutz denken und handeln, wird es keinen Frieden geben.

Frieden ist ein Synonym für Gewaltlosigkeit auf der Grundlage von wechselseitiger harmonischer Bedürfnisbefriedigung. Wenn alle – aber auch wirklich alle zufrieden sind, kann und wird es keine Kriege, keine Konflikte mehr geben. Das Problem ist nur, dass die Menschen scheinbar niemals zufrieden sind. Und das können wir – jeder und jede einzelne von uns – an uns selbst beobachten und studieren.

Warum sind die Menschen nicht zufrieden? Diese Frage führt uns auf ein weites Feld. Ich habe in meinem Leben ein paar Dinge hierzu gelernt: Ich muss mir zwar nicht alles gefallen lassen, doch ich kann auch mal darauf sehen, was ich persönlich und wir als Gesellschaft alles schon haben, und mich damit zufrieden geben.

Es gibt immer ein Mehr und ein Noch-Etwas. Aber ich muss irgendwann einsehen, dass es einfach keinen Sinn macht, wenn ich immer mehr und immer bessere Dinge haben will. Ich muss meinen eigenen Willen reflektieren – die Vorstellungen, die ich mir von einem erfüllten Leben mache.

Und ich wage zu behaupten, die Erfüllung eines Lebens kann nicht darin bestehen, andere Menschen zu unterdrücken und zu bevormunden. Sie kann auch nicht darin bestehen, die natürliche Umwelt auszubeuten und regelrecht zu zerstören, Pflanzen und vor allem Tiere brutal zu dezimieren, um seinen kulturell bedingten Vorstellungen von Wohlstand und Wohlleben zu frönen.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Frieden fängt im Denken an

Im Grunde wissen die meisten Menschen das auch – das habe ich aus vielen Einzelgesprächen herausgehört. Doch ich vermute, sie handeln einfach anders – wider besseres Wissen. Oder weil sie sich dazu gezwungen sehen.

Diese Zwänge können real sein oder nur auf Einbildungen beruhen. Wir kommen hier bei dem zentralen Thema an, das nicht die Wirtschaft, sondern eben das Bewusstsein der Menschen ist. Echter Frieden entsteht nicht auf dem Lohnzettel, nicht auf dem Bankkonto, sondern im Kopf.

Also was tun? Frieden fängt im Denken an. Gewaltlosigkeit fängt im eigenen Bewusstsein und Handeln an. Was ich regelrecht einüben kann – täglich: auf einen Konflikt nicht mit Widerstand, nicht mit Gewalt oder Gegengewalt, nicht laut und krawallig zu reagieren. Stattdessen halte ich mich erst einmal zurück, warte ab, höre zu und versuche zu verstehen: Was will die andere Seite? Was braucht der oder die Andere?

Wenn ich das erst einmal verstanden habe – und das ist keine leichte Aufgabe – dann kann ich schon keine Gewalt mehr gegen andere ausüben. Wenn ich verstanden habe, dass der Andere Sicherheit oder einen festen Halt im Leben braucht und einfach Angst hat, dann reagiere ich auch dementsprechend.

Wenn ich verstanden habe, dass Tiere auch fühlende Lebewesen sind, die vor allem leben wollen, dann werde ich auch diesen Geschöpfen respektvoll und mit anderen Augen begegnen. Wenn ich einmal verstanden habe, dass Anhänger einer anderen Religion im Grunde die gleichen Ausgangsfragen und die gleichen Sehnsüchte und Ziele haben und vielleicht nur andere Worte verwenden, dann kann ich schon ungleich gelassener mit diesen Menschen umgehen.

Frieden beruht auf Gewaltlosigkeit

Was ist jetzt mit der Gewalt? Wir lesen und hören und schauen in den täglichen Nachrichten von der immensen Gewalt, die Kriege heutzutage entfesseln. Wir können teilweise selbst erfahren, wie aus alltäglichen Situationen heraus scheinbar plötzlich Gewalt ausbrechen kann.

In allen diesen Fällen versuchen die Kontrahenten nicht mehr, einander zuzuhören, einander zu verstehen, die Bedürfnisse der anderen Seite zu sehen. Diese Weigerung vor argumentativer Auseinandersetzung ist nicht selten wechselseitig.

Die Kontrahenten suchen die friedliche Auseinandersetzung deswegen nicht mehr, weil sie die andere Seite nicht respektieren und weil sie der Auffassung sind, eine Verhandlung würde eh keinen Sinn machen. So laufen die Dinge in der Ukraine, so verhalten sich die Dinge rund um den Iran, und diese Haltungen können wir ebenso in unserem eigenen Umfeld beobachten.

Frieden beruht auf Gewaltlosigkeit, und das setzt eine Einstellung voraus, die nicht alleine darauf aus ist, die eigenen Vorstellungen um jeden Preis durchzusetzen. Diese versöhnliche Einstellung wiederum setzt voraus, dass wir unsere eigenen Vorstellungen auch mal reflektieren und nicht für die einzig möglichen Vorstellungen auf dieser Welt halten.

Damit scheinen viele Protagonisten der Weltpolitik bereits überfordert zu sein. Wenn eine Seite keine Bereitschaft zu echten Verhandlungen zeigt, reicht dies, um einen Frieden unmöglich zu machen und Gewalt zu entfesseln.

 

Foto: privat

Sven Precht hat Philosophie und Literatur in Hannover und München studiert, war lange Jahre als Redakteur für unterschiedliche Medien sowie als Projektmanager tätig und schreibt heute über aktuelle Themen der Gegenwart. Er leitet eine Zen-Gruppe in Ravensburg und veröffentlicht unregelmäßig eigene Podcasts unter “auf ZENdung”.

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