Interview mit einer Überlebenden der Atombombenexplosion in Japan
Am 6. August 2025 jährt sich der Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima durch die USA zum 70. Mal. Miyoko Matsubara (1933-2018) hat überlebt und bis zu ihrem Tod vom Horror des Atomkrieges berichtet. „Menschen sollen nie erleben, was ich erlebt habe.“ Zum Jahrestag veröffentlichen wir ein älteres Interview mit der Zeitzeugin, in dem sie das Grauen beschreibt, das sie erlebte.
Text und Interview: Geseko von Lüpke
Es sollte eins der bewegendsten und berührendsten Interviews werden, das ich im Laufe meines journalistischen Lebens geführt habe.
Ich begegnete Miyoko Matsubara, dieser kleinen schmächtigen, etwas gebeugten Frau, vor zehn Jahren. Sie war eine ‚Hibakusha‘, eine Zeugin des Atomwaffen-Einsatzes in der japanischen Großstadt Hiroshima. Sie war von dem Tag, der ihr Leben prägen sollte, gezeichnet, ihr Körper nach mehr als 30 Operationen vernarbt und müde.
Im Alter von über 70 Jahren flog sie mit ihrer stillen, unbeugsamen Kraft zum x-ten Mal um die Welt, um die junge Generation zu warnen:
Zu warnen vor der Hölle, in die sie geblickt hatte, zu erinnern an das unermessliche Leid, zu deren Zeugin sie geworden war, Vorstellungen zu vermitteln vor dem nuklearen Holocaust, der unter dem Begriff der ‚atomaren Abschreckung‘ fast schon normal klingt.
Sie folgte ihrem inneren Auftrag, immer wieder eindringlich das Erlebte zu beschreiben. Als wir zusammensaßen, liefen uns beiden während des Gespräches die Tränen über das Gesicht.
Miyoko erzählte wie in Trance, während ihre Hände wie von alleine einen Friedenskranich für mich falteten, „den wohl Zehntausendsten“, wie sie mir beim Abschied sagte.
Miyoko Matsubara lebt nicht mehr, sie starb am 10. Februar 2018 im hohen Alter von 85 Jahren – 73 Jahre nach der Explosion der Atombombe über Hiroshima. Soll man solche Worte deshalb im Archiv verstauben lassen? Nein! Die Zeugenschaft bleibt lebendig und ist gerade in der heutigen Zeit wertvoll.
“Es gab einen riesigen Feuerball”
Das Gespräch mit Miyoko Matsubara
Frage: Frau Matsubara, Sie haben den Abwurf der Atombombe über Hiroshima überlebt. Was verbinden Sie mit dem Datum des 6. August 1945?
Matsubara: Als die Atombombe auf Hiroshima fiel, war ich gerade einmal 12 Jahre alt und Schülerin der siebten Klasse am Gymnasium. Die Bombe explodierte eineinhalb Kilometer entfernt von mir. Von den 250 Kindern an unserer Schule gehörte ich zu den 52, die überlebt haben.
Wie viele Menschen lebten in Hiroshima?
Matsubara: 350.000 Menschen lebten damals in Hiroshima, wovon rund 40.000 zum Militär gezählt werden konnten. Aber von Hiroshima war nie ein Angriff ausgegangen.

Seit dem 3. August 1945 war Hiroshima das erste Ziel, Kogura das zweite, Nigata das dritte und Nagasaki das vierte. Bei dem klaren Augustwetter hatten wir vom 3. August an jede Nacht zwei oder dreimal Luftalarm.
Als wir die Sirenen hörten, verließen wir die Stadt, stiegen in die Berge hoch oder gingen in die Bunker. Und wenn es vorbei war, kehrten wir wieder zurück. Obwohl es dauernd Luftalarm gab, folgte nie ein Angriff.
Niemand wusste, was das zu bedeuten hatte. Im Friedensmuseum kann man die Antwort heute lesen: Bei guten Wetterbedingungen sollten drei Bomber losfliegen und das Ziel mit den besten Sichtverhältnissen aussuchen. An diesem Tag war es furchtbar heiß bei strahlend klarem Himmel.
Was passierte dann in den frühen Morgenstunden an diesem Tag?
Matsubara: An diesem Tag gab es neun Minuten nach sieben einen Luftalarm, 20 Minuten später kam die Entwarnung. Das wirkte wie ein Zeichen, sich nicht länger zu sorgen.
Doch um Viertel nach acht erschienen drei Bomber über Hiroshima. Einer sollte die Bombe werfen, ein anderer fotografieren. Wir beobachteten, wie ein weißer Fallschirm hinten aus dem Flugzeug herausfiel: Es war die Atombombe.
