Wie Hoffnung Verbundenheit stiftet
Eine Gesellschaft wird zur Gemeinschaft, wenn sie gemeinsam hofft und entsprechend handelt. Der Philosoph Krisha Kops schreibt über die Hoffnung als persönlich-soziale Praxis: Sie geht vom Einzelnen aus und springt auf das Wir über. So kann gemeinsam Zukunft gestaltet werden.
Das Hoffen ist eine unterschätzte Kraft im menschlichen Leben. Hoffnung lässt uns schneller gesunden und besser mit Krankheiten umgehen. Im Allgemeinen ist sie Medizin gegen die Widrigkeiten des Lebens.
Sie macht uns dankbarer und freundlicher. Beziehungen gewinnen durch sie an Kraft, auch die zu uns selbst. Gerade weil Hoffnung unseren Fokus vom Kurzfristigen auf das Langfristige lenkt, fördert sie ferner Moral und Selbstlosigkeit.
In der Philosophie wird zwischen drei Arten des Hoffens unterschieden: der willentlichen, der wünschenden und der responsiven, also antwortenden. Die willentliche Hoffnung ist passiv, wir erwarten ihre Erfüllung durch andere. Damit machen wir uns abhängig, ohne uns selbst zu verantworten.
Die wünschende Hoffnung steht am anderen Ende des Spektrums. In ihr degradieren wir die anderen zu bloßen Mitteln, um unsere eigenen Hoffnungen zu erfüllen. Demgegenüber steht die responsive Hoffnung. Sie begreift Hoffen als gemeinschaftliche Praxis, in der wir weder uns selbst überschätzen noch uns klein machen.
Responsive Hoffnung ist einer der Gründe, warum aus einer anonymen Masse ein Miteinander wird. Mehr noch: Eine Gesellschaft ist nur in dem Maße Gemeinschaft, wie sie gemeinsam hofft und dadurch handelt.
Geeint durch Hoffnung, verbunden durch ein gemeinsames Ziel, werden vereinzelte Ichs zu einem Wir. Die Egos schrumpfen, begreifen sich relational, in Beziehung. Nicht nur in Bezug auf Gemeinschaft oder Religion verleiht das Hoffen dem Individuum die Fähigkeit, sich an etwas Größeres zu binden.
Am Anfang steht die Hoffnung des Einzelnen
Diese Hoffnung ist übertragbar, ja ansteckend. Wo in einer Gemeinschaft bereits ein gewisses Momentum besteht, bildet sich eine Art Hoffnungsatmosphäre, die fast unwillkürlich, beinahe unterbewusst auf andere überspringt.
Wie so oft ist Hoffnung hier zunächst ein Gefühl, das erst später rationalisiert wird. Dabei wird die Hoffnung umso stärker, die Hoffnungsatmosphäre umso dichter, je mehr Menschen sie atmen. Und so folgt aus Hoffnung Handlung und aus Handlung Hoffnung.
Damit eine solche Atmosphäre entstehen kann, braucht es eine kritische Masse. Gerade deshalb kommt es anfangs auf die Hoffnung der Einzelnen an, egal wie aussichtslos die Situation auch erscheinen mag.
Ist die kritische Masse erreicht, wächst Hoffnung nicht mehr linear, sondern exponentiell, dann ergibt dein, mein und unser Hoffen zusammen nicht drei, sondern mindestens vier.
So verhält es sich auch mit den Möglichkeiten. Sie potenzieren sich, wenn Hoffnungen sich finden. Was ich alleine nicht erwarten kann, lässt sich sehr wohl in der Gemeinschaft erhoffen.
Man stelle sich vor, was geschähe, wenn es viele Menschen gäbe, die diese Art der Hoffnung praktizierten: Dann würde auch der letzte Überwachungsstaat fallen und selbst der größte Big Brother wäre plötzlich ganz klein.
Hoffnung stärkt Verbundenheit
Gesellschaften der Angst sind von Selbstsucht und Konkurrenz bestimmt, Hoffnungsgemeinschaften hingegen von Solidarität und Kooperation. Das liegt daran, dass Hoffnung kein isoliertes Phänomen ist.
