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„Ich musste die Komfortzone verlassen“

Warum Gerd Ullmann seine Firma auflöste und heute im Altenheim arbeitet

Gerd Ullmann hatte ein florierendes Unternehmen, doch er spürte eine innere Leere und sah keinen Sinn in seinem Leben. Er gab alles auf und arbeitet heute als Altenpfleger. Trotz der Härten macht es ihn glücklich, den Schwächsten helfen zu können.

Eingesperrt in der Komfortzone – so beschreibt Gerd Ullmann, 52, sein Leben, als er Anfang 30 war. Damals hatte er eine gut gehende Firma für Kinderausstattung mit 12 Mitarbeitern. Auch familiär lief alles bestens: Mit seiner Frau verstand er sich gut und hatte später zwei Kinder, die ihm viel Freude bereiteten.

Doch irgendetwas stimmte für ihn nicht. Ist das mein Leben? Ullmann spürte in seinen 30ern immer mehr eine innere Leere und rutschte in eine Depression. „Ich merkte, dass mir etwas Essenzielles fehlte“, beschreibt er heute dieses Gefühl. „Ich sah keinen Sinn in meinem Leben, auch wenn es von außen so einen perfekten Eindruck machte.“

In der Freizeit nahm er Bücher zur westlichen Philosophie zur Hand, las Platon und die Stoiker, um sich Inspiration zu holen. Irgendwann stieß er auf den Buddhismus, an dem ihm vor allem die Meditationspraxis und die Philosophie interessierte, insbesondere die Botschaft „Ich kann mich verändern“.

Ohne Netz und doppelten Boden

Doch es sollte von seinen anfänglichen Zweifeln noch ca. 14 Jahre dauern, bis der Unternehmer den Mut zu einer radikalen Entscheidung fand: 2007 löste er die Firma auf und verkaufte das Betriebsgebäude. Was war es, das ihn antrieb? „Vor allem ein starkes Bedürfnis nach Freiheit. Ich wollte mich von inneren Zwängen und Gewohnheiten lösen“, so der 52-Jährige.

Die inneren Verwerfungen waren so stark, dass er auch die Trennung von seiner Frau geschehen ließ und alle Sicherheiten, allen Komfort aufgab. Seine Ersparnisse reichten für ein paar Jahre, doch dann musste er sich überlegen, wie er leben und vor allem auch sich ernähren wollte.

2011 zog Ullmann aufs Land und mietet sich eine günstige kleine Wohnung. Ein Jahr später bewarb er sich als Pflegehelfer in einem Altenheim für  an Demenz erkrankte Senioren. An den 1. Tag erinnert sich noch haargenau. Er sollte mit der Stationsleiterin mitlaufen und ihr zur Hand gehen.

Sie betraten das Zimmer eines inkontinenten Patienten, der an einer Durchfallerkrankung litt. „Die Hilflosigkeit dieses Menschen hat mich tief betroffen gemacht“, schildert er seine Gefühle. „Natürlich gab es auch Ekel und Widerwillen beim Saubermachen. Aber ich spürte, wie sinnvoll so eine Tätigkeit war, mit der ich den Schwächsten unserer Gesellschaft helfen konnte.“

„Mein Ego wurde filetiert“

Keiner glaubte, dass er diesen Job aushalten würde. Insbesondere auch deshalb, weil er die Selbständigkeit, die er als Unternehmer hatte, ganz und gar aufgeben musste. Er fing hier ganz unten an – als Hilfspflegekraft, da er keine Ausbildung in diesem Gebiet hatte. „Andere sagten mir den ganzen Tag, was ich zu tun habe, das war für mich die größte Herausforderung“, so Ullmann.

Zur Unfreiheit gehörte auch, dass er im Schichtdienst arbeitete und im Dezember schon den gesamten Urlaub für das Folgejahr angeben musste. Jeder Tag war damit verplant. „Mein Ego wurde filetiert, und ich musste es auf dem Tablett servieren,“ sagt Ullmann scherzhaft, und man merkt, wie stark er innerlich mit dieser Situation gefordert war.

Eine Demenz-Station ist so ziemlich das Herausforderndste, was man sich in der Altenpflege vorstellen kann. Und obwohl das Heim sehr gut geführt ist, gibt es immer wieder Personalmangel. Ist die Station voll belegt, kommen auf ca. 46 Patienten fünf bis sechs Pfleger in der Frühschicht und vier in der Spätschicht.

