Ein informatives Buch rund um die Vorsorge
Die Medizinethikerin Alena Buyx greift in ihrem Buch schwierige Themen auf, die jeden betreffen: schwere Krankheiten, Sterben und wie man sich gut vorbereiten kann. Sie informiert umfassend, führt berührende Fallbeispiele an und regt an, selbst nachzudenken. Ihre besonnene, kluge Art hilft, sich auf das Unvermeidliche einzulassen.
Es ist sonderbar: Um uns herum erkranken und sterben Menschen, nicht zuletzt wir selbst irgendwann, doch am liebsten würden wir diese Gedanken aus unserem Bewusstsein verbannen. Die Medizinethikerin Aleny Buyx ebnet uns mit diesem wichtigen Buch den Weg, einmal genauer über das Unerwünschte nachzudenken.
Und das Gute: Je mehr wir das tun, je mehr Wissen wir über Krankheit und Sterben haben, um so mehr verlieren diese Ereignisse ein wenig von ihrem Schrecken.
Die Medizinethikerin und frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats behandelt verständlich und lebensnah wichtige Lebensfragen und ihre ethische Dimension. Das Gute: Sie stellt viele Fragen, um zum Nachdenken anzuregen, und lässt zu, dass diese aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich beantwortet werden können.
Die Autorin schreibt verschiedene Kapitel zu Frühgeburt und Präimplantationsdiagnostik, Entscheidungen am Lebensende und wie sie vorbereitet werden können, Sterbehilfe und assistierten Suizid. Auch erörtert sie ausführlich das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Patienten sowie Fragen rund um die neuen Medizin-Technologien wie KI und Robotik in der Medizin.
Ihre Herangehensweise ist pragmatisch. So wird jedes Thema mit einem oder mehreren Fallbeispielen illustriert. Und diese haben es manchmal in sich: Es geht um schwere Erkrankungen, schwierige Entscheidungswege, etwa wenn keine Verwandten mehr da sind, verpasste Möglichkeiten, sich vorzubereiten, andere Spannungsfelder.
Ethische Abwägung hilft, Krisen zu meistern
Immer wieder macht die Autorin in ihrer ruhigen, klaren Art auf Dilemmata aufmerksam: etwa zwischen der Selbstbestimmung der Patientin und dem, was medizinisch indiziert ist, oder zwischen der Fürsorgeplicht des Arztes und dem akuten Zeitmangel im Klinikalltag.
Für all diese schwierigen Situationen gibt sie den Leserinnen und Lesern eingangs vier ethische Prinzipien an die Hand, mit Hilfe derer man in schwierigen Situationen Klarheit gewinnen und Lösungen erarbeiten kann:
Das Prinzip des Respekts vor Selbstbestimmung von Patienten, das Prinzip des Nichtschadens, das Prinzip der Fürsorge sowie das Prinzip der Gerechtigkeit, d.h. dass Ressourcen in der Medizin bedarfsgerecht und fair verteilt werden.
Es ist verblüffend zu sehen, wie diese Prinzipien selbst in ausweglos erscheinenden Situationen oder in harten Konflikten helfen können, Fälle zu analysieren und sinnvolle Entscheidungen zu treffen. So schreibt die Autorin:
„Ich bin sicher, dass die Fähigkeit der ethischen Analyse und Abwägung uns allen helfen kann, mit Krisen besser umzugehen und gut miteinander zu leben.“
Vorausschauend planen
Im Zentrum des Buches steht der Appell, die Menschen sollten Vorsorge für den Fall schwerer Krankheiten und für das Sterben treffen. Aber dabei bleibt es nicht: Alena Buyx gibt uns auch die notwendigen Informationen an die Hand, um selbstbestimmt und auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten jetzt schon Entscheidungen vorzubereiten.
Natürlich ist es nicht mit einer Patientenverfügung getan, denn das Leben ändert sich. So erinnert uns die Autorin auch an die „vorausschauende Versorgungsplanung“: In einem Austausch zwischen Patienten und Ärztinnen soll die Planung immer wieder an aktuelle Entwicklungen angepasst werden.
Die Fragen, über die wir nachdenken sollen, liefert sie gleich mit:
- „Was ist mir wichtig im Leben?
- Was soll Medizin beitragen (und was nicht)?
- Wer soll das vertreten, wenn ich es selbst nicht kann?“
Sehr hilfreich sind auch die Kapitel über das Sterben, die Sterbehilfe und was das überhaupt bedeutet. Hier klärt Buyx viele Missverständniss und weist auf den Kern hin: dass man bei der passiven Sterbehilfe „das Sterben zulässt“, wenn keine Heilung mehr möglich ist.
Und diesen Satz hört man eher selten aus dem Mund von Medizinern: „Man lässt den Tod geschehen, ist also ›passiv‹ mit Blick auf den Tod, nicht aber im Hinblick auf die Verbesserung von Lebensqualität.“
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Das Arzt-Patienten-Verhältnis gestalten
So einfühlsam, wie sie darüber schreibt, und auch in der Ausführlichkeit, in der sie schlimme Fallbeispiele schildert, fühlt man sich als Leserin darin bestärkt, sich mutig mit dem Unvermeidbaren zu konfrontieren. Denn auch das vermittelt die erfahrene Medizinerin: Es gibt immer Möglichkeiten, Leiden zu lindern und letztlich auch die schwierigsten Situationen zu meistern – im Team mit allen Beteiligten.
Im Kapitel über das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten weist sie darauf hin, wie wichtig es ist, dass wir dieses mitgestalten und auch selbst Verantwortung übernehmen. Denn, das sagt sie in aller Offenheit, hier gibt es viele Spannungen, sei es, dass die Selbstbestimmung missachtet wird oder die Fürsorge zu kurz kommt.
Alena Buyx schafft es mir ihrem Buch, uns die Angst vor der Auseinandersetzung mit Krankheit und Sterben zu nehmen. Ihre große Klarheit, Besonnenheit, die Fähigkeit, viele Perspektiven einzuschließen, und ihr Mitgefühl tragen dazu bei, das Sterben als wichtigen Teil des Lebens anzunehmen, darüber nachzudenken und mit anderen zu sprechen. Mehr kann ein Buch wirklich nicht leisten.
Birgit Stratmann
Alena Buyx. Leben und Sterben. Die großen Fragen ethisch entscheiden | Ein Kompass für die existenziellen Fragen, die uns alle angehen. Verlag S. Fischer 2025
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