Wenn Menschen etwa gemeinsam hoffen, teilen sie etwas und treten in Kontakt. Treten Menschen in Kontakt, wächst das Vertrauen. Wächst das Vertrauen, wirkt sich das unter anderem positiv auf Wirtschaft, Politik und Psyche aus.
Oder man denke an den Sinn, den Hoffen sowohl dem Einzelnen als auch der Gemeinschaft verleiht. Sinn entsteht, wenn das Leben uns Fragen stellt und wir darauf eine Antwort finden.
Die sinnvolle Antwort kann ebenso Kraft der Hoffnung hervorgehen, wie sie selbst neue Hoffnung zu schenken vermag.
Hoffnung als persönlich-soziale Praxis
Solange es sich um eine wirkliche Gemeinschaft handelt, in der die Individuen nicht erneut in einer gesichtslosen Masse verschwinden, wirkt die responsive Hoffnung zugleich als Korrektiv.
Wenn wir gemeinsam etwas erhoffen, das nur in vagen Konturen am Horizont der Zukunft aufscheint, sind wir gemeinsam gefordert, es schärfer zu erkennen.
Sprich: Hoffnung muss korrigierbar sein. Einerseits, weil sie eine Art Utopie ist, gerichtet auf eine von Ungewissheit umnebelte Zukunft. Und wie jede Utopie kann sie sich als fehlerhaft erweisen.
Deshalb muss das Hoffen samt dem Objekt, auf das es gerichtet ist, revidierbar bleiben. Lernend aus den eigenen Handlungen und deren Folgen, gilt es, beständig an der Hoffnung selbst, an seinem utopischen Wesen, zu arbeiten.
Weiter müssen wir, unabhängig vom erhofften Ziel, die Art des Hoffens selbst verändern können. Genau deswegen lesen Sie diese Worte. Nicht „Was dürfen wir hoffen?“ ist die entscheidende Frage, sondern „Wie sollen wir hoffen?“
Und wie alle persönlich-soziale Praxis ist das Hoffen in einen kulturellen und historischen Kontext eingebettet. Daher liegt es daran, eine Form des Hoffens zu entwickeln, die den Anforderungen der Gegenwart standhält. Allein das Debattieren reicht jedoch nicht: Wir müssen die Hoffnung auch einüben, sie pflegen, sie kultivieren.
Unser YouTube-Kanal
Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.
Hoffnung durch Handeln
Sollen wir also hoffen? Ja. Und wie. Vielleicht können wir gar nicht anders. Vielleicht ist es etwas allzu Menschliches, weil wir immer schon über uns hinaus, immer schon zukünftig und unfertig sind.
Es geht uns wie dem Philosophen Cicero: „Dum spiro, spero“ – Solange ich atme, hoffe ich. Selbst wenn der Mensch nicht das einzige hoffende Tier sein mag, gibt es doch ein spezifisches Hoffen, das wir Menschen jetzt brauchen: ein handelndes, gemeinsames und korrigierbares.
Nicht nur ein Atmen und Hoffen, sondern ein Hoffen mit langem Atem, gar eine „radikale Hoffnung“, die im Angesicht der zusammenbrechenden gewohnten Strukturen nicht auf Altbekanntes zurückgreift, sondern aus Neuem schöpft.
Ein Hoffen, das sich an alle anderen Formen des Handelns und Denkens schmiegt, so dass wir hoffend lieben, hoffend sprechen, ja, hoffend leben.
Die Langfassung dieses Essays findet sich im Magazin der 5plus-Buchhandlungen: 5plus.org
Dr. Krisha Kops
ist Philosoph und Schriftsteller. Er arbeitet an der Hochschule für Philosophie München. Dort ist er unter anderem für das Modulstudium „Ethik des interkulturellen Dialogs“ mitverantwortlich, ein neues Onlineprogramm besonders für diejenigen, die sich mit den ethischen Fragen einer globalisierten Welt auseinandersetzen.
Online-Abende
rund um spannende ethische Themen
mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen
Ca. 1 Mal pro Monat, kostenlos