Dann war da ein riesiger Feuerball, der sich donnernd in alle Richtungen ausdehnte. Ich warf mich auf den Boden. Im selben Moment war ein ohrenbetäubendes Brüllen in der Luft. Ich weiß nicht, wie lange ich dort bewusstlos lag, aber als ich wieder zu mir kam, war aus dem sonnigen Morgen eine dunkle Nacht geworden. Meine Kamaradin Takiko Hunaoka, die neben mir gestanden hatte, war wie vom Erdboden verschwunden. Alle waren weg.
Meine Hände waren auf die doppelte Größe angeschwollen.
Was war dieses Brüllen für ein Geräusch?
Matsubara: Das war, als hätte die Bombe die Erde selbst zerrissen. Tatsächlich aber explodierte sie 580 Meter über dem Shima-Krankenhaus. Die Erde bebte. Und als ich wieder zu mir kam, stellte ich fest, dass mich die Druckwelle fortgerissen hatte.
Als ich meine Hände ansah, waren sie auf ihre doppelte Größe angeschwollen. Die Haut löste sich ab und Teile hingen in Fetzen herunter. Weil mein Gesicht so schmerzte und brannte und auch weil es so furchtbar roch, griff ich nach meinem Tuch und hielt es vor mein Gesicht, aus dem kleine gelbe Tropfen fielen. Als ich sie abtupfen wollte, löste sich die Haut in meinem Gesicht ab. Also war auch mein Gesicht verbrannt. Dann schaute ich hinunter auf meine Füße. Auch an den Beinen waren Verbrennungen und die Haut löste sich ab.
Als Sie nach ihrer Bewusstlosigkeit wieder auf die Beine kamen, was war das für eine Szenerie?
Matsubara: Ich konnte überhaupt niemand sehen, denn überall war schwarzer Rauch. Es war sehr dunkel, man sah erst gar nichts. Die Menschen, denen ich dann begegnete, waren alle fast nackt und sahen aus wie Gestalten aus einem Horrorfilm. Alle schrien und klagten.
Eine Freundin starb in einem brennenden Haus
Wo gingen Sie dann hin?
Matsubara: Ich machte mich auf den Weg nach Hause, aber ich weiß nicht mehr, wie oft ich unter der Hitze zusammenbrach. Da waren viele Menschen unterwegs. Ich wunderte mich, warum sie nicht ins Wasser sprangen. Bis ich sah, dass der Fluss mit Leichen bedeckt war, die vom Wasser davongetragen wurden.
Viele andere Überlebenden konnten nicht mehr weglaufen, sie starben am Flussufer. Überall gab es grässliche Szenen. Wir kamen an einem brennenden Haus vorbei, aus dem sich eine Mutter hatte retten können.
„Lasst mich hinein! Bitte, lasst mich hinein!“, schrie sie, während mehrere Männer sie davon abhielten, zu ihrem fünfjährigen Sohn zu laufen, der unter den brennenden Trümmern lag. Da brach das ganze Dach herunter. Sie konnte nicht helfen. Und sie weinte so sehr. Und dann konnte Mitchiko nicht mehr weiter….
Und Sie waren zu schwach, um ihr zu helfen?
Matsubara: Wir mussten weg vom brennenden Haus. Doch sie sagte: „Lass mich hier. Geh Du zur Schule und sag den Lehrern Bescheid, wo ich bin. Geh jetzt, nun geh doch!“
Gleichzeitig baten mich ihre Augen darum, sie mitzunehmen. Ich konnte nicht helfen und musste mich verabschieden. Drei Tage später, als ihre Eltern sie fanden, lag sie tot unter einer Strohmatte. Es tut so weh, wenn ich an sie denke. Ich habe mich schuldig gefühlt an ihrem Tod.
Immer wieder war sie in meinen Alpträumen. Und dannhabe ich sie sagen hören: „Ich Danke Dir, Miyoko. Auch wenn Du nicht über mich sprechen willst, müssen wir berichten, wie schrecklich es war.“ Die Erinnerung an sie gibt mir die Kraft, die Geschichte immer wieder zu erzählen.
Ich wollte vor der Erinnerung weglaufen.
Wieso gab es überhaupt Menschen, die das Inferno überlebten?
Matsubara: Im Radius von einem Kilometer war alles tot. Im Radius von eineinhalb Kilometern – wo unsere Schule war – wurden die Menschen hochgradig verstrahlt und erkrankten an Krebs. Auch ich habe Krebsoperationen hinter mir.
Ich bin die einzige, die über diesen Tag den Schülern und Studenten heute noch erzählt. Mehr als einmal wollte ich vor dieser Erinnerung weglaufen. Aber immer wieder denke ich, dass ich den jungen Menschen davon erzählen sollte.
Warum, glauben Sie, ist das so wichtig?
Matsubara: Ich habe Angst, dass die Kinder nicht mehr wissen, was Krieg bedeutet und vielleicht wieder einen Krieg vom Zaun brechen, wenn sie groß sind. Deshalb glaube ich, sie zu unterstützen wie eine Mutter, wenn ich davon erzähle, solange sie jung sind. Damit sie nie erleben müssen, was ich erlebt habe.