Die Betreuung der Demenz-Kranken ist aufwändig. Sie brauchen Unterstützung beim Anziehen, Gang zur Toilette, Waschen, Essen, Trinken und dem Verabreichen von Medikamenten. Viele sind unruhig und laufen den ganzen Tag im Haus umher, das zu ihrem eigenen Schutz abgeschlossen ist. Für die täglichen Routinen müssen die Bewohner „eingesammelt“ werden, was allein schon Geduld erfordert, weil sie immer wieder weglaufen wollen.

Zuwendung hilft

Oft sind die Bewohner verzweifelt und schwermütig. Wie bekomme ich einen solchen Bewohner morgens aus dem Bett, ist eine Frage, die sich die Pflegekräfte immer wieder stellen. Ullmann hat mit der Zeit seine eigenen Strategien entwickelt. „Zuwendung ist das A und O, denn das mindert den Stress – und zwar für beide Seiten,“ schildert er seine Erfahrung.

„Wenn ich zum Beispiel einen Demenzkranken, der schlecht drauf ist, in den Arm nehme, dann merke ich sofort, wie sich seine Verkrampfung löst. Und das mindert den Stress auch bei mir selbst. Würde ich mich von ihm abwenden oder sauer reagieren, entstünden auf beiden Seiten Schmerz und Frustration.“

Gibt es denn überhaupt Zeit für Zuwendung? Ullmann hat darüber viel nachgedacht: „Sobald sich ´Ich`und ´Du` auflösen und Nähe entsteht, ist es, als würde sich die Zeit dehnen. Es klingt vielleicht komisch, aber wenn es mir gelingt, wohlwollend zu sein, entsteht Glück, und ich baue eigene innere Ressourcen auf.“ Hinzukommt, dass Patienten durch Zuneigung beruhigt sind, und das hält oft länger an.

Ist es möglich, allen Kranken die gleiche Zuwendung zu geben? „Am Anfang hatte ich meine Lieblinge und andere, die ich weniger mochte. Doch ich habe lange darüber nachgedacht: Was unterscheide ich hier eigentlich? Alle sind gleichermaßen krank und hilflos. Alle sind gleich und brauchen Nähe und Unterstützung. Einige vorzuziehen und andere abzulehnen – das sind einfach nur Gedanken in meinem Kopf, die mit der Realität nichts zu tun haben.“ Heute, so sagt er, sehe er sie alle als gleich an.

Hier half ihm auch die buddhistische Philosophie und Meditation, die er täglich praktiziert. Die inneren Ressourcen machen ihn stark. Denn der Umgang mit Demenz-Kranken ist extrem fordernd. „Man kommt immer wieder an Grenzen“, beschreibt Ullmann das. „Ich erinnere mich an eine Frau, die von morgens bis abends hinter uns stand und nur einen Satz wiederholte – zig Mal, hunderte Mal: ´Gib mir bitte Hunger.´ Wenn du nicht gelernt hast, mit deiner Wut umzugehen, bist zu verloren.“

Zu wenig Unterstützung für die Pflegekräfte

Wut ist ein großes, aber auch ein verleugnetes Thema in der Pflege. Viel Arbeit und Verantwortung, wenig Personal, kranke, verwirrte Bewohner – das ist der Nährboden für Gefühle von Frustration, Widerstand, Aggression und Ausgebranntsein.

„Es gibt viel zu wenig Hilfe für die Pfleger“, kritisiert Ullmann. Zwar sind fachliche Fortbildungen vorgesehen, die sich darum drehen, die Pflege effizienter zu machen. Aber niemand zeigt ihnen, wie sie mit ihren Gefühlen konstruktiv umgehen und Resilienz aufbauen. Keine Supervision, kaum Wertschätzung und immer mehr Druck – das sei der Alltag der Pfleger.

„Viele leiden sehr stark an ihren Emotionen. Mir ist völlig schleierhaft, wie sie das bewältigen“, so der 52-Jährige. Er selbst wendet Meditation an – und zwar regelmäßig –, sonst könnte er diesen Alltag nicht überstehen. „Ich übe, mit negativen Gefühlen präsent zu sein, sie nicht zu leugnen und nicht auszuleben. Beobachten, wie beispielsweise Wut entsteht, eine Weile da ist und sich wieder legt.“ Aus dieser Präsenz heraus kann er dann wieder auf den anderen zugehen und ihm Fürsorge angedeihen lassen.

Wie lange er diese Arbeit noch machen wird? „Wenn mich nichts mehr stört und es keine Herausforderung mehr gibt, dann ist diese Aufgabe für mich erledigt“. Gerd Ullmann braucht die Herausforderung, weil sie ihm inneres Wachstum ermöglicht – das, was er schon als Unternehmer immer gesucht und jetzt endlich gefunden hat.

Birgit Stratmann

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