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„Ich kann nicht mehr Teil des heutigen Israel sein“

Foto: privat

Interview mit der Israelin Yael Treidel

Die Friedensaktivistin Yael Treidel hat ihre Heimat Israel verlassen. Im Interview spricht sie über die dramatischen Veränderungen nach dem Angriff der Hamas, warum sie die Gewalt der israelischen Regierung gegen Frauen und Kinder in Gaza ablehnt und wie das Wertesystem in Israel gekippt ist.

 

Das Gespräch führte Mike Kauschke

Frage: Wir haben zuletzt kurz nach den schrecklichen Anschlägen der Hamas am 7. Oktober 2023 miteinander gesprochen. Seitdem ist viel passiert. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Treidel: Die Ereignisse vom Oktober 2023 waren für die Menschen in Israel und auf der ganzen Welt schockierend. Menschen, die ich kenne, und einige, mit denen ich zusammengearbeitet habe, wurden getötet oder entführt.

Als der Krieg begann, dachte ich, dass er höchstens drei Monaten dauern würde. Mit meinem Partner nahm ich im November 2023 an einer der ersten Anti-Kriegsdemonstrationen teil. Wir waren damals eine Minderheit.

Jetzt dauert der Krieg schon zwei Jahre und ist damit der längste in der Geschichte Israels. Aus meiner Sicht begeht Israel in Gaza einen Völkermord. Aber es gibt nur wenige Menschen in Israel, die das sagen.

Die Bilder aus Gaza, die weltweit über die Medien zu sehen sind, werden in den israelischen Medien nicht gezeigt. Journalisten, die darüber berichten, bekommen Ärger, also hören sie einfach auf.

Es ist für mich eine moralische Tatsache, dass man Frauen und Kinder nicht tötet.

Sie sehen also eine dramatische Veränderung in der israelischen Gesellschaft, Wird es schwierig oder sogar gefährlich, eine andere Meinung zu vertreten?

Treidel: Ein Mensch gilt in srael als radikal, wenn er sagt, dass er Mitleid mit den Kindern in Gaza hat. Ich beispielsweise werde als extrem links angesehen, nur weil ich denke, dass Kinder und Zivilisten insgesamt geschützt werden sollten. Für mich sind es grundlegende Werte, dass unschuldiges Leben zu schützen ist.

Derzeit gibt es einen kleinen Wendepunkt. Vor einigen Monaten begann eine Gruppe von Menschen während der größeren Protestefür die Rückholung der Geiseln Bilder von toten Kindern aus Gaza hochzuhalten.

Anfangs wurde das nicht toleriert. Die Gruppe wurde aufgefordert zu gehen. Aber langsam wächst die Zahl der Menschen, die solche Fotos hochhalten, und die Ablehnung nimmt ab.

Ich hoffe, dass mehr Menschen bekunden, dass es unmoralisch ist, Menschen auf diese Weise zu bombardieren. Die Leute erklären zwar, es sei notwendig, da sich die Hamas unter Krankenhäusern und Schulen versteckt. Aber für mich ist es eine moralische Tatsache, dass man Kinder und Frauen nicht tötet. Außerdem glaube ich, dass überhaupt keine politische Strategie dahinter steckt.

Das Leben in einer Gesellschaft mit einem solchen Wertesystem wurde für mich unerträglich.

Sie arbeiten mit der NGO Road to Recovery und Woman Wage Peace zusammen. Inwiefern wird diese Arbeit fortgesetzt?

Treidel: Woman Wage Peace und ihre palästinensische Partnerorganisation Women of the Sun arbeiten weiter. Sie wurden für den Friedensnobelpreis nominiert und mit weiteren Preisen ausgezeichnet.

Derzeit konzentriere ich mich auf meine Tätigkeiten bei Road to Recovery und fungiere als Koordinatorin. Das hilft mir, inmitten der Entmenschlichung, der Gewalt und der Rache meine geistige Gesundheit zu bewahren.