Alles war dunkel, schwarz wie die Nacht.
Wenn wir in Büchern von der Gewalt einer Atombombe lesen, dann sind das lediglich trockene Fakten. Welche Gewalt hatte die Bombe im Zentrum von Hiroshima tatsächlich?
Matsubara: Die Vereinten Nationen zählten 140.000 Tote bis Ende 1945. Als die Atombombe in Höhe von 580 Metern explodierte, entstand ein Feuerball mit einer Temperatur von 100.000 Grad Celsius.
Direkt unter dem Abwurfpunkt wurden viele Menschen unmittelbar verbrannt. Die Schockwelle der Explosion war mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern in der Sekunde elf Mal so stark wie ein Taifun oder Hurricane.
Und dann kam noch die Strahlung dazu. Fünf oder sechs Einheiten dieser Radioaktivität reichen aus, um an Krebs oder Leukämie zu erkranken. In Hiroshima waren es 700 Einheiten.
Sie schafften es, aus dieser hochgefährlichen Region herauszukommen. Doch dann kam der schwarze Regen, nuclear fallout genannt. Was ist das?
Matsubara: Verstrahlter Staub. Alles war hoch in die Luft gewirbelt worden und setzte sich dann als schwarzer Regen wieder ab. Das sah aus wie eine riesige dunkle Gewitterwolke, die über der Stadt lag, 20 Minuten später begann der schwarze Regen. An manchen Orten regnete es drei Stunden lang. In Hiroshima wurde es sehr kalt. Alles war dunkel, schwarz wie in der Nacht.
Ich hatte 20 Operationen in sieben Monaten.
Welche Verletzungen und Krankheiten traten bei Ihnen als Spätfolge des Atombombenabwurfs auf?
Matsubara: Es begann mit hohem Fieber, Durchfall, Erbrechen, Zahnfleischbluten, die Hälfte meiner Haare fielen mir aus. Für vier Tage stand ich an der Schwelle des Todes.
Es dauerte zwei Monate, bis mein Gesicht einigermaßen geheilt war, vier Monate benötigte die Heilung der Hände und Arme sowie acht Monate, bis Verletzungen an den Beinen weg waren.
Aber trotzdem traute ich mich ohne Augenbrauen und mit den verbrannten Augenlidern nicht auf die Straße, denn die Augen waren jetzt immer offen. Ich wollte so gerne heiraten.
Mit 20 Jahren hatte ich in sieben Monaten 20 Operationen. Danach konnte ich wenigstens meine Augenlider wieder schließen, meine Finger und meinen Arm wieder ausstrecken.
Wie kommt es, dass die Überlebenden, die man Hibakushas nennt, in Japan wie Aussätzige behandelt werden?
Matsubara: Da hat die Geschichte von Sasako Sasazi eine große Rolle gespielt, die zehn Jahre nach der Bombe durch die Presse ging. Sasazo war zwei Jahre alt, als die Bombe explodierte; sie war damals drei Kilometer vom Ort der Explosion entfernt.
Sie war jung und aktiv, doch plötzlich bekam sie Leukämie und starb. Viele Paare brachten schwer behinderte Kinder zur Welt. Deshalb wollte niemand eine Frau haben, die eine Hibakusha war.
Wir wollen keine Atomwaffen mehr in der Welt!
Überleben Sie den Schrecken psychologisch, indem sie sich immer wieder erinnern und berichten?
Matsubara: Ich sehe es als meine Aufgabe an, diese Geschichte immer wieder zu erzählen. Es ist wie eine Mission, mit der ich es schaffe, meine Schwäche zu überwinden. Wenn ich den Menschen die Geschichte erzähle und sie zuhören, dann versprechen sie mir, mitzuarbeiten und sich zu engagieren.
Mein Appell: Wir wollen keine Atomwaffen mehr in der Welt! Immerhin wurden Atomtests mittlerweile vertraglich gebannt. Und der Internationale Gerichtshof hat erklärt, dass die Lagerung und die Verwendung von Atomwaffen gegen die Menschlichkeit verstoßen und nicht im Sinne der Vereinten Nationen sei.
Aber ich mache mir große Sorgen. Wenn diese Geschichte den jungen Menschen nicht mehr weitererzählt wird, fangen sie vielleicht wieder einen Krieg an. Ich habe immer das Gefühl, das uns die Zeit ausläuft und wir uns beeilen müssen.
Aber eigentlich heißt das, dass für Sie jeder Tag der 6. August 1945 ist.
Matsubara: Ja, so ist es. Für alle anderen war der Krieg zu Ende. Wir Hiroshiama-Überlebenden sind alle strahlenkrank. Selbst wenn wir uns erholt haben, kann morgen ein neuer Krebs ausbrechen. Für eine Hibakusha ist tatsächlich jeder Tag der 6. August 1945. Das werden wir niemals los. Es begleitet uns unentwegt.
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