Road to Recovery ist eine NGO, die mit Hilfe israelischer Freiwilliger palästinensische Patienten mit lebensbedrohlichen Krankheiten von den Kontrollpunkten zu Krankenhäusern in Israel und zurück fährt. Dies ist notwendig, weil in den besetzten Gebieten nicht die erforderliche medizinische Versorgung vorhanden ist. Vor dem 7. Oktober haben wir Menschen aus Gaza und dem Westjordanland transportiert. Aus Gaza ist das nicht mehr möglich.

Ich arbeite mit palästinensischen Koordinatoren zusammen, sodass ich täglich Kontakt zu Palästinensern habe. Dieser direkte Kontakt hilft mir und anderen Engagierten, mit der Situation umzugehen.

Die gemeinsame Zeit im Auto ist ein kleiner Moment gemeinsamer Menschlichkeit, des Friedens. Wir schaffen eine menschliche Verbindung. Die Vorurteile, dass alle Israelis Soldaten und Palästinenser Terroristen sind, werden durchbrochen.

Unser YouTube-Kanal

Wir haben angefangen, unseren youtube-Kanal auszubauen. Denn unsere kostbaren Inhalte sind es wert, auch in anderen Formaten Menschen zu inspirieren.

Es gibt keine andere Wahl, als weiterzumachen und sich inmitten dieses Albtraums auf die Momente gemeinsamer Menschlichkeit zu konzentrieren.

Sie sind vorerst aus Israel weggezogen, nach Freiburg in Deutschland. Warum?

Treidel: Das Leben in einer Gesellschaft mit einem solchen Wertesystem wurde für mich unerträglich. Es war nie perfekt, aber wir haben jahrelang dafür gekämpft, eine politische Lösung zwischen Israel und Palästina zu finden. Das ist nie geschehen, aber ich hatte immer die Hoffnung, dass sich etwas ändern würde.

Es war für mich schockierend zu sehen, wie schnell das Wertesystem gekippt ist – nicht nur in der Regierung, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Für mich war es nicht mehr möglich, dort zu bleiben, weil ich ständig in einem inneren Konflikt lebte.Wir wollten einfach eine Weile an einem normalen Ort leben, der nicht so konfliktreich ist.

Haben Sie die Verbindung zu Israel abgebrochen?

Treidel: Ich habe immer noch Kontakt zu Menschen in Israel und setze meine Arbeit für Road to Recovery online fort. Für mich ist es eine Erleichterung, an einem anderen Ort zu sein.

Ich verfolge die Nachrichten und gehe danach zum Beispiel in den Bergen spazieren. Das schafft ein wenig Abstand in meinem Kopf und in meinem Herzen. Außerdem bin ich Schriftstellerin, aber in Israel konnte ich in letzter Zeit nichts schreiben. Ich hoffe, dass ich hier wieder schreiben kann.

Wir sind nicht die Einzigen, die weggehen; es gibt Menschen, die nicht wollen, dass ihre Kinder in dieser Atmosphäre aufwachsen. Viele Menschen sind wütend auf die Regierung, weil sie die Geiseln im Stich lässt, während diese gefoltert werden.

Der Gesellschaftsvertrag zwischen dem Staat und seinen Bürgern ist gebrochen. Die Menschen fühlen sich nicht mehr sicher. Deshalb verlassen sie das Land aus verschiedenen Gründen.

Es ist eine verzweifelte Situation. Wie hat sich Ihre Sichtweise auf die Möglichkeiten in diesem Konflikt verändert?

Treidel: Ich glaube nicht mehr daran, dass dieser Konflikt in meiner Generation gelöst werden kann. Ich habe immer gedacht, dass man in Israel eine große Naivität braucht, um Friedensaktivistin zu sein. Das gilt heute mehr denn je.

Aber es gibt keine andere Wahl, als weiterzumachen und sich auf die Momente gemeinsamer Menschlichkeit zu konzentrieren, die inmitten dieses Albtraums möglich sind.

Kurze Sequenz aus dem Interview: 

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Yael Treidel, Autorin und Übersetzerin, engagiert sich seit vielen Jahren als politische und soziale Aktivistin in den Bewegungen Women Wage Peace und der NGO The Road To Recovery. Ihr Roman „When the Water Rises“ erschien 2022. www.womenwagepeace.org.il/en/

www.theroadtorecovery.org.il

 

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